Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte

Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit

Die St. Laurentius-Kapelle in Seligenstadt
Ergebnisse der Ausgrabung von 1997 zur Bau- und Stadtgeschichte

1. Einleitung

1996 rief der Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit (Prof. Dr. I. Ericsson) an der Universität Bamberg das Forschungsprojekt "Stadtarchäologie Seligenstadt" ins Leben. Das Projekt entstand auf Wunsch und unter großer finanzieller Beteiligung des Förderkreises Historisches Seligenstadt e.V.

Den Ausgangspunkt bildete die archäologische und bauforscherliche Untersuchung des Palatiums - in Zusammenarbeit mit dem Bamberger Lehrstuhl für Bau- und Siedlungsgeschichte (Prof. Dr.-Ing. J. Cramer). Bereits diese Ausgrabung zeigte, daß sich das hergebrachte Geschichtsbild in Seligenstadt bei Berücksichtigung archäologischer Quellen stark verändert. So lag es nahe, auch das Kernstück der Seligenstädter Vergangenheit mit archäologischen Methoden anzugehen: die Einhard-Zeit und die Vergangenheit des "Leusbuckels", also jener Erhebung, auf der die berühmte Basilika steht (Abb. 10).

Im Sommer 1997 führte der Lehrstuhl deshalb eine Ausgrabung auf dem benachbarten Hof der Hans-Memling-Schule durch. An dieser Stelle, auf der eiszeitlichen Niederterrasse des Mains, befand sich bis 1840 die kleine Kapelle St. Laurentius. Sie galt in der Geschichtsschreibung seit über hundert Jahren als jene kleine Steinkirche (basilica parva muro facta), die 815 in der Schenkung Ludwigs des Frommen an Einhard erwähnt wurde. Dieser erhielt das Dorf Obermühlenheim (Mulinheim superior) als Anerkennung für seine treuen Dienste und machte durch die Überführung der Heiligenreliquien aus dem kleinen Ort ein Wallfahrtszentrum, das bald nach seiner Hauptattraktion "Seligenstat" genannt wurde.

Bereits 1957 hatte unter der Leitung des Architekten G. Leopold eine erste archäologische Untersuchung auf dem Schulhof stattgefunden, die jedoch keine sicheren Beweise für oder gegen den karolingischen Ursprung der Kapelle erbringen konnte. Deshalb wurde ein weiteres Mal das "unterirdische" Geschichtsbuch Seligenstadts aufgeblättert: Die wichtigsten Ergebnisse der beiden Grabungen werden in diesem Heft vorgestellt und in eine Skizze der Geschichte Seligenstadts vom 3. bis zum 14. Jahrhundert eingefügt.

2. Zu Geschichte und Forschungsstand

Eine umfassende Aufarbeitung der Schriftquellen zur Baugeschichte sowohl der Abtei Seligenstadts als auch seiner Kirchen fehlt bisher. Die schriftliche Überlieferung ist sehr lückenhaft, die Auseinandersetzung mit ihr steckt noch in den Anfängen:
Die erste Erwähnung der St. Laurentius-Kapelle erfolgt im Zinsbuch der Abtei von 1470, "Census Altaris S. Lamperti in Capella" (nach Steiner 1820, 306 Anm. a). Die älteste Abbildung der Kapelle stammt von 1626 (Abb. 1), dargestellt ist allerdings die gesamte Mainfront der Stadt nur als Hintergrund, dementsprechend wenige Details sind zu erkennen. Eine weit aussagekräftigere Bildquelle ist der Kupferstich Stengels von 1639, der den gesamten Immunitätsbereich aus der Kavaliersperspektive zeigt.

Obwohl der bekannte Merianstich von 1649 eine insgesamt wesentlich qualitätvollere und detailreichere Arbeit zu sein scheint, ist er doch gerade im Detail weniger glaubwürdig: die Kapelle wird mit Polygonalchor und in die geschlossene Westfassade integriertem Turm gezeigt. Diese nur bedingte Originalgetreue der Merianschule ist ein bekanntes Forschungsproblem (Krings 1989).

Eine farbige, aber durch die Restaurierung von 1940 wenig glaubhafte Darstellung der Kapelle aus der Barockzeit befindet sich im ersten Stock der Klosterprälatur.

J.W. Steiner ist der erste Historiograph Seligenstadts, er berichtet 1820 (304f.), die Laurentiuskirche sei "älter als die abgerissene Pfarrkirche, ursprünglich die Pfarrkirche gewesen (...). Der Thurm und die Fenster zeigen zwar kein so hohes Alter, allein einige zugemauerte gothische Verzierungen und selbst das ungewöhnlich dicke Mauerwerk beweisen, daß letztere noch Ueberreste von der uralten Kirche sind. In den Jahren 1631, 32, 33 hielten in dieser die Schweden ihren evangelischen Gottesdienst."

Eine Wiederherstellung der Kapelle unter Abt Franz II. mit Neuweihe am 10.8.1707 ist ihm bekannt. Ferner erwähnt er den im abteilichen Zinsbuch genannten, in der Kapelle befindlichen Lambert-Altar. Steiner bildet eine undatierte Ansicht C.F. Schuhmachers ab (1820,295), sie zeigt allerdings nur den Abteiprospekt von Westen, an ihrem linken Bildrand ist das spitze Turmdach der St. Laurentius-Kapelle zu erkennen. Steiners Identifikation mit der "basilica parva" wird von Dahl wortgetreu übernommen (Dahl 1825).
1835 wurde in der evangelischen Gemeinde erwogen, die St. Laurentius-Kapelle - wie im Dreißigjährigen Krieg - als evangelische Kirche zu nutzen, doch nahm man von dieser Idee wegen der schlechten Erinnerungen an die Schwedenzeit Abstand (Spahn 1996,7). So wurde der nur noch als Lagerraum genutzte Bau 1840 auf Abbruch versteigert und vom 16. Juli bis Ende September abgerissen, um Platz für das neue Schulgebäude zu schaffen (Hell 1888).

