Bieberstein, Klaus, Der Ort des Jüngsten Gerichts. Die Entstehung der eschatologischen Erinnerungslandschaft Jerusalems (Habilitationsschrift Freiburg Schweiz 1998).

Jüdische, christliche und muslimische Bewohnerinnen und Bewohner Jerusalems verbanden über Jahrhunderte ihre Erwartung eines kommenden Jüngsten Gerichts mit den Tälern und Hügeln in der engsten Umgebung der Stadt. Damit lokalisierten sie Optionen ausstehenden Heils nicht nur auf der Achse der Zeit, sondern vergegenwärtigten sie auch im Raum, im topographischen Horizont ihrer täglichen Erfahrungen, wodurch dieser in einem Spiegeleffekt zu einer kollektiven Erinnerungslandschaft des noch Ausstehenden wurde.

Prolegomena

Der erste Hauptteil der Arbeit umreisst unter der Überschrift »Prolegomena« im Sinne einer »Kritik eschatologischer Rede« im Anschluss an Ernst Cassirer die Rahmenbedingungen einer Rede vom Jüngsten Gericht. Dabei geht es um symbolische Formen als Ordnungsmuster von Erfahrung, insbesondere um die symbolische Form mythischen Denkens, um mythischen Raum, um mythische Zeit und um sinnstiftende Orientierung. Denn in der Geschichte kann von »Sinn« nur die Rede sein, wenn ein Ereignis im Rahmen eines größeren Zusammenhanges gesehen wird, und so liegt der indispensable Wert eschatologischer Rede darin, der Geschichte Sinn zu vermitteln.

Geschichte aber will, wenn sie orientieren soll, vergegenwärtigt und erinnert werden. Erinnerungen aber lassen sich, wie Maurice Halbwachs in seinen Pionierstudien zum kollektiven Gedächtnis gezeigt hat, nur über ihren Rahmen wieder ins Bewusstsein rufen, und der Raum nimmt, wie ein tatsächlicher oder auch nur imaginierter Besuch in den Gassen der eigenen Kindheit lehrt und in der Mnemotechnik antiker Redner bewusst ausgenutzt wurde, als Rahmen möglicher Erinnerungen eine wichtige Rolle ein.

Daher will Geschichte, wenn sie von Generation zu Generation vermittelt werden soll, vergegenwärtigt und – als Medium der Vergegenwärtigung – versinnlicht werden. Und so geht es um Formen der Vergegenwärtigung von Geschichte im Raum der täglichen Erfahrung durch Denkmäler und Riten und die Semiotisierung von Landschaften zu Erinnerungslandschaften, wie sie durch Bebauungen, durch Riten oder – wie im vorliegenden Fall – auch nur mit Worten erfolgen kann.

Die eschatologische Prägung der Zeit

Der zweite Hauptteil beschreibt unter der Überschrift »Verzeitlichung« die Geburt der Vorstellung des Jüngsten Gerichts als einer spezifisch biblischen Sicht der Zeit, wonach die Geschichte nicht endlos ist, sondern auf ein Jüngstes Gericht mit Auferstehung der Toten zuläuft. Dabei wurde sowohl die Vorstellung des Jüngsten Gerichts über die Welt als auch die Erwartung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat und das Gericht über die Welt auch die Auferstehung der Toten einschliesst, erst langsam in einem mühsamen Prozess errungen und ausformuliert – in einem Prozess, der sich von frühen Schriftpropheten wie Amos und Hosea bis zur Apokalyptik der hellenistischen Zeit nachzeichnen lässt.

Demnach wurde das Kommende in vorexilischer Zeit primär als Krieg gesehen, als Theophanie interpretiert und, vor allem im Ezechielbuch, als Gericht gewertet. Mit dem erwarteten Fall von Babylon verband sich die Erwartung von Heil, und als Konsequenz aus Ez 18 konnte das Gericht nicht mehr in Form eines Krieges, sondern nur noch als individuelles Gericht erfolgen, in das im Zuge des nachexilischen Trends zur Universalisierung der ganze Kosmos einbezogen wurde.

Dieser Entwicklung der allgemeinen Eschatologie lief die Entwicklung der individuellen Eschatologie parallel. Hatte in vorexilischer Zeit noch eine enge Verbundenheit zwischen den Lebenden und den als schwach und hilfsbedürftg, aber auch als wissend und heilend geltenden Toten bestanden, so wurden die Kontakte zu den Toten im Trend zum Monotheismus abgedrängt – bis die Toten in einem dritten Schritt im Kontext der oben erwähnten Universalisierung mit der Erwartung ihrer Auferstehung in das Bild des Kommenden einbezogen wurden.

Die eschatologische Prägung des Raumes

Der dritte Hauptteil meiner Untersuchung ist unter dem Titel »Verräumlichung« schließlich der schrittweisen Verräumlichung der Zukunftserwartungen und Vergegenwärtigung der entstehenden Vorstellung des Jüngsten Gerichts in der Landschaft Jerusalems gewidmet.

Als Ausgangspunkt der Entwicklung lassen sich die Nutzung des Hinnomtales als Gräberfeld, die Bezeichnung der Hochebene westlich des Tales als »Ebene der Refaim«, als »Ebene der Totengeister«, und der im Tal selbst geübte Kult für Molech nennen, der aufgrund akkadischer und ugaritischer Belege als Unterweltsgottheit interpretiert werden muss. Durch Jer 7,30-31 erfuhr das Tal im frühexilischen Rückblick auf die erfahrene Katastrophe eine neue Konnotierung, die sich über eine Kette nachexilischer Fortschreibungen bis äthHen 26-27 und 90,26 verfolgen lässt. Dabei wurde aus dem Ort vergangener Vergehen der Ort der kommenden Strafe, und der Name des Tales wurde in seiner aramaisierten und gräzisierten Form »Gehenna« zur Bezeichnung des Ortes der endzeitlichen Verwerfung der Sünder.

Andererseits eröffneten die beiden Tempelvisionen in Ez 9-11 und 40-48 zwischen dem Tempelberg und dem Ölberg eine Achse des Gerichts, und das Kidrontal wurde mit einer vom Tempel ausgehenden Quelle als Paradiesgarten zum Schauplatz künftigen Heils. Joel 4 und Sach 14 führten das Bild weiter, und es war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die beiden Teilszenarien des Jüngsten Gerichts in den Tälern südwestlich und östlich der Stadt zu einem kohärenten Monumentalgemälde verschmolzen, in dem Szene für Szene des Kommenden in der Landschaft vergegenwärtigt und diese zu einer Erinnerungslandschaft für das erwartete Ziel der Geschichte wurde, das noch aussteht, aber jegliches Handeln, Leiden und Hoffen unter einen orientierungsstiftenden eschatologischen Horizont stellt.

Vorpublikationen

Der lange Weg zur Auferstehung der Toten. Eine Skizze zur Entstehung der Eschatologie im Alten Testament, in: Bieberstein, Sabine / Kosch, Daniel (Hg.), Auferstehung hat einen Namen. Bib­­lische Anstöße zum Christsein heute. Festschrift für Hermann-Josef Venetz (Luzern 1998) 3-16.

Die Pforte der Gehenna. Die Entstehung der eschatologischen Erinnerungslandschaft Jerusalems, in: Janowski, Bernd / Ego, Beate (Hg.), Das biblische Weltbild und seine altorientalischen Kontexte (Forschungen zum Alten Testament 32; Tübingen 2001) 503-539.