Die Nürnberger Großkirchen – Best Practice für die digitale Erfassung komplexer Baudenkmale – Ein semantisch annotierter Plansatz (KDWT)

Nürnberg erlebte seit dem 13. Jahrhundert einen enormen wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg, den bis heute bedeutende Bauwerke bezeugen. Insbesondere die Großkirchen St. Sebald und St. Lorenz reflektieren das gesteigerte Selbstverständnis der mittelalterlichen Bürgerschaft. Die eng mit den Stadtbewohnern verbundenen Kirchen berichten über den Wandel vom bischöflichen zum bürgerlichen Bauen im Spannungsfeld sich entwickelnder technischer sowie künstlerischer Kompetenzen. Diese Monumentalbauwerke können als komplexe "Sammlungen" einer Vielzahl von Einzelobjekten, wie Portale, Pfeiler, Bogenprofile, Skulpturen und hochwertige Ausstattungsstücke angesehen werden, die eine ganze Bandbreite sozial-, kunst- und baugeschichtlicher aber auch konstruktiver, materieller und konservatorischer Informationen transportieren, darüber hinaus innerhalb einer differenzierten räumlichen Struktur aussagekräftig in Relation zueinander stehen und einen Bedeutungsraum bilden.

Anhand der Pfarrkirche St. Lorenz als Referenzobjekt soll eine Digitalisierungsinitiative als fächerübergreifende Kooperation von Kunstwissenschaftlern, Bauforschern, Restaurierungswissenschaftlern, Architekten, Denkmalbehörden und Betreibern in Zusammenarbeit mit Informatikern beantragt werden, die den Informationsgehalt des Objekts selbst in den Vordergrund rückt und der räumlichen Dimension gebauter Architektur Rechnung trägt. Ziel des Vorhabens ist die Erzeugung nutzerspezifischer fachrelevanter Datensätze, ihre gegenseitige Referenzierung und ihre Bereitstellung in LOD-fähiger Form.

Dazu steht den Antragstellern als Plattform das Monumentalbauarchivsystem MonArch zur Verfügung. Mithilfe dieses Systems lassen sich Digitalisate von Archivalien innerhalb einer virtuellen Bauwerksstruktur, die hierarchisch (Partonomie) oder graphenförmig gegliedert sein kann, ablegen. Um oben genanntes Ziel zu erreichen, soll MonArch jetzt 1. eine LOD Anbindung erhalten und 2., der dokumentenzentrierten Sichtweise eine objektzentrierte Perspektive hinzugestellt bekommen.

Insbesondere die Abbildung der komplexen Gebäudestruktur mittels Partonomie bzw. Graph erlaubt die dreidimensionale Aufschlüsselung von Teilbereichen bis hin zum einzelnen Werkstein und gewährleistet so die bauteilgenaue Referenzierung fachrelevanter Daten. Wenn die fachwissenschaftlichen Informationen auf einzelne Bauteile bezogen werden, bildet das Objekt die Schnittmenge bzw. den Vermittler zwischen den beteiligten Disziplinen. Die beliebig unterteilbare (hierarchische) Struktur von Teilobjekten innerhalb der Repräsentation der Bauwerksstruktur (Partonomie) erlaubt folglich fachspezifische Tiefenschärfe und die Möglichkeit der Ausdifferenzierung von Fragestellungen bei Datenabfragen durch einen variablen Detailierungsgrad.

Um der virtuellen Gebäudestruktur eine visuell räumliche Komponente hinzuzufügen, wird vor allem ein für die Baugeschichtsforschung und Denkmalpflege unerlässlicher Satz von wirklichkeitsgetreuen Planzeichnungen sowie 3D-Modellen zusammengeführt. Das entstandene Planmaterial wird so aufbereitet, dass es in einem offenen, plattform- und programmunabhängigen Vektorformat zur Verfügung steht, mit der Partonomie verknüpft und zusätzlich mit einer "semantischen Schicht" hinterlegt werden kann.

Diese "semantische Schicht" besteht vor allem in der digitalen Dokumentation von kunstwissenschaftlichen, baugeschichtlichen und konservatorischen Befunden, deren Verortung innerhalb der Partonomie und ihrer Verknüpfung mit den entsprechenden Zeichnungselementen im interaktiven Planmaterial. Damit soll der Bedeutung des Sachgegenstands als Quelle Rechnung getragen werden. Zur Einordnung in den architektur- und kunstgeschichtlichen Kontext und in Ergänzung zu bereits in Vorprojekten umfänglich digitalisierten Dokumenten wird schließlich aber auch die Aufnahme weiterer Archivalien in Zusammenarbeit mit graphischen Sammlungen und Museen fortgeschrieben. Auch diese Informationen werden bauteilgenau abgelegt und ebenso mit dem Plansatz referenziert aber auch mit dem am Objekt erhobenen Befunden in Beziehung gesetzt.

Das Projektergebnis besteht schließlich in der Bereitstellung von LOD fähigen Daten mit bauteilgenauen Verweisen zu Befundbeschreibungen sowie Digitalisaten von Quellen, die mit kontrollierten Vokabularen verknüpft sind und darüber hinaus durch Referenzierung auf digitale Plansätze eine räumliche Dimension erhalten, die in ebenso offenen Vektorzeichenformaten (SVG) vorliegen. Auf diese Weise wird künftig ermöglicht, das Bauwerk als Objekt in unterschiedlichen fachlichen und nutzerorientierten Kontexten (Forschung, Site-Management, denkmalpflegerische Behandlung) mit der digitalen Welt zu vernetzen, dadurch gemeinsam erlebbar zu machen und damit den Überlieferungsreichtum (Bauvorgang, Bautechnik, sozialer Kontext, sakrale Topographie) herauszustellen.