F. Hell (1879,44f) identifiziert die Kapelle mit der kleinen Steinkirche Seligenstadt=Obermühlenheims. Auch er verweist auf die barocke Restaurierung - leider ebenfalls ohne Quellenangabe. Die Kirche sei bis zur Säkularisation Eigentum der Abtei gewesen und 1815 durch den Großherzog von Hessen an die Stadt Seligenstadt übergeben worden.

Eine knappe Einordnung der Kapelle aufgrund baulicher Details liefert P. Meissner (1907,160f.). Er identifiziert die Kapelle mit jenem Coenaculum, in dem Einhard die Kongragtion der Weltgeistlichen versammelte und zugleich mit jener basilica parva muro facta, die zum ursprünglichen Bestand der Schenkung Obermühlenheim von 815 gehörte. Obwohl er ausdrücklich einräumt, "ein bestimmter Beweis für den karolingischen Ursprung des ganzen Baus wird nicht mehr zu erbingen sein" (a.a.O. 160), verweist er auf die beim Abbruch geborgenen karolingischen Säulchen aus dem Kapellenturm. Kurz vor dem Abriß waren drei Zeichnungen der Kapelle angefertigt worden, die Meissner abbildet (Abb. 2); in den vermauerten rundbogigen Fensteröffnungen erkennt er eine vorbarocke Phase.

3. Die Ausgrabung

Die archäologische Untersuchung von 1997 öffnete zwei Grabungsflächen (Abb. 3, Schnitt I und II), eine in der Nähe der Altgrabung von 1957 (Graben 1), die andere im Übergangsbereich zwischen Langhaus und Chor. Auf eine komplette Ausgrabung der kleinen Kapelle wurde bewußt verzichtet, schließlich handelt es sich um ein erhaltenswertes Bodendenkmal, ein unterirdisches Stück Seligenstädter Geschichte.

3.1. Römische Befunde

Auf den anstehenden Terrassenschotter folgt ein Horizont römischer Befunde. Hier ist insbesondere auf einen "T"-förmigen, ca. 0,50 m breiten Graben in Schnitt I hinzuweisen(Abb. 3, Bef. 43). Seine Ausrichtung folgt dem durch die Untersuchungen E. Schallmeyers (1987) bekannten Limitationsraster des Limeskastells, das in den Alamannenstürmen um 250 n. Chr. aufgegeben worden war. Der aufgedeckte Befund ist für eine nähere Deutung zu ausschnitthaft; da er außerhalb der eigentlichen Kastellgrenzen liegt, könnte er zum zivilen Lagerdorf, dem sog. vicus, gehören. Dies dürfte auch für die fundleeren Gruben (Bef. 39 und 64) sowie das Pfostenloch (Bef. 44) gelten (Abb. 3).

3.2. Der Gartengrund

Flächendeckend tritt in beiden Schnitten ein stark durchgrabenes Humuspaket auf, das außerhalb der Kirche bis zu 0,90 m, innerhalb allerdings nur 0,40 m mächtig war (Abb. 4, Bef. 24, 57 und 58). Diese Schicht enthielt überwiegend römische Funde, allerdings auch wenige, mittelalterliche Scherben der grauen Glimmerware, die sich nicht näher als in das 9.-14. Jh. einordnen lassen (Abb. 5). In diesen Rahmen fügt sich auch das C14-Datum der geborgenen Knochen (siehe unten 4.3.).

Dementsprechend ist das Pfostenloch 26 als - freilich äußerst spärlicher - Hinweis auf eine Besiedlung des Areals vor Errichtung der Kapelle zu deuten. Ungleich bedeutender ist ein bereits 1957 aufgedeckter Nord-Süd-orientierter Sohlgraben, der unter der gesamten Breite der Kapelle herzieht (Abb. 3, Graben 1). Seine Orientierung weicht klar vom römischen Limitationsraster ab, er verläuft senkrecht zur Einhardbasilika und dürfte als Entwässerungsgraben gedient haben. Obwohl leider keine datierenden Funde erhalten sind, dürfte seine Ausrichtung auf einen Bezug zur Einhardbasilika hinweisen.

3.3. Die Kapelle

Die Kapelle St. Laurentius liegt auf einem kleinen "Sporn" der eiszeitlichen Niederterrasse, der als Zwickel zwischen Breitenbach und Main herausgespült worden ist (Abb. 10). Auf dem Stich von 1639 befindet sie sich innerhalb der spätmittelalterlichen Stadtmauer, aber außerhalb der Immunitätsmauer, also in einem Zugangskorridor von der westlichen Stadt zur östlich gelegenen Stadtpfarrkirche St. Bartholomäus.

Die Wände der Laurentius-Kapelle waren 1840 weitestgehend abgetragen worden. Ihr Standort wird allerdings durch die schuttgefüllten Ausbruchgruben markiert, die auch eine Rekonstruktion des Grundrisses erlauben (Abb. 3).

