Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte

Denkmalpflege / Heritage Sciences

Dietmar Fröhlich: Zur Restaurierungsgeschichte des Magdeburger Reiters

Dipl. Rest. Dietmar Fröhlich
IG Bauernhaus - Außenstelle Magdeburg

Einige Anmerkungen zur Restaurierungsgeschichte

Der Anlass zum Bau des "ersten freistehenden Reiterstandbildes nördlich
der Alpen überhaupt", mögliche Überlegungen über den Auftraggeber und
die Suche nach der Handschrift des Autors innerhalb der Magdeburger
Kultur- und Stadtgeschichte sollen hier nicht Gegenstand der Erörterung
sein. Vielmehr geht es direkt um die Substanz, ihren Erhaltungszustand
einschließlich des Versuchs einer Analyse früher vorgenommener Eingriffe
und Veränderungen. Es ist angedacht, die Problematik der
Originalzugehörigkeit einzelner Details sowie Ursachen und Gründe für
die wesentlichen Änderungen an der ursprünglichen plastischen Form
aufzuzeigen.

Wie original ist also der originale Magdeburger Reiter und seine beiden
Begleitfiguren im Kaiser-Otto-Saal des Kulturhistorischen Museums
Magdeburg noch?

Von der aus dem 13. Jh. stammenden Originalsubstanz blieb uns nur noch
etwa die Hälfte erhalten. Die anderen Teile wurden im Laufe der
Geschichte ersetzt. Eine zeitliche Einordnung dieser Erneuerungen und
Änderungen wurde mit dem Abschluss des Zusammenfügens vor der
Neuaufstellung im Museumsfoyer begonnen. Die kunsthistorische Bedeutung
des Monuments liegt ausschließlich in seinem erhalten gebliebenen
Originalfragment begründet. Jedoch erhält er nur in Verbindung mit
späteren Anpassungen, die weit über das heutige Kopieverständnis
hinausgehen, wieder seine Geschlossenheit und Ausstrahlung.

Nicht in jedem Fall würden wir heute diesen vorangegangenen Meistern,
ihren Änderungsentscheidungen und Ergebnissen einen hohen Qualitätspass
bescheinigen. Aber jede denkmalpflegerische Handlung an der Substanz ist
gleichfalls Ausdruck ihrer Zeit.
So entstand auch am Reiter ein "gewachsener Zustand".

Die näher zu untersuchenden Eingriffe in die Substanz entstanden jeweils
in Verbindung mit ästhetischen und gestalterischen Überlegungen. Nicht
immer gaben Zerstörungserscheinungen dazu den Anstoß. An den Ergebnissen
aber lassen sich auch heute noch die verschiedenen
Denkmalpflegehaltungen unterschiedlicher Epochen nachweisen. Historische
Aufnahmen und die Dienste jüngster naturwissenschaftlicher
Untersuchungsmethoden bereichern unsere Kenntnisse über den Magdeburger
Reiter. Manchmal widerlegen sie ältere kunsthistorische Aussagen zur
Geschichte des Standbildes.

Heinrich Apel und der frühere Leiter des Instituts für Denkmalpflege in
der DDR, Arbeitsstelle Halle, Dr. Bellmann, unterschieden optisch die
Merkmale der sich voneinander abhebenden Sandsteingefüge. Einige
bisherige kunstwissenschaftliche Angaben, wie Datierungen und
Zuschreibungen widerlegte man während der jüngsten Restaurierung
aufgrund von stichhaltigen naturwissenschaftlichen Nachweisen. Auch für
den Reiter sind durchaus noch Neuigkeiten zu erwarten.

Die Behandlung zeigt in diesem Fall ebenso, dass nicht die
Alterungserscheinungen zum Problem werden, sondern die vorangegangenen
"Restaurierungen", die durchaus in ihrer jeweiligen Epoche nach bestem
Wissen und Gewissen ausgeführt wurden. Ein denkmalpflegerischer Eingriff
stellt zwar in der Regel eine ästhetische Aufwertung des Originals dar,
bedeutet aber immer eine Wertminderung, weil die
Originalsubstanz angetastet wird. Falsche Eingriffe können irreparable Schäden hervorrufen.

Die Problematik Steinrestaurierung und -konservierung ist sicher zur
Zeit das jüngste, aber größte Problem in der Denkmalpflege. Die über
Jahrhunderte gleichmäßig voranschreitende Verwitterung und die neu
hinzugekommenen Umweltprobleme des 20. Jahrhunderts multiplizierten sich
teilweise an Baudenkmalen in den Ballungsgebieten.

