Diagnose und Prävention psychischer Gesundheit

Zum 01.07.2021 startete das vom Bayerischen Staats­ministerium für Wissen­schaft und Kunst (StMWK) und vom Euro­päischen Sozial­fond (ESF) geförderte Forschungs­projekt PsyGesA: „Psychische Gesundheit im Arbeits­kontext: Entwicklung und Implemen­tierung innovativer Online-Tools zur Diagnose und Prävention psychischer Gesundheit“ (Leitung: Prof. Dr. Judith Volmer). In Zusammen­arbeit mit kleinen und mittel­ständigen Unter­nehmen (KMUs) aus Oberfranken/Bayern werden zunächst mit einem innovativen Online-Diagnoseinstrument Anfor­derungen und Belas­tungen im Arbeits­kontext erfasst.
Anschließend erhalten die teil­nehmenden Unter­nehmen Feed­back zu psychischen Belas­tungen und Beanspruch­ungen. Präventions­maßnahmen zur Ressourcen­stärkung werden mithilfe eines innovativen Online-Tools zur praktischen Um­setzung in den Unter­nehmen abgeleitet. Die Diagnose und Ableitung von Maßnahmen basieren auf aktuellen wissen­schaftlichen, arbeits- und organisations­psychologischen Erkenntnissen sowie Best Practice Empfehlungen. So kommen u.a. qualitative Expert:in­nen­interviews, quantitative Befragungen und Validier­ungen an einer Viel­zahl von Personen unter­schiedlicher Bran­chen zum Einsatz.

Unsere Arbeitswelt befindet sich im Wandel

Die Arbeitswelt erlebt tiefgreifende Verände­rungen, u.a. durch die Digitalisierung der Arbeit. Veränderungen der Arbeitswelt sind durch Anforderungen, wie beispielsweise ständige Erreichbarkeit, Multitasking, Umlernen, tech­nische Probleme und die Flexibili­sierung von Ort und Zeit zu beobachten (Rau & Hoppe, 2020).1 Es finden ebenfalls Veränderungen in der Arbeits­organisation durch vermehrte virtuelle Zusam­menarbeit statt. Dies kann zu Informations­defiziten (z.B. bzgl. Verfügbarkeiten, Verantwortlichkeiten, Fristen etc.), sozialer Dis­tanz, Isolation, Vernach­lässigung der Beziehungs­ebene, möglichen Miss­verständnissen etc. führen. Außerdem gibt es Veränderungen im Arbeits­inhalt durch die Interaktion des Menschen mit Maschinen („Menschen als Hilfskräfte in rechnergesteuerten tech­nischen Prozessen“, Rau & Hoppe, 2020, S. 41).1 Damit verbunden sind veränderte kognitive Anforderungen (d.h. Denk­leistungen, Beeinfluss­barkeit von Prozessen, Lern­möglichkeiten und Kooperations­erfordernisse verringern sich). Ebenso verändert sich der Tätigkeits­spielraum, inhaltliche und zeitliche Freiheitsgrade sind reduziert und Mehrarbeit/Überstunden treten auf (Rau & Hoppe, 2020).1

Der aktuelle Kenntnisstand über Erkrankungs­risiken durch psychische Belastungen, der beispielsweise in einem Review über insgesamt 54 Metaanalysen und Reviews (vgl. Rau & Buyken, 2015) zusammengefasst wurde, zeigt, dass es bestimmte Arbeitsbelastungen gibt, die zu Gesundheits­beeinträchtigungen, wie Angst­störungen, Panik­störungen, Depres­sionen, Diabetes oder kardiovaskulären Erkrankungen, führen können.2 Die neue Arbeits­zeitbefragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) (2020) zum Thema Pendeln, Tele­arbeit, Dienst­reisen, wechselnde und mobile Arbeitsorte ergab beispielsweise, dass Beschäftigte bei Telearbeit häufiger Überstunden leisten, sie sehr lange Arbeits­zeiten und verkürzte Ruhezeiten haben, sie häufiger in der Freizeit berufsbezogen kontaktiert werden und häufiger auch am Woch­enende arbeiten.3 Des Weiteren treten Beeinträch­tigungen sozialer Beziehungen mit zu­nehmender Anzahl an Tagen auf, die in Telearbeit verbracht werden. Negative Effekte von Telearbeit auf Wohlbefinden und Ge­sundheit zeigen sich vor allem dann, wenn zusätzliche oder ungeregelte Arbeit (d.h. ohne Telearbeitsvereinbarung) geleistet werden muss.

