Bieberstein, Klaus, Lukian und Theodotion im Josuabuch. Mit einem Beitrag zu den Josuarollen von Hirbet Qumran (Biblische Notizen Beiheft 7; München 1994).

Der erste Arbeitsschritt der Exegese besteht notwendigerweise in der Sichtung der handschriftlichen Überlieferung und im Versuch, angesichts ihrer Vielfalt die älteste, mittels Textvergleich noch erreichbare Fassung zu erheben.

Dies klingt selbstverständlich und bereitet in vielen Fällen auch keine großen Probleme. Nicht aber im Josuabuch. Denn hier bestehen zwischen dem Masoretischen Text auf der einen und der Septuaginta auf der anderen Seite teilweise erhebliche Divergenzen. So wird – um nur ein Beispiel zu nennen – die Beschneidung der Israeliten in Gilgal (Jos 5,2-9) auf zwei völlig verschiedene Weisen erzählt. Diese lassen sich weder als unbedachte Abschreibefehler noch als unvermeidliche Freiheiten der Übersetzung, sondern nur durch die Annahme einer bewussten Bearbeitung mindestens einer der beiden Fassung erklären.

Doch auch damit ist das Problem nur ungenügend umschrieben. Denn die Septuaginta des Josuabuches ist selbst in verschiedenen Fassungen überliefert, die ebenfalls das Ergebnis rezensioneller Bearbeitungen sind. Daher müssen zunächst die Handschriften der Septuaginta gesichtet und stemmatisiert werden, damit die älteste Fassung der Septuaginta rekonstruiert werden und der Vergleich mit dem Masoretischen Text mit dem Ziel der Rekonstruktion der gemeinsamen Vorlage beginnen kann.

Max Leopold Margolis hat in den 20er Jahren diese Vorarbeiten geleistet, er hat zahlreiche Handschriften der Septuaginta des Josuabuches kollationiert, zu fünf Textformen gruppiert, die Textformen stemmatisiert und auf Grund seiner immensen Vorarbeiten schließlich die maßgebliche Rekonstruktion der Septuaginta des Josuabuches geschaffen.

Diese stellt ohne Zweifel eine Pionierleistung dar. Doch stieß ich in meiner Arbeit mit ihr auf merkwürdige Diskrepanzen. Daher überprüfte ich in etlichen Fällen die Bezeugungen in den Manuskripten und stellte zu meiner Überraschung fest, dass die Stemmatisierung, die Margolis seiner Textausgabe zugrunde gelegt hatte, einen grundlegenden Fehler enthielt und Margolis alle Lesarten, die seiner fehlerhaften Stemmatisierung entgegenstanden, stillschweigend konjiziert hat. Damit aber war die Axt an die Wurzel der maßgeblichen Ausgabe der Septuaginta des Josuabuches gelegt und ihre textkritische Verwertung entschieden in Frage gestellt.

Um wieder festen Boden zu erreichen, habe ich alle Varianten zwischen den vier großen Textformen in Jos 1-6, insgesamt etwa 1000 Belege, vollständig kollationiert, nach verschiedenen Überschneidungen gruppiert und Margolis’ Stemma korrigiert. Das Ergebnis war dann eindeutig: Die älteste Fassung der Septuaginta ist in den Handschriften der ägyptischen Textform noch sehr gut erhalten. Diese wies auch die größten Abweichungen zur Masoretischen Textform auf, weshalb sich Theodotion, Aquila und Symmachus in ihren Bearbeitungen um eine Angleichung an den sich herausbildenden Masoretischen Text bemühten.

Auch die syrische, traditionell Lukian zugeschriebene Textform lässt Angleichungen an den sich etablierenden Masoretischen Text erkennen, doch zeichnet sie sich nicht minder durch andere, nur von ihr gebotene Lesarten aus. Um diese sicher verorten zu können, habe ich die lukianische Textform des gesamten Josuabuches mit Theodotion, Aquila und Symmachus verglichen und bin dabei zum Ergebnis gelangt, dass es der sogenannten lukianischen Rezension keineswegs um eine Angleichung an irgendeinen hebräischen Text ging. Sie hat ihn offenbar nicht einmal gekannt. Vielmehr handelt es sich nur um einen freihändigen Versuch, eine »bessere« Septuaginta zu schaffen, sachliche Spannungen auszugleichen und stilistisch zu glätten. Allerdings ließ sie sich in der Wahl ihrer Formulierungen gern von Theodotion, Aquila und Symmachus inspirieren und kam so nur nolens volens gelegentlich auch zu indirekten Angleichungen an den Masoretischen Text. Weitere, systematische Angleichungen weisen nur die Handschriften der konstantinopolitanischen Textform sowie vor allem die Zeugen der von Origenes geschaffenen palästinischen Textform auf.

Auf dem Hintergrund dieser Ergebnisse erhob sich schließlich die Frage, wie die beiden Josuarollen von Hirbet Qumran im Netz der Rezensionen einzuordnen sind. Frank Moore Cross hatte die Fragmente der beiden Rollen 1957 zur baldigen Publikation erhalten, die Fachwelt bislang aber nur mit der pauschalen – und letzlich irreführenden – Behauptung konfrontiert, sie würden eher der Textform der Septuaginta entsprechen und den Erweis für deren Primat erbringen. Allerdings ist er der Öffentlichkeit die Veröffentlichung der Fragmente stets schuldig geblieben.

Daher habe ich die beiden Rollen nach Mikrofilmaufnahmen rekonstruiert, mit dem Masoretischen Text einerseits und der Septuaginta andererseits verglichen und konnte so zeigen, dass die erste Josuarolle (4 Q Josa) dem Masoretischen Text weitgehend entspricht, die zweite (4 Q Josb) aber weder mit der Masoretischen Textform noch mit der Septuaginta korrespondiert sondern eine eigenständige, dritte Textform repräsentiert. Damit aber war erwiesen, dass Cross mit seinen vorschnellen Thesen – für die er sich über drei Jahrzehnte hinweg auf unpublizierte Fragmente berief – den Zug der Forschung über drei Jahrzehnte hinweg auf falsche Gleise geführt hat.

So haben diese Vorstudien sowohl die bislang forschungsleitende Theorie von Margolis zur Geschichte der Septuaginta des Josuabuches als auch die Thesen von Cross zur Stellung der beiden Josuarollen von Hirbet Qumran revidiert und eine neue, nunmehr gesicherte Basis für eine solide Text- und Literarkritik des Josuabuches bereitet.

Rezensionen

•         E. Tov: Journal for the Study of Judaism 26 (1995) 185-187.

•         P. R. Davies: Journal for the Study of the Old Testament 71 (1996) 123.

•      L. J. Greenspoon: Catholic Biblical Quarterly 58 (1996) 701-702.