Inhalt und Ziele

1. Projekttitel:   Öffentliche und private Architektur in Buchara in der Zusammenschau von islamischer Kunstgeschichte, Restaurierungswissenschaft und Bauforschung.

2. Einführung

Das UNESCO-Architekturschutzgebiet der Altstadt von Buchara (Usbekistan) gehört zu den bedeutendsten Ensembles historisch gewachsener Stadtstrukturen in Zentralasien. Es beherbergt eine große Zahl wichtiger Einzeldenkmäler und einzigartige, in Nutzung und Bestand historisch gewachsene Stadtviertel.

Das Forschungsprojekt soll sich der wissenschaftlichen Untersuchung des Stadtviertels Khoja Zayniddin widmen, in dem bis heute die traditionelle Struktur erhalten geblieben ist. Der Kern des Quartiers ist die kunsthistorisch bedeutsame Moschee Khoja Zayniddin und das sie umgebende Gebäudeensemble. Während die Moschee zumindest am Rande architekturgeschichtlicher Abhandlungen erwähnt wird, gibt es noch keine Beschreibung des Altstadtviertels mit seinen Wohnbauten und öffentlichen Gebäuden. Der Holzbau, der eine überragende konstruktive und dekorative Bedeutung besitzt, wurde nur am Rande behandelt. Auch wurde die Geschichte der Architektur der Schaibaniden, zu denen das Khoja Zayniddin-Ensemble zählt, bis in jüngste Zeit nur im regionalen Kontext interpretiert.

Das Stadtviertel hat in der jüngeren Geschichte starke Kontinuitätsbrüche erfahren. Hervorzuheben ist die Veränderung der Bevölkerungsstruktur in frühsowjetischer Zeit. Als nachteilig auf die Sozialstruktur und die Erhaltung der Bausubstanz hat sich die Verlagerung der innerstädtischen Märkte und Handwerksbetriebe an die Peripherie der Stadt erwiesen.

Das Khoja Zayniddin-Ensemble hat trotz der harten Einschnitte in sowjetischer Zeit seinen Bezug zum umgebenden Quartier erhalten können. Es verkörpert das Gesicht der Altstadt, das Buchara den Rang eines Weltkulturerbes einbrachte. An ihm lässt sich studieren, wie sich ein Stadtviertel, das typisch ist für die Region, über die Zeiten sukzessive entwickelte.

Ein genaues Studium ist umso wichtiger, da das Quartier akut gefährdet ist. Ein Grund ist, dass selbst bei den Bemühungen um den Erhalt von Einzelbauten die Mittel fehlen, grundlegende Untersuchungen an den Baudenkmalen durchzuführen. Auch liegen keine integralen Konzepte zur Erhaltung des gebauten kulturellen Erbes vor, obwohl die Absicht, das Altstadtviertel als denkmalpflegerisches und soziokulturelles Kleinod zu erhalten, bereits in einem UNESCO-Report des Jahres 1996 als Vorschlag genannt ist. An dieser Stelle  will das Projekt ansetzen.

3. Projektziele

Ziel des Forschungs- und Kooperationsprojekt ist eine interdisziplinäre wissenschaftliche Grundlagenuntersuchung des Quartiers. Erstmals soll ein Team, das kunsthistorische und historische, restaurierungswissenschaftliche, bauforscherische, architektonische und stadtplanerische Kompetenz vereint, in enger Zusammenarbeit mit den städtischen und staatlichen Behörden eine Gesamterfassung erarbeiten.

Zu Beginn soll das Khoja Zayniddin-Ensemble untersucht werden (1. Projektphase). Schwerpunkt ist die Moschee und das Ensemble in seinem sozialen und historischen Kontext. In einem zweiten Schritt ist vorgesehen, das Untersuchungsgebiet auf das südliche Stadtviertel zu erweitern (2. Projektphase).

Methodisch soll neben der traditionellen Baudokumentation (Fotografie, Zeichnung, Photogrammetrie) eine dreidimensionale Bauaufnahme mit semantischer Kartierung durch­geführt werden. Die Vermessungs- und Archivdaten sollen einerseits herkömmlich archivierbar sein. Andererseits soll ein digitales Bauarchiv eingerichtet werden, das den usbekischen Kooperationspartner von Anfang an zugänglich gemacht wird.