Für den Magdeburger Reiter existieren jedoch außer der allgemeinen
Gefährdung längst keine akuten Substanzprobleme im Rahmen der jetzigen
Schäden mehr. Die Entscheidung, das Monument ins Museum zu bringen, war
zunächst in mehrerer Hinsicht günstig. Allerdings wird auch darüber noch
zu reden sein.

Material und Bearbeitung

Vor 1250 - diese Datierung wird kaum noch angezweifelt - kam u.a. zum
Bau der Reiterplastik Rohmaterial des hochwertigsten erreichbaren
Sandsteins nach Magdeburg. Wir vermuten heute ein Ummendorfer Gestein,
dessen genauer Bruch noch zu analysieren ist. Es zeichnet sich durch
eine sehr hohe Dichte und Feinkörnigkeit aus. Sogar das "Wachsen" des
Sedimentgesteins, seine Ablagerungsschichten sind deutlich erkennbar,
ähnlich einer Holzmaserung. Ein  Fragezeichen steht noch im Raum: Das
verwendete Gestein für das Pferd ist mit dem der Frauenskulpturen nicht
völlig identisch. Die Skulpturen enthalten kaum Störungen durch Ton-
oder Eiseneinschlüsse, ein optimales Bildhauermaterial also. Alle
späteren Ergänzungen entstanden prinzipiell aus weniger qualitätsvollen,
gröberen Steinmaterialien.

Zur Bearbeitung drehte man die Blöcke um 90 Grad. Die Lagerungsschichten
zeigen nun in vertikaler Richtung. Offensichtlich wurde die Oberfläche
nach der einfühlsamen Bearbeitung mit Knüppel und Eisen weitgehend
glattgeschliffen, aber wiederum nicht so exakt, so dass die
Schlagstellen der Spitzeisen teilweise noch sichtbar geblieben sind.
Diese Unebenheiten glättete man mit einer Grundierung. Wie alle
romanischen und gotischen Skulpturen besaß auch das Reiterstandbild zur
Fertigstellung eine farbenfreudige Polychromie. Von dieser Bemalung, die
immer eine nochmalige Aufwertung der Plastik bedeutete, blieb nichts mehr
erhalten. Die noch erkennbaren Farbreste gehen lediglich auf spätere
Neufassungen zurück und dienten als Untergrund für Goldauflagen.

Zur Aufstellung

Wie lange die Originalfassung an freier Luft hielt, wann und wie oft
nachgemalt wurde, ist urkundlich nicht mehr belegbar.  Wahrscheinlich
wurden ihre Reste im Zuge der Barockisierung um 1650 rigoros abgelaugt
und der Bleimennige-Anstrich diente als Untergrund für die damals
zeitgemäße erste Vergoldung. Nur deshalb entstand die populäre und auch
literarisch überlieferte Bezeichnung "Goldener Reiter".  Insgesamt
konnte man nachfolgend bis zu elf Schichten von Metallauflagen auf
Anlegeöl, so Heinrich Apel, nachweisen.

Die älteste, heute erhaltene Abbildung des Magdeburger Reiters stammt
aus der "Chronica der Sachsen und Niedersachsen" des Johannis Pomarius
aus Wittenberg 1588. Der Holzstich zeigt uns in einer etwas naiv
anmutenden Darstellung die Gesamtheit einer frühgotischen, achteckigen
"Laube". Diese im großen Rahmen glaubwürdigen, auch im oberen Bereich
durchaus maßstabsgerechten Ansicht enthält vier etwas unterlebensgroße
Kurfürsten-Darstellungen am Schaft. Sie sind uns namentlich überliefert.
Weitergehende Untersuchungen vom Standort sowie auf dem Reißbrett
analysierten W. Möllenberg und H. Kunze in einer Schrift aus dem Jahre
1924. Sie schlussfolgerten u.a. auf die Blickrichtung des Zeichners.
Ihre Interpretation der Gesamtaussage darf in Frage gestellt werden.

Ob und wenn ja, welche Änderungen zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert
an der Skulpturengruppe selbst vorgenommen wurden, kann aus dem alten
Druck nicht hervorgehen. Das Gestein selbst lässt nur Vermutungen und
eine schlussfolgernde Theorie zu. Fest steht, dass noch kein Sockel
unter dem Pferdebauch als Stütze diente. Eingelassene Metalldübel im
Rumpf, die heute überkittet sind, beweisen die Existenz eines ehemals
schmiedeeisernen Gestells, dass einen Teil der tonnenschweren Last
abfing. Es könnte später erweitert worden sein, da auch Steinergänzungen
ähnliche Kittstellen aufweisen. Weitere Erkenntnisse kann deren
Freilegung bringen.

