Aschau

Bereits nicht mehr in Raetien, aber unweit im direkt benachbarten Noricum gelegen, sind die Forschungen im Kampenwandgebiet bei Aschau im Chiemgau, die als Kooperationsvorhaben mit der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Vergleichende Archäologie römischer Alpen- und Donauländer) unter der Leitung von Dr. Marcus Zagermann durchgeführt werden. Hier geht es um eine spannende Neuentdeckung, die in die krisenhafte Zeit des 3. Jahrhunderts n. Chr. führt. Die schriftliche Überlieferung, zahlreiche Inschriften, aber auch die bekannten Hortfunde vermitteln bereits ein facettenreiches Bild dieser Epoche. Was aber vielfach noch fehlt, sind Einblicke in die unmittelbare Reaktion der Bevölkerung auf die unsichere Situation mit Bürgerkriegen und Plünderungen von Räuberbanden. Ein solcher Einblick gelang im Kampenwandgebiet in zwei Höhlen, die damals als Zufluchtsort für die Bewohner eines Gutshofes dienten.

In zwei Grabungskampagnen wurden die Befunde in diesen Höhlen untersucht. Aus der dunklen Kulturschicht, die sich hier angesammelt hatte, stammt zahlreiches Fundmaterial aus einem sehr engen Zeithorizont. Um die Jahrhundertmitte wurden die Höhlen bereits wieder aufgelassen, vielleicht im Zuge der Räumung des ganzen Tals?

Die Grabungen erfolgten unter alpinen Bedingungen, denn die Höhlen liegen an einem Steilhang mit 45 Grad Gefälle. Vielfach wurde mit Seilsicherung gearbeitet. Nur Querfeldein ist der Fundplatz heute erreichbar, weswegen allein der Zustieg jeden Tag von neuem abenteuerlich war. Die Auswertung verspricht jetzt neue Erkenntnisse zum 3. Jahrhundert im raetisch-norischen Grenzgebiet. Die enge Datierungsspanne gestattet eine regelrechte archäologische Momentaufnahme. Zahlreiche Tierknochenfunde werden zeigen, ob vor Ort Lebendvieh gehalten wurde oder ob nur haltbar gemachte Fleischteile aus dem Tal mitgenommen wurden. Mikromorphologische Proben aus der Kulturschicht sollen außerdem helfen zu verstehen, wie man sich die Schichtgenese im Detail vorzustellen hat.