Laut einer Studie der DAK (2021) haben sich die in Deutschland gemeldeten Krank­heitstage auf­grund psy­chischer Erkrankungen innerhalb der letzten zehn Jahre um mehr als 50 Prozent erhöht (DAK-Psychreport, 2021).4 Die aktuelle COVID-19 Pandemie verändert das Arbeits­leben zusätzlich: Ständige Erreichbarkeit, Mul­titasking, Umlernen, technische Probleme und die Flexibilisierung von Ort und Zeit nehmen zu. Die psychischen Anforderungen und Belas­tungen im beruflichen Kontext verändern sich weiterhin und erfordern eine wissenschaftlich validierte Erfassung, die an die Bedürfnisse von Unternehmen angepasst ist.

Gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung

Im Kontext der Interventionen räumt PsyGesA der Verhaltens­prävention einen geson­derten Stellenwert zu. Dabei handelt es sich um eine Form der individuellen Gesundheitsprävention. Der Fokus liegt darin, Beschäftigte und Führungskräfte zum proaktiven Umgang mit gesundheits­relevanten Verhaltensweisen anzuregen und damit den Weg zu Verhaltens­änderungen zu ebnen. Neben der Verhaltensprävention adressiert das Projekt PsyGesA auch die Verhältnis­prävention. Aus diesem Grund wird die Entwicklung innovativer Maß­nahmen sowie die Bereit­stellung von Handlungs­empfehlungen zur gesundheits­förderlichen Gestaltung von Arbeits­bedingungen, Arbeits­umgebungen und Arbeits­inhalten ebenfalls berücksichtigt.


1Rau, R., & Hoppe, J. (2020). Iga.Report 41. Neue Technologien und Digitalisierung in der Arbeitswelt. Erkenntnisse für die Prävention und Betriebliche Gesundheitsförderung. Dresden: Initiative Gesundheit und Arbeit.

2Rau, R., & Buyken, D. (2015). Der aktuelle Kenntnisstand über Erkrankungsrisiken durch psychische Arbeitsbelastungen: Ein systematisches Review über Metaanalysen und Reviews. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 59, 113-129.

3Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2020). BAuA-Arbeitszeitbefragung: Pendeln, Telearbeit, Dienstreisen, wechselnde und mobile Arbeits­orte. Dortmund, Berlin, Dresden: BAuA.

4DAK-Psychreport. (2021). Psychreport 2021: Entwicklungen der psychischen Erkrankungen im Job: 2010-2020. https://www.dak.de/dak/download/report-2429408.pdf

Das Ziel des Projekts ist das Zugänglich­machen von Innovations­potenzial der Universität Bam­berg für KMUs und deren Beschäftigte. Durch die Diagnose psychischer Belastungen soll die Innovations­fähigkeit der Unter­nehmen und gleichzeitig das Produktivitäts­potenzial der Mitarbeit­enden gefördert werden und durch Vernetzung Synergieeffekte genutzt werden.

Mit dem innovativen und neu entwickelten Instru­ment zur Online-Erfassung von psychischen Belas­tungen im Arbeits­kontext soll den Kooperations­unternehmen ein einfach anzuwen­dendes Instrument zur Verfügung stehen. Es ermöglicht den KMUs eine praktisch anwendbare Einschätzung psychischer Anforder­ungen und Belast­ungen. Zusätzlich werden mithilfe eines neu entwickelten und maßgeschneiderten Online-Tools konkrete Handlungs­empfehlungen zur Förderung der psychischen Gesundheit für Beschäftigte und Führungs­kräfte gegeben.

Im Rahmen des Projekts arbeiten die wissen­schaftlichen Projekt­verantwortlichen der Otto-Friedrich-Universität Bamberg im engen Dialog mit Praxis­partner:innen zusammen, um die ent­scheidende Verknüpfung zwischen Wissen­schaft und Praxis zu gewährleisten.
Vorrangiges Ziel ist dabei die Entwicklung von praktisch umsetzbaren aber gleichzeitig wissen­schaftlich fundierten Handlungs­empfehlungen (Best Practices) zur Ressourcen­förderung und Arbeits­gestaltung.

Folgende Unternehmen nehmen am Projekt teil: