Betreuer/in

Prof. Dr. Dina De Rentiis (Romanische Literaturwissenschaft)

Dissertationsprojekt

Kriege und Konflikte als schöpferisches Moment, menschliche Abgründe als Impetus schriftstellerisch-künstlerischen Schaffens - eine diachrone Studie zu einer europäischen Ästhetik des Krieges

Wenngleich die meisten von uns Krieg nur aus Erzählungen der Eltern oder Großeltern kennen oder unser Wissen auf Lektüre und medialen Beiträgen basiert und wir somit selbst bisher niemals mit seiner blutigen Realität in Kontakt getreten sind – „wir kennen ihn [eben] nur als Enkel, Kinder […] und Wissenschaftler“ (Etzersdorfer 2007:7) –, existieren wenige Ereignisse, die das globale und europäische kollektive Gedächtnis und Bewusstsein, das wissenschaftliche Diskursgefüge und das Denken der Menschen im Allgemeinen derartig stark beeinflusst haben und es auch heute weiterhin tun, wie die kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts. Die Konsequenzen auf kollektiver wie persönlicher Ebene, vor allem für diejenigen, die sich inmitten der Kriegsgesellschaft oder an der Front selbst befanden und auch heute noch auf den Schlachtfeldern des 21. Jahrhunderts kämpfen, aber eben auch der nachfolgenden Generationen, finden ihresgleichen allenfalls in der kulturellen Zäsur, die die Terroranschläge des 11. September 2001 für die gesamte westliche Welt bedeuteten.

Kriege und bewaffnete Konflikte haben das Antlitz Europas dauerhaft geprägt, verändert und verformt, ein ganzer Kontinent ist zum Erinnerungsort blutiger Auseinandersetzungen geworden. So können wir nicht nur feststellen, dass die kulturellen Werthaltungen der europäischen Gesellschaft(en) stark durch den Schrecken der Kriege, gerade des 20. Jahrhunderts, geprägt sind, sondern finden ebenfalls eine Verformung der ästhetischen Ideale vor, deren Spuren in allen Kunstarten und -formen vertreten sind. Dies gilt selbstverständlich nicht nur für die Kriege des letzten Säkulum, die die jahrtausendealte Tradition des Sich-Bekriegens allerdings auf eine neue Spitze getrieben haben. Wir seien erinnert an Ereignisse wie die Französische Revolution, die zwar nicht per definitionem als Krieg gelten kann, aber zumindest in verheerenden bewaffneten Konflikten gipfelte, den Deutsch-Französischen Krieg, Spaniens Karlistenkriege, die Napoleonischen Kriege oder auch den Dreißigjährigen Krieg, die allesamt gravierende Folgen für die beteiligten Parteien, aber zu weiten Teilen auch für ganz Europa nach sich zogen. Doch auch unbekannteren und fast vergessenen Konflikten, wie etwa dem Orangen-Krieg, der im Jahr 1801 zwischen Spanien und Frankreich auf der einen Seite und Portugal auf der anderen Seite gewissermaßen als Vorbote der Napoleonischen Kriegen ausgetragen wurde, soll im Rahmen des Projektes ein Platz eingeräumt werden, da auch sie für die Beteiligten der Zeit große Bedeutung trugen und andererseits, ebenso wie die großen Ereignisse der Kriegs- und Militärgeschichte, Anlass für die künstlerische wie schriftstellerische Verhandlung lieferten.

So trieb und treibt der Krieg, das Chamäleon wie Carl von Clausewitz, der als einer der größten Kriegstheoretiker der neueren Geschichte gelten kann, ihn nennt, über die Künste, die dabei als Spiegel von Gesellschaft, Zeitgeschehen und ästhetischen Entwicklungen, aber auch persönlicher Verarbeitung der Geschehnisse oder ebenso propagandistischen Zwecken, um nur einige Beispiele zu nennen, dienen können, verschiedenartige Blüten.

Goldensohn (2006:XXI) spricht etwa von der „natural amplitude" des Krieges, welche sich auch in den Künsten widerspiegele. So sollen in dieser Arbeit, neben einem Schwerpunkt auf dem 20. und 21. Jahrhundert, ebenso bewaffnete Konflikte und Kriege seit dem Ende des europäischen Mittelalters, das hier für eine Arbeitsdefinition zunächst mit dem Jahr 1492 und der Entdeckung der Neuen Welt angesetzt wird, und die mit ihnen verknüpfte künstlerisch-literarische Produktion thematisiert werden, um einen diachronen Schnitt durch die europäische Kriegskunst- und -literaturgeschichte vorzunehmen. Auch Löschnigg (1994:12) bestätigt, dass sich ein derartiges Unterfangen, gerade hinsichtlich eines gesamteuropäischen Kontextes, als umso ertragreicher erweisen könnte: „Erst aus komparatistischer Sicht kann die Problematik künstlerischer Verarbeitung traumatischer Erfahrung allgemein erhellt werden. Auch demonstriert der Vergleich unterschiedlicher Darstellungen der Kriegserfahrung in verschiedenen Nationalliteraturen [und -künsten zu verschiedenen Zeitpunkten; d. Vf.] die Bedeutung differenter soziokultureller Paradigmen für die Verarbeitung des Kriegserlebnisses.“