Die Assistenzfiguren

Die Pomarius-Zeichnung gibt das Schild der rechten Begleitfigur
eindeutig mit einem Wappentier wieder. Der Zustand der Schildfläche
heute lässt den Schluss zu, dass dieses Wappen nicht als Relief in Stein
vom Bildhauer vorgegeben war.

Alte Fotos vor 1920 zeigen ein ähnliches Wappentier. Dabei handelte es
sich um einen aufgenieteten Zinkguss-Adler, der dem 19. Jahrhundert
zugeschrieben und später entfernt wurde. Wie weit sich beide in ihrer
Bedeutung und Aussage decken, bleibt ungewiss. In solchen Details fehlt
es dem Chronisten an Exaktheit. Trotzdem ist die Wissenschaft  
außerordentlich dankbar über die Überlieferung solch wertvoller
Abbildung. Eine Art Messbildaufriss zu schaffen, darin bestand damals
freilich nicht die Aufgabe.

Die linke Begleitfigur charakterisierte Pomarius mit wenigen Strichen
eindeutig als Bannerträgerein, denn ein wehendes Tuch wird hinter dem
Pfeiler sichtbar. Können wir uns diese Fahne als Bestandteil des
Originals in Stein gehauen vorstellen? Hier mangelt es tatsächlich an
Vergleichsbeispielen.

Die Verwendung von steinfremden Materialien wie Schmiedeeisen scheint in
der Entstehungszeit Mitte des 13. Jahrhunderts und bei einem derartig
hohen künstlerischem Niveau kaum möglich. Bei späteren Erneuerungen war
die Nutzung des Metalls als Ersatz für Krone und Zügel z.B. durchaus
nicht mehr ungewöhnlich.

Die beiden Begleitfiguren aber werfen noch zusätzliche Fragen auf,
untersucht man an ihnen gründlicher das Verhältnis Originalsubstanz -
Ergänzung. Man erkennt, dass Standzonen und beide Rückenpartien nur
umfangreiche Anstückungen sind. Die Rückenteile bestehen jeweils aus
einer aufgesetzten Platte. Es sei zunächst dahingestellt, ob früher in
dieser Art Bruchstellen und Schäden ausgebessert wurden oder ob es sich
ausschließlich um zielgerichtete Hinzufügungen handelt.

In den Profilansichten sehen wir deutlich vertikale Trennlinien zwischen
Original und Ergänzungen. Die erhaltenen originalen Arme liegen
eindeutig vor diesen Trennlinien. Somit besteht die Möglichkeit, dass
man die Figuren im Zuge von Umbaumaßnahmen als ehemals baugebundene
Plastiken entfernte, um sie an anderer Stelle direkt für das
Reiterstandbild weiter zu nutzen. Pferd und Reiter könnten durchaus
einen begrenzten Zeitabschnitt allein auf der Plattform auf dem Alten
Markt in Magdeburg gestanden haben. Der Bamberger Reiter, der gewisse
Verwandtschaftsmerkmale zum Magdeburger besitzt, steht auch solo.

In jedem Fall existieren die jetzigen Rückenpartien von Schildträgerin
und Bannerträgerin auch schon seit Jahrhunderten. Dies beweisen die noch
stabilen Reste des Bleimennige-Anstrichs, der als Ölgrundierung zur
ersten Vergoldung diente. Noch vorhandene Spuren liegen zumindest an
einer geschützten Stelle geschlossen über dem Original, Mörtelfuge und
Ansatzstück eindeutig vor der ersten Vergoldung des späteren "Goldenen
Reiters" zu datieren.

Warum nahm man solche Konzeptionsänderungen vor? Eine Begründung:
Rückseitenverwitterung, weil Wetterseite, fällt beim hochwertigen,
dichten Originalmaterial im Gegensatz zu allen späteren Ergänzungen
nicht ins Gewicht. Also doch eine Standortumgestaltung?

Der Chronist Pomarius zeigt 1588 beide Begleitfiguren als freistehend.
Wir zweifeln heute an, dass es sich gleichfalls um freistehende
Skulpturen seit der Mitte des 13. Jahrh. handelt. Materialintakte
Skulpturen wären sicher nicht grundlos in der jetzt vorliegenden plumpen
Beschaffenheit an den Rückseiten vervollständigt worden. Obwohl an Pferd
und Reiter ähnlich umfangreiche Erneuerungen vorliegen, wird die hohe
kunsthistorische Bedeutung des Magdeburger Reiters als erstes
freistehendes Standbild im deutschsprachigen Raum nicht beeinträchtigt.

