Institut für Archäologie, Denkmalkunde und Kunstgeschichte

Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit

Anja Heidenreich, Dissertationsschrift

Islamische Importkeramik des hohen Mittelalters auf der Iberischen Halbinsel unter besonderer Berücksichtigung der frühen lokalen Goldlüsterproduktion im Untersuchungsraum

In dieser Untersuchung werden ausgewählte Sonderkeramiken innerhalb der hochmittelalterlichen spanischen Glasurkeramik islamischer und nachislamischer Zeitstellung behandelt. Ein Teil der 287 äußerst heterogenen Einzelstücke konnte bekannten Töpfereizentren der islamischen Welt außerhalb der Iberischen Halbinsel zugeordnet werden, während sich als grundlegend neues Ergebniss eine bisher nicht fassbare Frühphase der in al-Andalus im hohen Mittelalter hergestellten Lüsterwaren formulieren ließ. Diese Produkte eines hoch stehenden keramischen Kunsthandwerkes gliedern sich nun in mehrere Warengruppen von unterschiedlicher geografischer und zeitlicher Verbreitung und liefern so der spanischen Forschung erstmals eine Basis für die Diskussion der kulturhistorischen Genese und handwerklich-kunstgeschichtliche Entwicklung dieser speziellen Dekortechnik während des hohen Mittelalters. Auch die Schriftquellen zur örtlichen Herstellung und erfolgreichen Vermarktung der begehrten Prachtwaren konnten nun im Untersuchungsraum materiell bestätigt werden.

In aller Kürze nur können an dieser Stelle die wichtigsten der aus der Keramikanalyse hervorgegangenen 19 Warengruppen umrissen und mit exemplarischen Vertretern (Abb. 1 und 2) dargestellt werden. Bereits aus dem 10. Jh. stammt ein größerer Komplex an Goldlüsterwaren (Warengruppe I) aus der Cordobeser Palaststadt Madīnat az-Zahrā’, deren Baubeginn unter ‘Abd ar Rahmān III. für die Zeit ab ca. 940 überliefert ist. Die bisher in der Forschung als typisch ‘abbāsidisch-mesopotamische Leitfunde betrachteten Schüsselformen (Abb. 1, 1–9) erwiesen sich an Hand neuerer Vergleiche als ikšīdidische Töpferwaren des zeitgleichen, vorfātimidischen Ägypten. Auch andere frühe Importwaren mit Bleiglasuren (Warengruppe V) – darunter eine reliefverzierte Öllampe mit exakten Parallelfunden in Berlin und Paris (Abb. 1, 10) – sind nun zweifellos dieser Herkunftsregion zuzuordnen. Im 10. und 11. Jh. war dessen politisch-kulturelles Zentrum Fustāt jedoch nicht nur Ursprung einer Vielzahl origineller Töpfereiprodukte, wie z. B. der typischen fātimidischen Lüsterwaren mit und ohne Sgraffito-Zier (Abb. 1, 11) (Warengruppe VIII), sondern gleichermaßen auch wichtigster Umschlagplatz für alle erdenklichen Waren aus Fernost. Die im Untersuchungsraum ergrabenen Porzellane (Abb. 1, 16) und Steinzeuge (Abb. 1, 17) (Warengruppe VI) haben hier gute Entsprechungen und müssen zweifellos auf diesem Wege verschifft worden sein. Kunstgeschichtlich gut zu isolieren sind auch die nordafrikanischen, mehrfarbig bemalten Produktionen aus der Qal‘a der Banū Hammād/Algerien (Abb. 1, 12. 13) (Warengruppe IV) und Ifrīqiya/Tunesien (Abb. 1, 14. 15) (Warengruppe II), die sich besonders in der wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeit der Tā’ifa-Reiche (11. Jh.) im Untersuchungsraum einer gesteigerten Beliebtheit erfreut zu haben scheinen. Sie unterscheiden sich von den technisch eng verwandten und zeitgleichen ‘Verde-Manganeso’-Waren auf der Iberischen Halbinsel durch ein eigenes Dekorrepertoire. Zu Beginn des Spätmittelalters belegt schließlich der Komplex an mamlukischen Quarzfritten (Abb. 1, 18) (Warengruppe VII) noch einmal anschaulich die über politische Umbruchzeiten ungebrochene Kontinuität eines international betriebenen Mittelmeerhandels, der auch unter christlicher Herrschaft weiterhin die prächtigen islamischen Handwerkserzeugnisse scheinbar ohne Beschränkungen für kaufkräftige Stadtbürger einführte.

Dank einer Analyse der erhaltenen Schriftdekore aller diesbezüglich dekorierten Fragmente durch Prof. Carmen Barceló (Universität Valencia) ergaben sich unter Einbeziehung der Arabistik wertvolle Zusatzaussagen. Überraschendes und wichtigstes Resultat war eine absolutchronologische Datierung für die Warengruppe X (Abb. 2, 1–5). Die auf mehreren Vertretern zu lesenden Inschriften nennen, gut vergleichbar den fātimidischen Tirāz-Werkstätten, ausdrücklich Auftraggeber für die Goldlüsterschalen, namentlich die Sevillaner Tā’ifa-Fürsten al-Mu‘tadid (1042–1069) und dessen Nachfolger al-Mu’tamid (1069–1091), die die frühe Produktion vermutlich durch angeworbene fātimidische Töpfer einführen und aufbauen ließen. Von diesen Sevillaner Erzeugnissen leiten sich in chronologischem und technischem Anschluss mehrere Warengruppen ab, die vor allem in Ostspanien streuen. Rasch entstanden hier während des 11. und 12. Jhs. weitere Töpfereien, die nun erstmals an Hand zahlreicher unpublizierter Neufunde herausgearbeitet werden konnten, was bisher auf Grund einer wenig großflächig ansetzenden Forschung und einer kaum vertieft betriebenen Materialrecherche nicht deutlich zu machen war (Abb. 2, 6. 7; Abb. 2, 8). Weitere Konkretisierungen dieser Gruppen im Einzugsgebiet des Ebro-Tales sind durch noch nicht regisitrierte und in Zukunft neu zu erwartende Funde abzusehen.

Im andalusischen Raum erbrachte eine Revision des Forschungsstandes und eine Einbeziehung bisher unberücksichtigter Altfunde ebenfalls neue Ergebnisse. Die bisher schlecht einzuordnenden Goldlüsterwaren aus dem portugiesischen Mertola (Warengruppen XV–XVIII) besitzen Parallelen in bereits bekannten Materialien aus dem Andalusischen und datieren mit ihren stratigrafischen Vergleichsdaten die dortige Produktion nun um gut ein halbes Jahrhundert früher als bisher allgemein angenommen. Da mit der Deutung der Epigrafiedekore auf Warengruppe X nun erstmals eine eigene Goldlüsterproduktion in al-Andalus schon seit der Mitte des 11. Jhs. unter den ‘Abbādiden nachweisbar wurde, ist dieser erweiterte Datierungsansatz umso wahrscheinlich.
Ein in der Forschung fälschlicherweise als früh-‘abbāsidischer Import angesprochenes Fragment aus Albarracín (Abb. 2, 9) gehört nun zweifellos auch einer späten, ab der Mitte des 12. Jhs. einsetzenden Warengruppe (Warengruppe XIX) an. Zu dieser Zeit produzierten die spätfātimidischen Keramiker bereits durchwegs im neuen Werkstoff Quarzfritte, so dass sich die andalusischen Exemplare weniger in ihrem Dekor – hier bestehen immer wieder enge Bezüge nach Fustāt – als vielmehr in ihrer vergleichsweise veralteten Technik deutlich absetzen.

Neben der ausführlichen Besprechung der innerspanischen Fundorte stellt die Dissertationsschrift in einem umfassenden Exkurs die wichtigstenen Keramikzentren der islamischen Welt, von Marokko bis China, mit ihrem aktuellen Forschungsstand vor. Dabei ergab sich unter Einbeziehung neuerer Ausgrabungsergebnisse ein komplexes Bild von den mehrfach über große Distanzen gewanderten Stilen, Techniken und Werkstätten, von gleichzeitig auftretenden Sonderformen und dekorrelevanten Abhängikkeiten, die die Schwierigkeiten bei der Arbeit mit islamischer Glasurkeramik anzudeuten vermögen. Erläuterungen zu den technischen Merkmalen der Leitfunde und der Versuch einer Analyse der in der islamischen Töpferkunst auftretenden Ziermotive – immer ausgehend von den Dekoren der untersuchten Stücke – runden diesen weit über den Untersuchungsraum hinausreichenden Teil der Arbeit ab.

Die Fundorte der Keramiken verteilen sich, – den durchgehend christlich beherrschten Iberischen Norden auslassend, wo Importe aus dem islamischen Raum derzeit nur in Form fātimidischer Bergkristallobjekte vorliegen – über den gesamten Untersuchungsraum. Um den Werkstoff Keramik nicht als isolierten Ausdruck einer ganzen Reihe von Importgütern überzuinterpretieren, wurden in vorliegender Arbeit auch andere Luxuriosa (darunter neben Bergkristall auch Glas, Elfenbein, Bronzen, Textilien etc.), zu denen zusammenfassende Darstellungen in Spanien ebenfalls noch ausstehen, erfasst und deren Herstellung bzw. Einfuhr diskutiert. Sie bilden nur einen geringen Teil eines hauptsächlich auf Agrargüter und Rohstoffe ausgerichteten Mittelmeerhandels, dessen Komplexität und Potenz an Hand der erhaltenen Schrift- und Materialquellen oftmals unterbewertet wurde und noch immer wird.

Die Kartierung des Fundvorkommens erfolgte getrennt nach Warenarten, wobei die Auffindungsorte mehrerer Warengruppen nach gewissen verbindenden Kriterien jeweils auf einer Darstellung vereint sind. Gemäß den verfügbaren historischen Hintergrundinformationen zu den Fundplätzen wurde eine Interpretation des aktuellen Verbreitungsstandes versucht. Da das momentane Bild jedoch auf einer noch äußerst begrenzten Materialbasis fußt, sind detaillierte Aussagen aus wissenschaftlicher Sicht noch wenig sinnvoll. Festzuhalten bleibt, dass die Importfunde sich auffällig in den Handelsmetropolen des Küstenraumes konzentrieren, während Vorkommen im Binnenland in erster Linie von politischen und weniger handelsrelevanten Konstillationen – wie sie für die Küstenstädte vorausgesetzt werden können – geprägt scheinen, und dann meist aus der Bütezeit der Kleinkönigreiche stammen.

Zusammenfassen lässt sich festhalten, dass die Bedeutung des keramischen Importmaterials vor allem in den merkantilen und technischen Informationen begründet liegt, die durch diese Funde bis heute übermittelt werden. Sie sind Zeugnis eines regen Mittelmeerhandels, der bereits im 10. Jh. auch den oft unterbewerteten Werkstoff Keramik einschloss. Für die Erforschung der islamischen Kultur auf der Iberischen Halbinsel, die über Jahrhunderte mit der restlichen arabischen Welt in regem Austausch stand, sind sie daher neben den anderen Kleinfundgattungen wichtige Schlüsselstücke, die bisher nur in Ansätzen und nicht selten einseitig vorgestellt und erforscht worden sind. Die Katalogisierung, systematische zeichnerische Darstellung und Neubearbeitung von Altfunden wurde entscheidend durch die Aufnahme einer beachtlichen Anzahl noch unpublizierter Materialien erweitert, die nun erstmals auf breiter Basis der Keramikforschung zugänglich sind. Diese Neufunde ermöglichten es schließlich, innerhalb der Lüsterwaren die Importe von den peninsularen Erzeugnissen zu scheiden und die Abfolge und Verbreitung dieser Technik im Untersuchungsraum erstmals zu skizzieren.

Die Verhältnisse auf der Iberischen Halbinsel bilden für die Keramikforschung und deren Technikgeschichte einen kulturhistorischen Glücksfall. In fast einzigartiger Klarheit kann hier aufgezeigt werden, wie überraschend weit die Einflüsse innerhalb des hochstehenden Töpfereihandwerks zwischen China, dem Ostislam, dem Westislam und dem Christentum reichen und wie eine im Gebiet neu entstandene Keramik- und auch sonstige Sachkultur sogar fundamentale politische Umbrüche überlebte. Auch die Entwicklung und der Aufschwung der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Fayenceherstellung ist ohne die Vermittlung der islamischen Töpfertechnik und deren Weiterleben in den mudejaren Erzeugnissen im spanischen und italienischen Raum keramikgeschichtlich kaum mehr vorstellbar.