Bieberstein, Klaus, Josua - Jordan - Jericho. Archäologie, Geschichte und Theologie der Landnahmeerzählungen Josua 1-6 (Orbis Biblicus et Orientalis 143; Freiburg Schweiz / Göttingen 1995). XII & 483 Seiten mit 24 Seiten Textheft

Grabungen am Tell es-Sultan, dem alttestamentlichen Jericho, führten mit zunehmender Deutlichkeit zu einem Dilemma zwischen den archäologischen Befunden der Spätbronzezeit auf der einen und der literarischen Überlieferung zum Schicksal der Stadt während der israelitischen Landnahme unter Josua auf der anderen Seite: Während die Landnahmeerzählungen Jos 1-6 ausführlich die Überschreitung des Jordan und in nicht minder eindrücklichen Bildern die folgende Zerstörung von Jericho schildern, haben die Grabungen ergeben, dass Jericho zur fraglichen Zeit nicht bestand oder allenfalls eine unbedeutende, offene Ansiedlung war.

Um diese Spannung zu erklären, wurden in diesem Jahrhundert zwei konkurrierende Versuche vorgelegt. Nach der einen, vor allem von Ernst Sellin, Albrecht Alt und Martin Noth entwickelten und weithin rezipierten Sicht seien die betreffenden Erzählungen als ursprünglich eigenständige Ätiologien zu deuten. Dagegen sahen Hans-Joachim Kraus und Eckart Otto in ihnen den Reflex eines alljährlich in Gilgal begangenen Pesach-Massot- oder Bundes-Massot-Festes gegeben, das ebenfalls erst nach einer sekundären Historisierung als Teil einer übergreifenden Geschichtsdarstellung gedient haben soll.

Zweifellos nehmen die beiden Lösungsversuche das archäologische Dilemma ernst, doch werden sie der literarischen Seite des Problems noch nicht gerecht. Denn mir wurde schon bei meiner Durchsicht früherer Untersuchungen klar, dass beiden Lösungsversuchen von Anfang an gravierende Textbeobachtungen früherer Exegeten entgegenstanden, die von den genannten Autoren nicht erklärt, sondern unter den Teppich gekehrt und übergangen wurden.

Dies allein verlangte schon nach einer Wiederaufnahme des unerledigtes »Falles«. Dieser versprach auch insofern spannend zu werden, als sowohl die lange anerkannten Theorien zur Entstehung des Pentateuch sive Hexateuch sowie zur Redaktionsgeschichte des von Noth erkannten dtr Geschichtswerkes in den beiden letzten Jahrzehnten in eine zuvor unerwartete Krise geraten sind und die zu erörternden Erzählungen gerade im Überschneidungsbereich der beiden angenommenen Großkompositionen liegen. Daher kommt ihrer Untersuchung auch in dieser aktuellen redaktionsgeschichtlichen Problemlage eine Schlüsselstellung zu.

Die nun vorliegende Studie zeigt, dass die älteste Fassung der Landnahmeerzählungen (Schicht A) das Land als Yhwhs vorgängige Gabe erklärt und als Teil eines umfassenderen vordtr Werkes zu verstehen ist, das die Moseerzählung fortführt und vermutlich zur Verarbeitung der akuten Landverluste der assyrischen Zeit entstanden war. [Aus heutiger Sicht (Februar 2006) würde ich diese Grundschicht um 670 v. Chr. datieren.] Demnach hat es auch heute trotz des aktuellen Trends zu extremen Spätdatierungen durchaus noch Sinn, im Bereich des Pentateuch-Hexateuch auch vordtr Kompositionen anzunehmen. Diese Erzählungen wurden frühestens in joschijanischer Zeit aufgrund der redaktionellen Rückübertragung der Lade ins Deuteronomium um die Beteiligung von Priestern und Lade (B) erweitert und in neubabylonischer Zeit um die Steinaufstellungs- und die Rahaberzählung (C) ergänzt, die angesichts der neubabylonischen Gefährdung eindrücklich den Zusammenhang zwischen Glauben und Überleben vor Augen führt.