Mauerwerk war nur in zwei kurzen Fundamentabschnitten erhalten: eine Teilpartie der südlichen Chorwand und ein Rest der nördlichen Langhauswand (Abb. 3, Bef. 36 und 56a). Es handelt sich in beiden Fällen um Schalenmauerwerk, der Kern besteht aus regellosem, eingeschütteten Bruchsteinen (Sandstein, Kalkstein, Flußwacker), versetzt in sandreichem Kalkmörtel. Das Mauerstück der südlichen Chorwand ist etwa einen Spatenstich tiefer gegründet als das des Langhauses, dies deutet auf eine baulich solidere Ausführung des Chores hin und könnte ein Hinweis auf eine von vornherein geplante Einwölbung dieses Bereiches sein. Chor und Langhaus wurden gleichzeitig errichtet, ein Vorgängerbau war nicht vorhanden.

Insgesamt ergibt sich als Grundriß ein einschiffiger Saalbau mit um etwa Mauerstärke eingezogenem Rechteckchor. Die Vermessung aus dem frühen 19. Jh. (Abb. 2) und auch die historischen Abbildungen zeigen einen kleinen, in etwa quadratischen Westturm, der an die Fassade angesetzt ist und in die Rekonstruktion einbezogen wird. Die lichte Weite des Kircheninnenraumes beträgt dementsprechend weniger als 6,25 m, bzw. die Außenbreite weniger als 9,05 m.

In der Mittelachse der Kiche liegt im Langhaus an zentraler Stelle eine Grabstätte (Abb. 3), (Abb.4). Sie war mit einer sorgfältig abgefasten und geflächten, aber ansonsten unverzierten Sandsteinplatte abgedeckt (Abb. 6), die ursprünglich wohl etwa 2 m lang, aber bei Abbruch der Kirche abgeschlagen worden war. In ihrem westlichen Drittel befand sich ein Loch, das als Versatzhilfe für die Hebemaschine ("Wolf") eingestemmt war. Dieses Grab enthielt keine Bestattung, sondern eine Schuttfüllung (Abb. 4, Bef. 25). Ursprünglich war die Grabkammer allseitig von Bruchsteinmauern eingefaßt, von denen allerdings nur der Großteil der nördlichen und ein Rest der südlichen erhalten war (Abb. 3, Bef. 32 u. 33). Der östliche Abschluß wurde bereits 1957 erfaßt, die Unterkante des Grabes lag 0,58 m unter dem Fußboden, die Grabplatte war wohl im Langhausboden sichtbar, hierfür sprechen auch die angrenzenden Reste des Mörtelestrichs (30). Offenbar war das Grab im späten Mittelalter planmäßig ausgeräumt und Teile der südlichen sowie die westliche Mauer abgebrochen worden. Die eingebrachte Schuttfüllung enthielt zahlreiche glasierte Irdenwarenfragmente ohne Grundengobe (Abb. 5 Nr. 16-18), so daß von einer spätestmittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Verfüllung ausgegangen werden kann. Die Platte wurde nach Räumung des Grabes an Ort und Stelle belassen. Somit datieren die in der Schuttfüllung enthaltenen Funde den Zeitpunkt, nach dem der angrenzende Fußboden verlegt worden ist.

In der Triumphbogenzone - also dem Übergang vom Langhaus zum Chor - fanden sich Reste des zugehörigen, ältesten erhaltenen Bodenbelages (Abb. 3, Bef. 45, 46 u. 54); (Abb. 7). Es handelt sich um sorgfältig zugerichtete Sandsteinplatten von ca. 0,10 m Dicke, die auf einem dünnen Mörtelbett (46) verlegt waren. Die Oberkante des Langhausfußbodens (45) liegt bei 108,36 m ü NN, das Chorniveau (Bef. 54) ist demgegenüber um 26 cm erhöht. Der Niveaunterschied wurde mit ein bis zwei Stufen überwunden, die allerdings ausgebrochen worden sind.

Der erhöhte Chorbereich zog sich als Altarinsel bis in das Langhaus hinein, eine Lösung, die bei vielen Kirchen geläufig und noch heute in der benachbarten Einhardbasilika zu besichtigen ist. Der Fußbodenrest weist starke Abnutzungsspuren und Ziegelausflickungen in neuzeitlichem Backsteinformat auf, wahrscheinlich war er bis zum Abbruch der Kirche in Gebrauch und wurde aus unbekannten Gründen nicht entfernt.

Nördlich des Grabes befand sich eine Ausbruchgrube mit Schuttfüllung, die in den Humus eingetieft war (Abb. 4, Bef. 59). Die enthaltene Schuttfüllung entspricht in ihrer Konsistenz jener der Mauerausbruchgruben. Sie dürfte einen nicht mehr identifizierbaren Bestandteil der Kirche gebildet haben. Sowohl in allen Ausbruchgruben als auch im Abbruchschutt selbst fanden sich große Mengen zugerichteter Schieferschindeln, so daß von einer Schieferdeckung des Kapellendaches ausgegangen werden kann.

4. Einordnung und Datierung der Kapelle

Die durch die Ausgrabung erfaßten Überreste der Kapelle sollen im folgenden unter Berücksichtigung der Schrift- und Bildquellen analysiert und in die allgemeine Bau- und Siedlungsgeschichte eingeordnet werden.

4.1. Schriftquellen und Patrozinium

Die St. Laurentius-Kapelle wurde in der bisherigen Forschung mit der ältesten Kiche Seligenstadts identifiziert, die Einhard bereits vorfand. Sie erscheint erstmals in der Schenkungsnachricht Ludwigs des Frommen von 815 mit "et habet basilicam parvam muro factam" (=und hat eine kleine Steinkirche, Chron. Laur. 359).

Die zweite Erwähnung findet sich in dem um 830 von Einhard verfaßten Translationsbericht der Heiligen Marcellinus und Petrus als "ecclesiam veterem, quae occidentem versus a nova basilica (...) parvo spatio distabat" (=die alte Kirche, welche um einen kleinen Raum westlich der neuen Basilika steht, Translatio III,7, S. 250). Der rasch anschwellende Pilgerstrom zu den neu erlangten Reliquien erforderte offenbar in kurzer Frist zwei Neubauten für eine angemessene Verehrung: zunächst die erwähnte "nova basilica" und bereits um 830/40 die bekannte Einhardbasilika.

Die genannte erstere wurde traditionell mit der abgegangenen Stadtpfarrkirche auf dem heutigen Friedhof identifiziert. Auch wenn die dortigen Ausgrabungen keine karolingische Substanz erbrachten, so konnten doch mehrere Bestattungen erfaßt werden, die in das 8. Jh. zu datieren sind und auf die unmittelbare Nähe einer zugehörigen Kirche hinweisen (Grossbach 1997). Dies würde sich auch mit dem ausdrücklichen Hinweis Einhards decken, die alte Kirche befände sich nur "parvo spatio" westlich der neuen, während der Abstand zwischen Stadtpfarrkirche und allenfalls nordwestlich gelegener Kapelle St. Laurentius immerhin 180 m beträgt. Dies läßt an der hergebrachten Gleichsetzung St. Laurentius mit der "basilica parva" schon aufgrund der Schriftquellen Zweifel aufkommen.

Patrozinien unterliegen im Mittelalter einem regelrechten Modewandel, sind also auch bedingt zur zeitlichen Einordnung eines Kirchenbaues geeignet. Der Patron St. Laurentius ist ein antiker Märtyrer, der als ikonographisches Symbol sein Marterwerkzeug, den Brandrost trägt. Obwohl seine Verehrung bereits in der christlichen Spätantike und im Frühmittelalter bekannt ist, kommt es erst unter Otto d. Gr. und seinen Nachfolgern zu einer starken Verbreitung seines Kultes im Gebiet des Reiches: Die Schlacht auf dem Lechfeld am 10.8.955 fand am Namenstag dieses Heiligen statt, dem entsprechend ein hilfreicher Einfluß zugeschrieben wurde, zumal Otto im Siegesfall die Errichtung eines Bistums (Merseburg) unter diesem Patrozinium gelobt hatte.

Unter den Ottonen avancierte Laurentius zum persönlichen Schutzheiligen des Königtums, in der Folgezeit etablierte sich Laurentius auch als Patron ritterlicher und bürgerlicher Kapellen (Zimmermann 1958 I,114-117 und 1958 II,81).

Offenbar existierte in der Kirche ein Lambert-Altar (Steiner 1820, 305 f.). Auch dieser Heilige wird seit karolingischer Zeit verehrt - er war Bischof von Lüttich, also im Kerngebiet der Karolinger -, allerdings erreicht dieses Patrozinium ebenfalls im hohen und späten Mittelalter die größte Verehrung, insbesondere nach Erhebung der Gebeine des Heiligen im Jahr 1193 (Zimmermann 1958 I 108).

Obwohl also für beide Heilige eine Verehrungstradition schon im frühen Mittelalter existiert, erlangt ihr Kult erst seit dem hohen Mittelalter große Verbreitung. Bemerkenswert ist in beiden Fällen ihre enge Verbindung mit dem Königtum.

4.2. Grundriß und Baugestalt

Der erkennbare Kapellengrundriß, ein Saalbau mit um Mauerstärke eingezogenem Rechteckchor, ist zwar seit dem frühen Mittelalter nachweisbar (Osswald/Schäfer/Sennhauser 1990), jedoch bis in das 13. Jh. und darüberhinaus geläufig. Sowohl in Hessen als auch im angrenzenden Unterfranken gibt es zahlreiche archäologische und aufgehend erhaltene Belege dieses Bautyps (z.B. Euerdorf, St. Johannes Bau II, nach Mitte 12. Jh., vgl. Vychitill 1992, 237; Michelsberg bei Neustadt a.M., vor 1250 vgl. Sage 1992, 213-215; Kirchberg, Schwalm-Eder-Kreis, Mitte 13. Jh., vgl. Sippel 1989,96).

Da eine unmittelbare Beeinflussung durch benachbarte Bauten die wohl nächstliegende Erklärung für die Wahl dieses Grundrißtyps darstellt, ist hier vor allem auf die ehemalige Seligenstädter Stadtpfarrkirche zu verweisen: Die Ausgrabungen auf dem heutigen Friedhof ergaben 1994/95 als älteste, faßbare Bauphase einen Saalbau mit um Mauerstärke eingezogenen Rechteckchor. Eine Datierung war nicht über Funde, sondern aufgrund einer überbauten Bestattung im Chorbereich möglich, ihr C-14-Datum liefert einen Baubeginn nach der Mitte des 12. Jahrhunderts, wahrscheinlich im späten 12. oder erst im 13. Jahrhundert (Grossbach 1997,37). Dieser potentielle Vorbildbau ähnelt in seiner Gesamtausführung, aber auch hinsichtlich der festgestellten Mauertechnik St. Laurentius sehr (Grossbach 1995, Bef. 5).

Die Ausrichtung der Kapelle ist streng geostet und parallel zur benachbarten Einhardbasilika, weicht dagegen von jener der Stadtpfarrkirche Unserer Lieben Frau deutlich ab. Es ist unwahrscheinlich, daß St. Laurentius als älteste Kirche beim Bau der "nova basilica" unbeachtet, aber Vorbild der jüngeren Einhardbasilika war. Plausibler ist dagegen die Annahme, daß St. Laurentius sich am Vorbild der zum Bauzeitpunkt bestehenden und unmittelbar benachbarten Einhardbasilika orientierte. Dafür spricht auch jener Entwässerungsgraben, der vor Errichtung der Kapelle in Funktion war, aber offensichtlich auf die Ausrichtung der Einhardbasilika Bezug nimmt. Beide Indizien weisen auf eine Errichtung der Kapelle nach Erbauung der bedeutendsten Kirche Seligenstadts.

Über den aufgehenden Bau sind nur wenige Aussagen möglich, da der Abbruch überwiegend bis zur untersten Steinlage der Grundmauern ausgeführt worden war. Dennoch ist eine Mauerstärke von maximal 1,40 m erschließbar, die als hinreichend tragfähig für eine Einwölbung über einer Langhausbreite von weniger als 9,05 erscheint. Auf den vor Abbruch angefertigten Zeichnungen (Abb. 2) ist im Grundriß die Signatur für drei längsrechteckige Gewölbeeinheiten eingetragen, die offensichtlich durch zwei Gurtbögen abgebunden waren. Auch der annähernd quadratische Chor ist eingewölbt. Im archäologischen Befund konnten zwar keine Vorlagen festgestellt werden, doch sind die ermittelten Fundamente hinreichend breit, um auf einem anzunehmenden Vorsprung Auflagefläche zu bieten.

Es gibt nur wenige Architekturbruchstücke, die für eine Datierung der Kirche geeignet sind. Hier sind an erster Stelle die vier im Landschaftsmuseum aufbewahrten karolingischen Säulen zu nennen, die beim Abbruch 1840 aus den Schallöffnungen des Westturmes geborgen worden sind (Abb. 8). Obwohl sie karolingischen Ursprungs sind, handelt es sich offensichtlich um zweitverwendete Bestandteile des Innenraums der um 830/40 errichteten Einhardbasilika (Ziborium oder Lichtöffnung vom Querhaus zum Mittelschiff, so Zöller 1984), demnach können sie nicht zur Datierung der Kapelle herangezogen werden.

Dies gilt eher für das Fragment eines Sandsteinprofils aus der Ausbruchgrube 10 B (Abb. 5,19). Es ist für eine zweifelsfreie Einordnung zwar zu bruchstückhaft, aber in seiner Detailausführung durchaus mit dem Profilschnitt des rechten Palatiumportals nach 1220/30 vergleichbar (Binding 1996 Abb. 190 u. S. 396).

Die vor Abbruch festgehaltene Ansicht(Abb. 2) läßt entsprechend der Einwölbung eine Gliederung des Langhauses in drei Fensterzonen erkennen, der Chor zeigt allseitig je ein Fenster. Der Zugang erfolgte durch die Mittelachse der Langhaussüdfront, öffnet sich also auf den Kapellenkirchhof hin zum Nordeingang der Einhardbasilika. Die auf den Zeichnungen abgebildete Südseite des Kappellenturms läßt fünf Geschosse erkennen. Im Erdgeschoß befindet sich nur eine kleine, rundbogig überfangene Fensteröffnung, der erste Stock zeigt ein Triforiumsfenster, die oberen Geschosse dagegen gekuppelte Biphorien mit den sichtbar unorganisch eingestellten karolingischen Säulen.

Die Gesamtstruktur des Turmes gleicht jener des Limburger Doms (erbaut 1220-35, Baumgart 1977,96). Grundriß und Baugestalt des Ursprungsbaus sind somit in die Übergangsphase der deutschen Spätromanik zu setzen. Vom späten 12. Jh. bis in die erste Hälfte des 13. Jh. läßt sie zwar bereits die Gestaltungsprinzipien der französischen Kathedralgotik durchscheinen, führt aber den hergebrachten romanischen Formenschatz fort (Nußbaum 1994, 17-52 und Binding 1993,245-270).

4.3. Die archäologischen Funde und die zentrale Grabstätte

Die Kirche wurde auf einem Humushorizont errichtet, der überwiegend römisches Fundmaterial aus der Zeit vor 250 n. Chr. enthält (Abb. 5, Nr. 1-8). Nur wenige Scherben stammen aus dem Mittelalter, es handelt sich allerdings um jene Typen der grauen Glimmerware, die nach dem heutigen Forschungsstand nicht näher als in das 9.-14. Jh. einzuordnen sind (Abb. 5, Nr. 9-15).

Die im Humus unter dem Chor geborgenen Knochenfunde wurden einer C-14-Datierung unterzogen, die den Bereich 900-1010 ergab (Heidelberger Akad. Wiss. 1998). Auch der untere Grenzwert dieser Datierung, die ja den terminus post quem, also den Zeitpunkt nach dem die Kirche errichtet worden ist, bietet, schließt eine karolingische Zeitstellung aus. Der Gartengrund nördlich der Einhardsbasilika stand demnach im hohen Mittelalter offen und wurde wohl als solcher genutzt, bis hier die Kapelle errichtet wurde.

Eine wichtige Quelle ist die zentrale Grabstätte. Sie ist zwar offensichtlich im späten Mittelalter oder der frühesten Neuzeit aufgegeben worden, kann aber wegen ihrer exponierten Lage als Stiftergrab bezeichnet werden. Der oder die so Bestattete hatte sich gewiß um die Abtei verdient gemacht bzw. als Förderer erwiesen, durchaus könnte auch die Kapelle selbst die Spende darstellen. Die prominente Grablege sollte das Seelenheil durch "Teilnahme" am Gottesdienst und die Nähe zu den Sakramenten bis zur Auferstehung sichern und mehren. Sehr reizvoll sind hier Spekulationen zum Grund der Aufgabe dieses Grabes - erlosch die Stiftung, wandelte sich das Glaubensbild oder fiel die Familie des Stifters in kirchliche Ungnade...?

Auch ohne nähere Informationen zu dem unbekannten Toten liefert die nach Beräumung in den Fußboden integrierte Grabplatte (Abb. 6) einen zeitlichen Anhaltspunkt. Sie ist nämlich als ursprüngliche Abdeckung anzusprechen. Leider handelt es sich um eine sehr schlichte, unverzierte Sandsteinplatte, die allerdings durch ihre Abfasung und das erkennbare "Wolfs-"loch sicherlich in hochgotische Zeit zu setzen ist. Ihre Ausführung gleicht der Basisplatte der Abdeckung des Grabes König Ludwigs von Frankreich in St. Denis (gest. 1260, Panofsky 1964 Abb. 246) oder der Fußplatte des Grabdenkmals von Konrad Kurzbold in Limburg/Lahn (erste Hälfte 13. Jh., vgl. Wischermann 1980, 2 Abb. 1).

5. Ergebnis: Die Kapelle St. Laurentius

Die archäologischen Untersuchungen des Sommers 1997 lokalisierten auf dem Hof der Hans-Memling-Schule in Seligenstadt die Überreste der 1840 abgebrochenen St. Laurentius-Kapelle. Obwohl der Abbruch ausgesprochen gründlich durchgeführt worden war, konnte der Bau als Saalkirche mit um Mauerstärke eingezogenem Rechteckchor und vorgesetztem Westturm identifiziert werden. Sowohl der um zwei Stufen erhöhte Chor als auch das dreijochige Langhaus waren überwölbt. Zumindest die letzte Dachdeckung bestand aus Schiefer. Im Zentrum des Langhauses befand sich ein prominentes Grab, wahrscheinlich die Grablege des Stifters.

Die Kapelle ist im späten Mittelalter oder in der frühen Neuzeit umfassend renoviert worden, sie erhielt u.a. einen neuen Fußboden, hierbei wurde auch das zentrale Grab abgebrochen. Nachrichtlich überliefert ist eine Erneuerung von 1701 unter Abt Franz II. Möglicherweise geht auf ihn die bis zum Abbruch sichtbare barocke Umgestaltung zurück.

Die Analyse der Schriftquellen, aber auch des Baukörpers und der Grabungsfunde lassen keine Identifizierung des Ursprungsbaus mit der "basilica parva muro facta" der Einhardzeit zu. Dagegen weisen mehrere Indizien in das fortgeschrittene Hochmittelalter, wahrscheinlich in die Zeit vom späten 12. bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts.

Folglich ist die Ansprache als karolingische Ortskirche falsch, dagegen eine Deutung als spätromanische Stifterkapelle in Nachbarschaft der Einhardbasilika recht wahrscheinlich. Sie diente vermutlich als Grabkapelle des umgebenden Friedhofs, vielleicht auch als Winterkirche der Einhardbasilika, auf die sie in Ausrichtung und Zugang deutlich Bezug nimmt.

Diese zeitliche Einordnung fügt sich zudem gut in das heutige Bild der Siedlungsentwicklung im frühen und hohen Mittelalter:

6. Die Entwicklung Seligenstadts nach archäologischen und historischen Quellen

6.1. Frühmittelalter (Abb. 9)

Den Ausgangspunkt der Entwicklung Seligenstadts bildet das um 250 n. Chr. aufgelassene römische Limeskastell. Seine Ausdehnung und Teile das Limitationsrasters konnten durch mehrere Beobachtungen und Ausgrabungen erfaßt werden (Schallmeyer 1987,5-37), lediglich die Ostgrenze muß offenbleiben, sie wurde wahrscheinlich vom Main weggeschwemmt.

Die Kastellruinen wurden offensichtlich im 3./4. Jh., aber nur vorübergehend, von Alamannen bewohnt. Der 815 bezeugte ältere Ortsname Mulinheim superior (Codex Laureshamensis 1 (1929) 299f. Nr. 19) gehört ebenso wie der Name des Nachbarortes Kleinwelzheim zur frühmittelalterlichen Schicht der Toponyme. Die geläufige, uneingeschränkte Zuordnung zur fränkischen Siedlung ist allerdings nicht mehr haltbar. Die Sprachforschung deutet -heim Orte als gemeingermanisch-frühmittelalterlich (Schwarz 1960).

Hierfür spricht auch der archäologische Befund: die Grabungsergebnisse des frühmittelalterlichen Friedhofs von Kleinwelzheim deuten auf eine Zugehörigkeit zum Thüringerreich, dessen Machtzentrum bis 535 im Großraum Unterfranken-Südthüringen lag (Lüdecke 1987 und mündliche Mitteilung). Während die schriftliche Überlieferung klar für die Existenz eines Ortes an der Wende des 8. zum 9. Jh. spricht, der aus mehreren Hofstellen besteht und "habet basilicam parvam muro factam..." (hat eine kleine Steinkirche), bleibt die tatsächliche Lage dieser Ortschaft ein Forschungsproblem.

Definitiv auszuschließen ist das Areal des römischen Limeskastells, hier ist zwar eine Abbruchtätigkeit im 9. Jh. nachweisbar - sie steht im Zusammenhang mit der Bautätigkeit Einhards - aber keine Besiedlung (Schallmeyer 1987).

Rein topographisch kommt dem Gelände des heutigen Friedhofs die größte Wahrscheinlichkeit zu, die erhabene Lage über dem Mainufer, der westlich und östlich anschließende Bachlauf und nicht zuletzt der höchste Punkt im näheren Umkreis - nämlich der heutige Standort des Kreuzes, der zugleich die Stelle der Stadtpfarrkirche markiert - sprechen für eine Verortung in diesem Bereich des Stadtgebietes. Die Rekonstruktion der Geländetopographie durch L. Trautmann (Abb. 10) spricht gegen eine Lage um die St. Laurentius-Kapelle: sie steht an der Böschungskante des Mainufers, als geeigneterer Standort erscheint allenfalls das Areal der Einhardsbasilika, die jedoch nach Ausweis der Untersuchungen O. Müllers weder einen frühmittelalterlichen Vorgängerbau noch Siedlungsreste zu überdecken scheint.

Auch wenn bei den Ausgrabungen im Chorbereich der ehem. Stadtpfarrkirche St. Bartholomäus (Grossbach 1997) keine karolingische Substanz angetroffen werden konnte, so lassen sich hier zumindest die Ausläufer des frühmittelalterlichen Ortsfriedhofes lokalisieren. Unter dem - nicht ergrabenen - Langhaus könnte sich ein karolingischer Vorgängerbau befinden, eine ähnliche Situation liegt z.B. beim Bamberger Dom vor (Sage 1986,215). Dieser hypothetische Vorgängerbau müßte allerdings als jene "basilica nova" angesprochen werden, die Einhard vor 828 errichtete. Würde es sich um die älteste Steinkirche handeln, dann läge die basilica nova gemäß der Beschreibung der Translatio noch weiter östlich, also auch östlich des heutigen Friedhofes. Dementsprechend muß die älteste Steinkirche im Bereich zwischen ehem. Stadtpfarrkirche und heutiger Einhardbasilika gesucht werden. Befindet sie sich noch auf dem Friedhofsareal, so ist sie und Obermühlenheim wohl durch die Bestattungstätigkeit weitgehend zerstört.

Es bleibt aber noch die Hoffnung auf den Konventgarten: dieser potentielle Standort wäre zudem auch verkehrsgünstiger, weil näher zur noch heute durch die Fähre markierten historischen Furt gelegen.

6.2. Hochmittelalter (Abb. 11)

Wesentlich klarer sieht dagegen die archäologische Quellenlage für das Hochmittelalter aus: Der Bereich des römischen Limeskastells wird im 11./12. Jh. wahrscheinlich flächig neu besiedelt. Die Ausgrabung von 1975 in der Großen Rathausgasse 3 deckte Überreste eines Grubenhauses und eines Fachwerkgebäudes auf (Schallmeyer 1987,38-59). Bereits 1957 konnte K. Nahrgang an der Ecke Palatiumstraße/ Große Fischergasse die Überreste eines Töpferofens (?) und eines benachbarten Grubenhauses erfassen (Nahrgang 1957). Dieser Komplex dürfte in einem Zusammenhang mit den Siedlungsresten auf der Terrasse vor dem Palatium stehen, die 1996 untersucht worden sind: An dieser prominenten Stelle mit Blick auf die historische Mainfurt konnten zwei Ständerbauten nachgewiesen werden. Diese Fachwerkhäuser über Steinfundament sind für das 11./12. Jh. als fortschrittliche Bauweise zu bezeichnen, nur die zugehörigen Nebengebäude wurden als traditionelle Pfostenbauten ausgeführt.

Die Bewohner gingen nicht nur der Hochjagd nach, sondern waren auch mit Metallverarbeitung befaßt. Diese Indizien sprechen für eine sozial herausgehobene Bewohnerschaft. Möglicherweise handelt es sich um den Standort des von der historischen Forschung erschlossenen Königshofes, der mit Ministerialen besetzt war. Jedenfalls wurde hier im späten 12. Jh. unter Friedrich I. Barbarossa die ältere Bauphase des Palatiums errichtet, der erste unbefestigte Schloßbau nach italienischem Vorbild nördlich der Alpen (Atzbach 1997).

Offensichtlich nimmt die Siedlung Seligenstadt unter den staufischen Königen einen starken Aufschwung: Die Einwohner werden 1175 als cives bezeichnet, eine Stadterhebung unter Friedrich I. Barbarossa wird vermutet (Binding 1996,389).

