Institut für Archäologie, Denkmalkunde und Kunstgeschichte

Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit

„Bauopfer“ der Kathedrale von Chur, Kanton Graubünden (CH). Funde aus Gebäuden des Mittelalters und der Neuzeit

Projektleiter: Prof. Dr. Ingolf Ericsson

Projektmitarbeiter: Iris Nießen, BA

Im Dachgeschoß der Kathedrale von Chur (Kanton Graubünden) wurden während der Restaurierungsarbeiten 2006 insgesamt 218 Objekte aus den Gerüstbalkenlöchern geborgen. Es handelt sich ausschließlich um organisches Material, dass durch die klimatischen Bedingungen sehr gut erhalten und teilweise mumifiziert ist. Neben zahlreichen Rinderknochen mit Schlachtspuren fanden sich unter anderem auch Ziegen- und Gämsenfüße sowie Katzenschädel.

Die Funde wurden in Kooperation mit dem Archäologischen Dienst Graubünden im Rahmen einer Masterarbeit durch Iris Nießen bearbeitet.

Zu Beginn der Arbeit wurde ein Überblick zum Aberglauben geboten, um in die allgemeine Problematik einzuführen. Zur Eingliederung in den Gesamtkontext wurden die verschiedenen Fundgattungen aus Gebäuden vorgestellt. Hierbei wurden Verwahr-, Versteck- und Verlustfunde sowie Abfallentsorgungen, Baubestandteile und Nachgeburtsbestattungen näher erläutert und ihre unterschiedlichen Kriterien hervorgehoben. Der Terminus Funde aus Gebäuden wurde bewusst gewählt, da dieser sowohl Funde aus Ausgrabungen, zum Beispiel im Bereich des Fundaments, wie auch Funde „oberhalb der Grasnarbe“ (Vgl. Stadler 2005, 34) einschließt. Dem „Bauopfer“ wurde in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Nach Vorstellung der Forschungsgeschichte konnte eine allgemeingültige Definition erarbeitet werden: 

„Bauopfer“ ist als Überbegriff für Deponierungen im Bereich von Gebäuden zu verstehen, die sich positiv auf das Bauwerk, und dadurch auch auf den Menschen, auswirken sollen. Da die konkrete Intention anhand der Objekte und Befunde nur selten zu erschließen ist, umfasst der Begriff Gaben an eine göttliche oder allgemein übersinnliche Macht ebenso, wie magische und symbolisch wirkende Objekte. Derartige Niederlegungen können sowohl während der Errichtung des Gebäudes, wie auch während der Nutzung und bei Umbauphasen eingebracht werden. Dem Fundort innerhalb des Gebäudes kommt häufig eine weitergehende Bedeutung zu. Abgrenzend zu anderen Deponierungen, wie beispielsweise niedergelegte Votivgaben, steht beim „Bauopfer“ der direkte Bezug zum Gebäude im Vordergrund. Das Phänomen des „Bauopfers“ ist weder regional noch zeitlich oder auf bestimmte Funktionen eines Gebäudes beschränkt.

Eine Deutung als „Bauopfer“ erscheint aufgrund des ungewöhnlichen Fundmaterials zunächst naheliegend. Dennoch ist nicht geklärt, ob die Funde einmalig nach Fertigstellung einer Bauphase in die Gerüstlöcher gelangten oder ob es sich um eine Praxis über einen längeren Zeitraum handelt. Bei Ersterem könnten die Funde tatsächlich als sogenannte „Bauweihgaben“ angesprochen werden. Über die Datierung mittels C14- Analysen sollen so nicht nur das Alter der Fundkomplexe ermittelt, sondern auch die Interpretation als „Bauopfer“ empirisch untermauert werden. Fertiggestellt wurde die Kathedrale in Chur im Jahr 1275.

Die Interpretation von „Bauopfern“ ist schwierig, da es sich meist um Zufallsfunde mit den damit verbundenen quellenkritischen Problemen handelt. Zur Untersuchung der Objekte sollten demnach zunächst alle zur Verfügung stehenden Informationen gesammelt und systematisch sortiert werden. Die in der Forschung gängigen Deutungsmodelle stützen sich noch immer auf die Einteilungen von Satori nach Sühneopfer, Abwehrzauber, Schutzgeist und Sympathiezauber (Vgl. Satori 1898). Diese sind allerdings sehr theoretisch, zumal davon ausgegangen werden muss, dass für die meisten Deponierungen deutlich einfachere Erklärungen anzunehmen sind.

Die Kathedrale St. Mariä Himmelfahrt in Chur wurde 1272 geweiht. Sie geht auf verschiedene Vorgängerbauten zurück, die bis in die Zeit der Bistumsgründung reichen. Bereits während der Restaurierung in den 1920er Jahren wurden im Hauptschiff verschiedene Fundobjekte aus Balkenlöchern geborgen, die den Beschreibungen zu Folge dem Material aus dem Dachgeschoß sehr ähnlich sind. Im Zuge der jüngsten Restaurierung wurde 2004 der Turmknopf geöffnet. In diesem befand sich ein Depot, das nach dem Brand 1811 bei Neuerrichtung des Turms 1829 angelegt wurde. Dieses fand Eingang in die offiziellen zeitgenössischen Protokolle und steht damit im Gegensatz zu den nicht überlieferten Deponierungen im Hauptschiff und im Dachgeschoß der Kathedrale.

Die Funde aus dem Dachgeschoß der Kathedrale wurden während der Restaurierung im Jahr 2006 aus den Gerüstbalkenlöchern geborgen. Da diese nicht verschlossen waren, können die Objekte nicht als „geschlossene Fundkomplexe“ angesprochen werden. Es wurden 218 Funde mit einem Gesamtgewicht von 7463,17 Gramm, von denen 84,86% Tierknochen sind, bearbeitet. Neben diesen fanden sich verschiedene Tiererzeugnisse, Tierhautreste, Textil, Papier sowie Seile und Schnüre. Auffällig ist mit 50,81 % des Tierknochenmaterials ein Überwiegen von Extremitäten, die meist im fleischlichen Verband niedergelegt wurden. Die 14C-Datierung ergaben einen zeitlichen Schwerpunkt im 16. Jahrhundert sowie einen im 18. und 19. Jahrhundert. Der ältere Bereich deckt sich zeitlich mit einem ähnlichen Depot aus St. Nicolai in Chur, während die meisten Vergleichsbeispiele ins 19. Jahrhundert weisen. Demnach ist bei den Deponierungen im Dachgeschoß der Kathedrale vermutlich mit einer Mehrphasigkeit zu rechnen. Es ist wahrscheinlich, dass der Großteil der Objekte nach dem Brand 1811 eingebracht wurde. Die Niederlegung könnte entweder durch die Handwerker oder die ortsansässigen Kapuziner erfolgt sein. Die möglichen Gründe für die Deponierungen sind vielfältig. In Anbetracht des Brandes 1811 ist ein Abwehrzauber oder aber eine magische Handlung zur Festigung des Gebäudes wahrscheinlich.

Vergleichsbeispiele verdeutlichen, dass die „Bauopfer“ aus der Churer Kathedrale in dieser Region kein Einzelfall sind. Aus der Stadt Chur stammen Vergleiche aus dem ehemaligen Kloster St. Nicolai, aus St. Luzi und aus einem Wohnhaus in der Sennhofstraße. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit konnten zusätzlich weitere fünf Beispiele aus dem Umland aufgenommen werden. Diese stammen aus der Kapelle St. Luzius in Siat, aus der Kirche St. Mariä Himmelfahrt in Sagogn sowie aus Profangebäuden in Fürstenau, Felsberg und Tiefencastel. Bei diesen ist ein deutlicher zeitlicher Schwerpunkt im 19. Jahrhundert zu verzeichnen. Des Weiteren ist auffällig, dass häufig Extremitäten von Hausschaf, Hausziege und Gämse deponiert wurden. Dies scheint für die Region Graubünden typisch zu sein und deckt sich mit dem Fundmaterial der Kathedrale St. Mariä Himmelfahrt in Chur.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die „Bauopfer“ aus der Churer Kathedrale sowohl  in ihrer Zusammensetzung, aber vor allem in ihrer Menge, bisher einmalig sind. Der Forschungsstand zu der hier vorgestellten Problematik ist noch sehr gering, sodass weitere Grundlagenforschung und Regionalstudien nötig sein werden, um sich dem Phänomen „Bauopfer“ weiter anzunähern. 

Die vorgestellte Thesis wurde als Masterarbeit an der Universität Bamberg bearbeitet und vom Archäologischen Dienst Graubünden unterstützt. Mit Hilfe archäologischer Methoden, der detaillierten Aufnahme des Fundmaterials und des Fundortes, Analogieschluss und analytische Datierungsverfahren, wurde das Material bearbeitet sowie interdisziplinär die Bauforschung und Europäische Ethnologie miteinbezogen.

Text: Iris Nießen