An dieser Stelle muss noch einmal betont werden: All diese Überlegungen
sind nur theoretischer Art, d. h. sie beinhalten nicht das Ziel einer
Veränderung an der Plastizität der Figuren. Neue Erkenntnisse tragen zum
besseren Verständnis des Entstehungsprozesses und späterer Eingriffe
bei, nicht aber zu einer möglichen Rückführung wesentlicher Details. Wir
gehen heute von dem uns überantworteten, im Laufe der Jahrhunderte
"gewachsenen Zustand" aus, der zu erhalten ist. Dabei dürfen wir nicht
dem Wunsch verfallen, das Denkmal wieder besser machen zu wollen als
unsere Vorgänger der Denkmalpfleger zusammen.

Noch eine andere Aussage unterstützt die Behauptung, dass Reiter und
Begleitfiguren nicht von Anbeginn direkt zusammengehören: Im Dialog mit
Kunsthistorikern war zu bemerken, dass sie unabhängig von den
Materialanalysen in der Ausprägung der Frauengesichter bereits wieder
den strengeren Stil um 1270 vermuten. Es fehle letztlich der glaubwürdig
lebendige, natürliche Ausdruck in der Physiognomie, wie ihn das
Reitergesicht an der Schwelle zur gotischen Kunst aufweist. Die
Handschrift des Bildhauers der Frauenfiguren erscheint glaubhafter mit
dem Herrscherpaar in der sechzehneckigen Kapelle des Domes und einer
Katharina-Darstellung im Chorraum verwandt, während das Königsgesicht
mehr zum Mauritius tendiert. Schon auf dem internationalen
Kunstwissenschaftler-Symposium der Karl-Marx-Universität Leipzig Anfang
Oktober 1986 im Magdeburger Dom wurden u. a. diese Aussagen unterstrichen.

Verluste und frühere Aufstellungen

Der 30-jährige Krieg brachte für die Magdeburger Bevölkerung zum ersten
Male einschneidende Verluste. Dass auch die mittelalterlichen
Stadtanlagen 1631 durch die Tilly-Truppen stark verwüstet wurden, ist
bekannt. Nicht zuletzt Otto von Guericke selbst schuf eine Art
Generalbebauungsplan für das Gebiet des heutigen Stadtkerns und setzte
den großzügigeren, gegliederten Wiederaufbau entsprechend den
gewachsenen Anforderungen durch. Das Reiterstandbild wurde darin mit
einbezogen - ohne Veränderung seines Standortes, seiner Höhe und
Richtung. Jedoch veränderte sich die gesamte Umgebung durch Erweiterung
des Marktes westlicher Richtung vorrangig durch den Neubau angrenzender
Gebäude.

Man entschied sich auch zu einer vollständigen Erneuerung der
Ummantelung im Sinne einer zeitgemäßen Architektur. Deshalb entstand die
heute noch bzw. wieder erhaltene Haube in frühbarocker Form als
Gegenstück zur Rathausfassade.

Wie stark das Denkmal selbst durch Kriegseinwirkung zerstört war, ist
nicht bekannt. Aufbau und Fertigstellung des neuen Baldachins sind um
1650/51 urkundlich belegt. Die nunmehr  einheitlich runden  Säulen  in
Höhe  der Dreiergruppe ermöglichen wohl kaum eine bessere  Ansicht,
dagegen hebt die neue Dachkonstruktion den verzierten  Eindruck des
Vorgängerbaus (siehe Pomarius) etwas auf.  Die bedeutenden  Skulpturen
erscheinen unter dem Baldachin nicht mehr als das schmückende Beiwerk.
Ihre Vergoldung ist als Fortsetzung und Vervollständigung der Gestaltung
des Alten Marktes im 17. Jahrhundert zu sehen. Für die Plastizität
bedeutete dies eine völlige Veränderung der ästhetischen Gesamtwirkung.
Ein glatter, verschliffener Grund musste geschaffen werden, der eine
hohe Haftung besitzt. Ölhaltige Bleimennige entsprach in Festigkeit,
Wasserbeständigkeit und auch in  ihrer warmen Farbigkeit den
Anforderungen  eines soliden Untergrunds. Die Verwendung von Blattgold
wird als ästhetische Kostbarkeit und zur Oberflächenveredelung bereits
seit der Antike angewandt. Auch in unserem Raum sind frühzeitig
verschiedene dieser Techniken nachweisbar. Die Edelmetalle besitzen
neben der gestalterischen auch eine ikonografische Funktion. Eine
symbolische Bedeutung trifft hier jedoch nicht mehr zu. Die
vollständige, geschlossene Goldauflage auf Plastiken aber ist noch
selten in dieser Zeit, erst recht in  dieser Dimension. Erinnert sei
hier an einen (von Beginn an) "Goldenen  Reiter" in Dresden, dem sehr
dynamisch wirkenden Standbild August des Starken am Neustädter Markt.
Dessen Entstehung geht jedoch auf das nachfolgende Jahrhundert zurück.
Ob die Durchsetzung der Vergoldung am Magdeburger Reiter auch Einfluss
auf andere Denkmale hatte, wäre bereits wieder ein anderes Forschungsthema.

