Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Ältere deutsche Literaturwissenschaft

Tankred Dorst

  • *19.12.1925 in Oberlind bei Sonneberg/Thüringen
  • 1931 Tod des Vaters Entlassung aus englischer und amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Westdeutschland
  • Studium der Germanistik, Kunstgeschichte u. Theaterwissenschaften zunächst in Bamberg, später in München (abgebrochen)
  • Mitte der 50er Jahre Arbeit an einem Schwabinger Marionettentheater
  • 1959 Preis des Mannheimer Nationaltheaters für den Entwurf zum Stück Gesellschaft im Herbst, fortan zahlreiche Preise (u. a. Lissabonner Thaterpreis 1970, Georg-Büchner-Preis 1990)
  • 60er und 70er Jahre Film-, Funk- und Verlagstätigkeiten
  • Übersetzungen: Moliere, Diderot, O' Casey
  • Zahlreiche Vortragsreihen und Gestprofessuren, u. a. Bamberger Poetikprofessur 1991
  • Lebt und arbeitet zusammen mit Ursula Ehler als freier Schriftsteller in München

Tankred Dorst - Werk (Auswahl)

  • 1968: Toller. Frankfurt/M.
  • 1971: Sand. Ein Szenarium. Mitarbeit Ursula Ehler. Köln.
  • 1976: Auf dem Chimborazo. Eine Komödie. Mitarbeit Ursula Ehler. Frankfurt/M.
  • 1976: Dorothea Merz. Eein fragmentarischer Roman. Mitarbeit Ursula Ehler. Frankfurt/M.
  • 1978: Klaras Mutter. Mitarbeit Ursula Ehler. Frankfurt/M.
  • 1979: Die Villa. Mitarbeit Ursula Ehler. Frankfurt/M.
  • 1981: Merlin oder Das wüste Land. Mitarbeit Ursula Ehler. Frankfurt/M.
  • 1983: Eisenhans. Ein Szenarium von Tankred Dorst und Ursula Ehler. Köln.
  • 1983: Der verborgene Garten. Fragmente über D'Annunzio. Mitarbeit Ursula Ehler. München, Wien.
  • 1986: Grindkopf. Mitarbeit Ursula Ehler. Libretto für Schauspieler. Frankfurt/M.
  • 1986: Ich, Feuerbach. Mitarbeit Ursula Ehler. Frankfurt/M.
  • 1988: Korbes. Ein Drama. Mitarbeit Ursula Ehler. Frankfurt/M.
  • 1990: Karlos. Ein Drama. Mitarbeit Ursula Ehler. Frankfurt/M.
  • 1990: Parzival. Ein Szenarium. Mitarbeit Ursula Ehler. Frankfurt/M.
  • 1993: Herr Paul. Ein Stück. Mitarbeit Ursula Ehler. Frankfuert/M.
  • 1994: Nach Jerusalem. Mitarbeit Ursula Ehler. Frankfurt/M, Leipzig.
  • 1996: Die Legende vom armen Heinrich. Mitarbeit Ursula Ehler. Frankfurt/M.
  • 1998: Wegen Reichtum geschlossen. Eine metaphysische Komödie. Mitarbeit Ursula Ehler. Frankfurt/M.
  • 2004: Der schöne Ort. Erzählungen. Frankfurt/M.

Merlin oder das wüste Land

Uraufführung: 24.10.1981, Düsseldorf Schauspielhaus

Dorst gruppiert in diesem Stück, das in die Abschnitte "Prolog", "Die Tafelrunde", "Der Gral", sowie "Untergang" gegliedert ist, Handlung und Episoden aus dem Umfeld der Artus- und Parzivallegende um die Gestalt des Zauberers Merlin, den Sohn des Teufels und einer Jungfrau.
Er fand für dieses Stück die wichtigste Vorlage in T. Malorys Morte d'Artur, doch auch die Überlieferungen von Chretien und Wolfram dienten neben modernen Bearbeitungen des Artusstoffs durch Richard Wagner, Mark Twain und Tolkien als Vorlage.
Der Zauberer Merlin, der auf der Bühne gezeugt wird, soll nach dem Willen seines Vaters die Menschen zum Bösen bekehren und Christus bekämpfen. Dieser jedoch verweigert den Gehorsam und setzt seine Zauberkraft für die christliche Welt ein. Durch ihn wird König Artus angeregt, die Tafelrunde zu gründen, die eine Welt der gerechten Ordnung erreichen soll. Allerdings scheitert diese Utopie, da die Gemeinschaft der Ritter durch gegenseitige Rivalität und Eifersucht und Langeweile zur Farce verkommt. Die Figur des Merlin hält die zahlreichen Einzelepisoden, die sich um Artus und seine Frau Ginevra, um den in Ginevra verliebten Lancelot, dessen Sohn Galahad und um Parzival ranken, zusammen, er inszeniert, lenkt und korrigiert als Regisseur der mythischen Welt die Schicksale, ohne aber seiner Utopie näher zu kommen. Die letzte Hoffnung auf Erlösung von Verrat und Gewalt ist die Gralsuche durch den naiven Helden Parzival. Doch auch sie ist umsonst. Als sich schließlich auch noch Mordred, der uneheliche Sohn von Artus, gegen den Vater und die von ihm repräsentierte Ordnung erhebt, kommt es zum endgültigen, blutigen Entscheidungskampf. Was bleibt, ist ein wüstes Land (vgl. T.S. Eliot The Waste Land, 1922), ohne Utopie und Hoffnung. Merlin, den die Nymphe Viviane mit Hilfe seines eigenen Zaubers in eine Weißdornhecke gebannt hat, hat zuletzt doch den Auftrag seines Vaters erfüllt.

Zentral in diesem Stück ist der Diskurs über das Scheitern von Utopien, und mit Merlin stellt Dorst seinen eigenen, modernen Utopiebegriff dem des klassischen Artus-Modells gegenüber. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass Dorst die Utopie als Zielpunkt setzt, den keiner zu erreichen imstande ist, während die ritterliche Identität im mittelalterlichen Artus-Konzept durch aventiure und die Suche nach dem Gral in Frage gestellt wird, um sich immer wieder zu aktualisieren.

vgl. Kindlers Neues Literaturlexikon sowie Desage, Markus: Gescheiterte Utopie. Anmerkungen zu Merlin oder das wüste Land. In: Auskünfte von und über Tankred Dorst. Hg. von Markus Desaga u.a. Bamberg 1991 (= Fußnote 22), S. 24-26.