Dabei soll es sich in der vorliegenden Arbeit jedoch keineswegs um einen direkten, klassischen Vergleich handeln, bei dem ein Katalog von Aspekten und formalen Merkmalen abgearbeitet wird, wodurch dem individuellen Schaffen der Künstler ein starres Raster auferlegt und auferzwungen würde; vielmehr ist es Ziel der Ausführungen, die Besonderheiten der Artefakte herauszuarbeiten, sie miteinander zu vergleichen und zu verknüpfen und in den literatur-, kunst- und ästhetikhistorischen Kontext einzubetten sowie auf verschiedensten Ebenen, etwa raumtheoretisch oder psychoanalytisch, Ästhetisierungen und (un[ter])bewusste Auslassungen, Perspektivierungen, Einstellungen und das Erleben der Geschehnisse des Krieges der einzelnen Schriftsteller, bildenden Künstler und Filmemacher, auch durch ein Lesen und ‚Sehen‘ zwischen den Zeilen, greifbar zu machen und dabei stets im Sinne der Literatursoziologie die Bedeutung sozio-historischer Gegebenheiten – und umgekehrt auch der Werke für die (Nach)Kriegsgesellschaften – miteinzubeziehen: Welche Auswirkungen kann eine derartige Kriegserfahrung dabei nun auf ein Kunstwerk haben? Was haben Literatur und die Künste mit Krieg zu tun und umgekehrt Krieg mit Literatur und den Künsten? Wie funktioniert der Übertrag eines derart erschütternden Phänomens in ästhetische Strukturen, Bilder, Texte, Filme und was soll damit erreicht werden? Woran erkennt man etwa, ob der Struktur eines Textes ein Kriegstrauma zugrunde liegt und wie geht man an ein Gemälde oder eine Fotografie heran, das bzw. die zur Kriegspropaganda oder der Verherrlichung der Geschehnisse bestimmt war? Was stößt einem Text zu, wenn der Mensch, der ihn schreibt, oder das Ereignis, um das es geht, überspitzt gesagt, eine einzige große Leerstelle ist? Funktionierte die Literarisierung der Schrecken des Dreißigjährigen Krieges anders als die der Zweiten Weltkrieges – und wenn ja inwiefern? Wichtig ist es hierbei, aufzuzeigen, inwiefern die Kriegserfahrung vom Einzelnen auf ganz unterschiedlichste Art und Weise wahrgenommen und empfunden werden kann und, wo angemessen, auch das Kollektiv gegenüberzustellen. Übergeordnetes Ziel soll jedoch, bei aller Unterschiedlichkeit und Ausdifferenzierung, das Herausarbeiten eines roten Fadens – von Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Entwicklungen auf methodischer, thematischer, medialer und ästhetischer Ebene – darstellen, um schließlich in einem induktiven Prozess eine Theorie und Entwicklungsgeschichte der Kriegskünste Europas skizzieren und formulieren zu können.

Zur Auswahl der Werke kann an dieser Stelle bereits Folgendes vermerkt werden: Neben bekannten Größen der Kriegskünste und -literaturen, etwa den Desastres de la Guerra von Goya, Picassos Guernica, Apollinaires Calligrammes oder Leni Riefenstahls propagandistischen Dokumentarfilmen, sollen auch unbekanntere Werke und weniger zentrale Genres – etwa ausgewählte Beispiele aus der Kinder- und Jugendliteratur – einen Platz in dieser Studie einnehmen. Die Artefakte sollen jeweils möglichst in ihrer Ganzheit erfasst werden, wobei natürlich einzelne emblematische Gedichte, Fotografien oder Filmszenen genauer in den Fokus rücken sollen, um komparatistischen Konventionen gerecht zu werden und so den analytischen Blick zu schärfen. Die Worte und Artefakte werden dabei nach Buelens (2014:363) als Zeugnisse persönlicher sowie kollektiver Kriegsrealität und -erfahrung bewertet – „Poesie [und Kunst sind …] hier nicht nur Dekor von und für Ästheten, sondern eine Quelle des Wissens über die Vergangenheit, denn auch Worte [und Bilder] haben diese Vergangenheit geformt.“

 

Hier zitierte Literatur:

Buelens, Geert: Europas Dichter und der Erste Weltkrieg. Berlin 2014.

Etzersdorfer, Irene: Krieg. Eine Einführung in die Theorie bewaffneter Konflikte. Wien/Köln/Weimar 2007.

Goldensohn, Lorrie: American War Poetry. An Anthology. New York/Chinchester 2006.

Löschnigg, Martin: Der Erste Weltkrieg in deutscher und englischer Literatur (Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, Folge 3, 134). Heidelberg 1994.