Herman Wirth und die deutsche Archäologie im Umfeld des Nationalsozialismus

Projektleitung: Prof. Dr. Ingolf Ericsson

Beteiligte: PD Dr. Luitgard Löw

Förderer: HWP-Stipendium der Universität Bamberg

Laufzeit: 01.01.2003 - 31.12.2004

Der holländische Privatgelehrte Herman Wirth (1885 – 1981) ist heute weitgehend vergessen. Zu seinen Lebzeiten hat er aber viele Menschen mit Vorträgen, Artikeln und Büchern bewegt und noch kurz vor seinem Tod entbrannte eine Diskussion um seine Rolle im Nationalsozialismus. Durch seine Anhänger wird das Gedankengut bis heute weiter getragen.
Ab 1921 betrieb der promovierte Volkskundler prähistorische, volkskundliche und religionsgeschichtliche Forschungen, ließ sie bis zu seinem Tod nicht mehr los und veröffentlichte die Theorien in zahlreichen Publikationen. Spätestens 1934 traf Wirth auf Heinrich Himmler, den er mit seinen Ideen begeistern konnte. Dies mündete 1935 in die Gründung der „Studiengesellschaft für Geistes-Urgeschichte Deutsches Ahnenerbe” unter Himmlers Ägide. Diese SS-Forschungseinrichtung widmete sich unter politischem Vorzeichen zunächst der germanischen Frühgeschichte und beanspruchte schließlich kulturpolitische Herrschaftsfunktionen. Damit besaß Wirth für wenige Jahre eine herausragende Stellung in der Kulturpolitik des NS-Staates. Auch nach dem Ende des Dritten Reiches machte er als völkischer Vordenker keine Konzessionen in Bezug zu diesen Gedanken. Die Laienzuhörer konnte er mitreißen, die Gelehrtenkreise hingegen verweigerten ihm die Anerkennung. Vor allem bei den Prähistorikern stieß er auf starke Kritik und heftige Ablehnung. Höhepunkt von Wirths Karriere in „Ahnenerbe” bildeten die Forschungsreisen 1935 und 1936 nach Skandinavien, wo er bronzezeitliche Felsbilder studierte und abgoss. Diese Symbole bildeten die Grundlage der „Urgeistesgeschichte”, einer von ihm begründeten neuen Wissenschaft. Überzeugt von einer „Dauerüberlieferung” sammelte er Sinnbilder und Zeichen für eine „Ursinnbildschrift”, die Aufschluss über das Denken der vorgeschichtlichen Menschen bis in die Altsteinzeit geben sollte.
Als Vertreter des Nordischen Gedankens sah er im Norden Europas die Quelle aller Kultur. 1928 erschien sein Buch „Der Aufgang der Menschheit”, in dem er sich für eine polare Hochkultur aussprach, die sich als Folge von Völkerwanderungen in ganz Europa bis nach Sibirien und Nordamerika ausgebreitet hätte. In den Bereich dieser Hochkultur, in dem die Frau eine überragende, kultisch-soziale Rolle besessen haben soll, ordnete er auch das sagenhafte Atlantis ein. Wirth war bestrebt, das „Urgeisteserbe” des zirkumpolaren Nordens wiederzubeleben und zu einer neuen Blüte zu bringen. Den Zugang zu dieser vergangenen Kultur erschloss er mit seiner „Ursymbolgeschichte” und berief sich dabei auf archäologische Funde. Die skandinavischen Felsbilder bildeten einen zentralen Punkt in seinen Arbeiten. Wirth sammelte Symbole, unabhängig von Raum und Zeit, und setzte sie zueinander in Beziehung. Es ging ihm dabei nicht nur um ihre Darstellung, sondern auch um die Vermittlung von Inhalten. Dies brachte Wirth den Ruf ein, als Begründer einer völkischen Ersatzreligion zu agieren. In Wirths Theoriesystem besaßen die Motive der skandinavischen Felsbilder eine besondere Bedeutung, vor allem die auf dem Felsen von Fossum, Gem. Tanum. Dabei konzentrierte er sich nur auf einzelne Motive. Diese geben Einblick in das Denken und Arbeiten eines Privatgelehrten im völkischen Kontext, in sein System und Vorstellungswelt um eine bronzezeitliche „monotheistische Urreligion” und deren Ideographie.
Darüberhinaus spiegelt sich Wirths Biografie ein spannender Abschnitt deutscher Wissenschaftsgeschichte wieder, nämlich das Streben der deutschen Prähistoriker um ihre Anerkennung als eigenes akademisches Fach und ihre allmähliche Etablierung an den Universitäten.