Ob die grundlegende dtr Redaktion, die die Landnahmeerzählungen als Teil ihres Geschichtswerkes übernahm, schon unmittelbar nach Schicht A oder erst nach Schicht B oder spätestens nach Schicht C einzuordnen und mit Frank Moore Cross und Norbert Lohfink schon unter Joschijia oder mit Martin Noth erst in exilische Zeit zu datieren ist, lässt sich anhand Jos 1-6 nicht sicher entscheiden. [Aus heutiger Sicht (Februar 2006) plädiere ich mit Frank Moore Cross und Norbert Lohfink für die erstgenannte Frühdatierung unter Joschija.] Dagegen hat sich mit großer Klarheit ergeben, dass sie selbst in mehreren Phasen erfolgt ist und dass über die von Rudolf Smend, Walter Dietrich und Timo Veijola rekonstruierten Schichten DtrH, DtrP und DtrN hinaus noch eine weitere Bearbeitung vorliegt. Dieser war an der Einbeziehung des Ostjordanlandes in das Land der Verheißung sowie an der Beteiligung der ostjordanischen Stämme Ruben, Gad und Halbmanasse an der Einnahme des Westjordanlandes gelegen, weshalb sie das Siglum DtrR erhält.

Erst eine postpriesterschriftliche Redaktion (Rp) trug die Beschneidung und das Pesach-Massot-Fest als Vorbedingungen für die nachexilische Restauration ein. Und eine weitere Bearbeitung (Rä) war mit punktuellen Ätiologienotizen schließlich bemüht, vermeintliche materielle Spuren der Landnahmezeit ätiologisch mit den Erzählungen aus Israels Frühzeit zu verbinden.

Dieses Ergebnis ist für die Redaktionsgeschichte des Pentateuch sive Hexateuch ebenso von Bedeutung wie für die Geschichte des dtr Geschichtswerkes, fällt von ihm aus doch ein neues Licht auf die Verzahnung der Kompositionen. Entgegen der These Noths ist die Landnahmedarstellung des Pentateuch nicht verloren. Vielmehr ist sie in der Landnahmedarstellung des dtr Geschichtswerkes noch erhalten.

Dabei handelt es sich aber weder um Geschichtsüberlieferungen noch um eine Sammlung eigenständiger Ätiologien noch um eine Historisierung einer in Gilgal begangenen Liturgie, sondern um rein literarische Bildungen, geboren aus einer bestimmten, den Glauben an Yhwh in Frage stellenden Situation. Das ätiologische Moment stand also nicht am Anfang, sondern markiert das Ende der Literargeschichte und leitete eine Entwicklung ein, die in spätantiken Pilgerberichten ihre bruchlose Fortschreibung fand.

Die Studie wurde von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen als Inauguraldissertation zur Erlangung der Doktorwürde angenommen und mit »summa cum laude« bewertet. Für die Publikation habe ich in Auseinandersetzung mit aktuellen Trends vor allem die Forschungsgeschichte sowie die theologische Interpretation der nachexilischen Schichten erheblich erweitert.

Rezensionen

•         K. Smelik: De Stem van het boek 7 (1996) [Seiten unbekannt]

•         H.-J. Stipp: Journal of Northwest Semitic Languages 22 (1996) 175-177.

•         H. U. Steymans: Revue Biblique 104 (1997) 142-143.

•         J. Strange: Levant 29 (1997) 262-264.

•         E. Otto: Bulletin of the School of Oriental and African Studies 60 (1997) 346-347.

•         Th. Römer: Études théologiques et religieuses 52 (1997) 460-461.

•         G. Minette de Tillesse: Revista Biblica Brasileira 14,4 (1997) 322-323.

•         M. Köckert: Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 110 (1998) 459.

•         N. K. Gottwald: Journal of Biblical Literature 118 (1999) 123-124.

•         M. Görg: Theologische Literaturzeitung 125 (2000) 385-387.

•         T. Veijola: Theologische Rundschau 67 (2002) 398-400.