Im Zentrum des ehemaligen Limeskastells entsteht der hierzu erforderliche, mutmaßliche Vogteibau, das Romanische Haus von 1187 (Ludwig 1987). Sowohl das Palatium als auch das Romanische Haus sind wohl im Vorfeld des Hoftages vom 21. April bis 16. Mai 1188 (Seibert 1910,9) errichtet worden. Das Palatium wird zwischen 1235 und 1237 unter Friedrich II. erneuert (Binding 1996,395f.). 1237 ist deshalb die staufische Präsenz in Seligenstadt so stark, daß sich Friedrich II. zu einem Lehnsrevers an den Mainzer Erzbischof genötigt sieht: Er muß klarstellen, die Stadt sei nicht sein Eigen sondern lediglich ein Mainzer Lehen (Reg. Imp. V 2273). Dennoch kann man die Siedlung Seligenstadt unter den staufischen Königen Friedrich I. Barbarossa bis Friedrich II. als quasi-Reichsstadt bezeichnen, hierfür spricht auch das Fernbleiben des eigentlichen Stadtherren, des Mainzer Erzbischofs, in den Jahren zwischen 1165 und 1250 (Ludwig 1987,103).

Wahrscheinlich wurde die Kapelle St. Laurentius nach dem Vorbild der Stadtpfarrkirche Unserer Lieben Frau errichtet. Beide Bauten stammen nach dem archäologischen Befund wahrscheinlich aus dem späten 12. bis ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bzw. wurden in dieser Zeit erneuert. Dies läßt eine mittelbare Beteiligung des Königtums entweder vermuten oder sie im Zusammenhang mit dem allgemeinen Aufschwung in der "staufischen" Stadt sehen. Auch die Patrozinien Laurentius und Lambert könnten einen königsnahen Ursprung anzeigen.

Hier ist auch auf die Lage der Kapelle im "Zugangskorridor" von der Stadt zur Stadtpfarrkirche hinzuweisen (Umschlagbild): Es entsteht nahezu das Bild einer Einkreisung der mainzischen Abtei durch staufisch-städtische Bauvorhaben, die wiederum die Bedeutung des Lehnsrevers von 1237 als Interessenausgleich zwischen tatsächlichem (staufischen) und rechtlichem (Mainzer) Stadtherrn unterstreicht.

Der Untergang der staufischen Königsmacht in Deutschland um 1250 besiegelt zugleich das Ende der Blütezeit der "staufischen" Siedlung in Seligenstadt, hierzu paßt auch die Inkorporation der Stadtpfarrei in die mainzische Abtei im Jahre 1255 (Neubauer 1967,270f.). Die Zuordnung Seligenstadts zum Reich ist allerdings auch nach Ende des Interregnums so klar, daß Rudolf von Habsburg die Stadt 1284 erfolgreich als Königsgut revindizieren kann. Noch 1306 nehmen Seligenstädter Abgesandte im Ringen um die Autonomie ihrer Stadt an der Schwureinung des wetterauischen Städtebundes teil - der vorwiegend aus Reichsstädten besteht. Erst ab 1309 bleibt das mainzische Primat über die Bürgersiedlung unbestritten (Seibert 1910,11).

7. Ausblick

Mit der Erneuerung der mainzischen Stadtherrschaft begann die bis 1806 währende gemeinsame, oft spannungsgeladene Geschichte von Bürgerstadt und Abtei. Den Schlußpunkt unter diese Epoche setzte die Säkularisation der Abtei und in deren Folge der Abbruch der "überzähligen" Kirchen St. Bartholomäus und St. Laurentius. Sie wurden so zu archäologischen Quellen.

Erst aus der Synthese schriftlicher und unterirdischer "Dokumente" entsteht langsam ein neues, differenzierteres Bild der Vergangenheit Seligenstadts. Auch nach Beantwortung einer alten Frage bleiben noch viele zur Seligenstädter Geschichte offen: Was geschah in der dunklen Zeit zwischen Untergang des Römerkastells und Einhards Klosterbau? Wo genau lag der frühmittelalterliche Ort Obermühlenheim mit seiner "basilica parva"? Wie sah Einhards erste Kirche, die "nova basilica", aus? Welche Rolle spielte der Pfalzort Seligenstadt im staufischen Machtbereich, aber auch in der Region?

Sicher ist in jedem Fall, daß an der Mainschlinge ein Ort liegt, der als römische Kaserne, Pilgerzentrum, quasi-Reichsstadt, Mainzer Landstadt und schließlich als reizvoller Erholungsort durch alle Jahrhunderte Menschen zu einem Besuch einlud - und Geschichte schreiben ließ.

8. Literatur

8.1. Schriftquellen

Chronicon Laureshamense, MGH SS XXI, ed. G.H. Pertz (Hannover 1869, Ndr. Stuttgart/ New York 1963) 358-360.

Regesta Imperii V. Die Regesten des Kaiserreiches unter Philipp, Otto IV., Friedrich II., Heinrich (VII.), Conrad IV., Heinrich Raspe, Wilhelm und Richard. Neu hg. u. erg. v. Julius Ficker (Ndr. Hildesheim 1969).

Translatio et Miracula Sanctorum Marcellini et Petri Auctore Einhardo. MGH SS XV/I, ed. W. Wattenbach (Hannover 1887, Ndr. Stuttgart/ New York 1963) 238-264.

8.2. Ungedruckte Bildquellen

Meißner, Daniel, Schatzkästlein (1626), Landschaftsmuseum Seligenstadt, Signatur: LMS 10/325.

Stengel, Monasteriologia II (1639), Staatsbibliothek Bamberg, Signatur: Patr.F.127.

8.3. Sekundärliteratur

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Baumgart, Fritz, Stilgeschichte der Architektur (Köln 1977).

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Binding, Günther, Deutsche Königspfalzen von Karl dem Großen bis Friedrich II. (765-1240) (Darmstadt 1996).

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