4. Projektumsetzung

Zur Realisierung des Forschungsvorhabens werden fünf Teilprojekte definiert:

Teilprojekt 1 (Universität Bamberg): Schwerpunkt ist die Baudokumentation der Moschee und des Khoja Zayniddin-Ensembles mit seinen ornamental bzw. farbig gestalteten Oberflächen. Dabei werden die Konzepte der Raumgestaltung und die stilistische Zuordnung mit der Kunst­geschichte und die konstruktiven Aspekte mit der Bauforschung abgestimmt. Naturwissen­schaftliche Untersuchungen sollen Aussagen zur Kunsttechnologie liefern. Als Ergebnis sollen Planunterlagen, eine Fotodokumentation und ein 3D-Modell der Moschee und des Ensembles zur Verfügung stehen (1. Projektphase). In der 2. Projektphase wird das Untersuchungskonzept auf das südwestliche Stadtviertel von Buchara übertragen.

Teilprojekt 2 (Universität Bamberg) soll die kunstgeschichtliche Stellung der Khoja Zainiddin-Moschee klären. Dabei werden die Elemente der Kontinuität und Varietät herausgearbeitet, welche die Architektur der post-timuridischen Epoche in Mittelasien und Iran prägen. Metho­disch gründet der Stilvergleich auf gut dokumentierten Bauwerken in Buchara. Als Resultat soll ein Katalog von Kriterien vorliegen, der die stilgeschichtliche Einordnung nachvollziehbar macht. Neben dem diachronischen Vergleich innerhalb von Buchara, wird die Perspektive auf die überregionale Ebene ausgeweitet. Hierfür werden zeitgleich entstandene Bauten in Iran und Afghanistan analysiert. Das Ergebnis ist ein Beitrag zur Hypothesenbildung der islamischen Architekturgeschichte des 15. bis 17. Jahrhunderts.

Teilprojekt 3 (Institut für Iranistik, Österreichische Akademie der Wissenschaften): Die islamwissenschaftlichen Studien gelten der Historischen Archivforschung. Inhaltlich werden die Änderungen des Khoja Zayniddin-Ensembles und seines urbanen Zusammenhangs im Rahmen der Stadt- und Sozialgeschichte Bucharas behandelt. In Bezug auf die Gegenwart schließt das Teilprojekt die Analyse der gegenwärtigen Nutzungsstruktur ein.

Teilprojekt 4 (Technische Universität München): Im Mittelpunkt stehen die hochwertigen Holzkonstruktionen der Moschee in ihrem städtebaulichen Kontext. Geplant ist eine detaillierte Analyse der konstruktiven Elemente, einschließlich ihrer Wechselwirkung mit anderen Bau­materialien. Der Holzbau wird in seiner Gestaltung und Bedeutung als Funktionsträger residentieller Architektur interpretiert. Die bauforscherische Analyse geht Hand in Hand mit der 3D- Vermessung des Moschee und des Ensembles und ergänzt die digitalen Daten durch traditionell gezeichnete Details der Holzverbindungen. Parallel werden ausgewählte Objekte im südwestlichen Stadtviertel von Buchara nach Baualter, Bauentwicklung und Bauphasen untersucht und in das Modell des Viertels integriert.

Teilprojekt 5 (Universität Bamberg): In sämtlichen Projektphasen soll die Baudokumentation mit Analysen zur Holzartenbestimmung und zum Alter der verwendeten Hölzer untermauert werden. An ausgewählten Gebäuden werden die Holzart und die mögliche Holzherkunft, differenziert nach Konstruktionsholz und Fensterhölzern, bestimmt. Als Datierungsmethode wird die Dendrochronologie herangezogen (Methode zur Bestimmung des Fälljahres von Bäumen). Geplant ist die Aufstellung einer Chronologie in einem relativen Zeitfenster von ein bis zwei Jahrzehnten, das mit der Radiocarbonmethode („C14“) absolut datiert wird.

5. Öffentlichkeitsarbeit

Die Öffentlichkeitsarbeit soll eine große Rolle spielen. Zur fachlichen Untermauerung sind u.a. zwei mehrtägige Tagungen vorgesehen, an denen die geleisteten Arbeiten präsentiert und die konzeptionelle Weiterentwicklung des Projekts vorangetrieben werden sollen. Besonderer Wert wird auf denkmalpflegerische Aspekte gelegt, die in enger Abstimmung mit den usbekischen Partnern in ein Konservierungskonzept für das Khoja Zayniddin-Ensembles münden sollen.

Das Forschungsprojekt wird von regelmäßiger Pressearbeit begleitet und multimedial unter­stützt (TV- Report). Zur Vermittlung ist eine Wanderausstellung in den Welterbestätten Bamberg und Buchara und je eine Sonderausstellung in Seattle und München vorgesehen. Abge­schlossen wird das Vorhaben durch eine wissenschaftliche Buchpublikation (Sammelband).