Die Restaurierung von 1856-58

Die nächste große Restaurierung fand in den Jahren 1856 bis 1858 statt
und geht auf den Berliner Bildhauer Hohlbein und seinen Steinmetzen
Bachmann zurück. Offensichtlich lagen wieder Substanzschäden und eine
statische Gefährdung  des Pferdes vor, so dass man sich zu den bis dato
größten Eingriffen in das Material entschloss. Ein Eingriff bedeutete
damals sofort Neufertigung ganzer Bereiche, aber nur bedingt im Sinne
des Originals. Offensichtlich trennte man den Pferderumpf entlang der
ursprünglichen Fuge, um ihn demontieren zu können. (Der Bamberger Reiter
weist eine ähnliche Fuge auf.) Das gesamte Unterteil wurde neu gehauen
unter Hinzufügung eines kleinen Sockels als Bauchstütze und feineren
"Zierrats" an den Pferdebeinen. Trotz der naturnahen Darstellung ist
einiges als Form des 13. Jh. für uns kaum vorstellbar. Es besteht
durchaus die Möglichkeit, dass die Beinstellung vorher anders war. Auch
die Krone wurde vereinfacht und in ihrem Volumen zurückgenommen. Ein
weiterer Beleg ist der bereits erwähnte Wappenadler. Der haltende Arm
der Bannerträgerin zeigte sich ehemals mit abstehenden Ellenbogen in
erhobener Stellung. Dieses wesentliche Detail verschwand völlig. Es
wurde ersetzt durch eine Haltungsrichtung nach unten, die wir als
unlogisch empfinden. Dabei blieb nicht aus, dass vorsätzlich ein
größeres Stück des geschlossenen Gewandes herausgeschlagen werden
musste, um die neue Hand befestigen zu können. Bei dieser fehlt es im
Vergleich zu den anderen originalen Händen an Zartheit. Wir finden hier
eindeutig eine historisierende Denkmalauffassung vor. Wie auch in den
Neostilen der Architektur erschien ein gewisses Nutzbarmachen der Kunst
vorangegangener Epochen für die eigene Zeit erstrebenswert. Dieser Wille
setzte sich bis zur Neugestaltung der gesamten Bodenzone durch.

Für den Reiter selbst brachte diese Auffassung unausweichlich
Qualitätsverluste mit sich: Stimmen bei vorherigen Ergänzungen zumindest
die Fugenschlüsse zwischen alt und neu überein, so trifft dies auf das
19. Jahrhundert nicht mehr zu. Der großartige plastische Schwung des
Originals erhält mehrfach an seinen Erneuerungen einen Bruch bis hin zu
kleinen Stufen. Diese bedeuten zusätzliche Schwierigkeiten und
Gewissensentscheidungen bei späteren Restaurierungen: Belässt man diese
Stufen als kleinen Mängel an einigen Details? Oder führt man den Kitt
angleichend wieder bis auf das Original, um eine geschlossene Gesamtwirkung zu erhalten? In der Antwort auf solche Fragen unterscheiden sich heute bereits
Restauratorengenerationen. Bei der Wiederherstellung einer möglichst
glatten Oberfläche vor 130 Jahren standen diese Probleme längst nicht
an. Wir gehen heute vom jetzigen, dem uns überkommenen Zustand aus.

Veränderungen im 20. Jahrhundert

Die jüngste Vergoldung  am Reiterdenkmal wurde  in den 1920er Jahren
angelegt. Die Anregung geht auf Bruno Taut zurück, dessen  kurzes, aber  
intensives Wirken in Magdeburg auch hier zu erkennen ist. Dann kam der zweite Weltkrieg. Zunächst nur notdürftig geschützt, entschied man sich 1944 noch rechtzeitig für den Abbau des Baldachins und der Skulpturen. Die hastige, unsachgemäße Demontage, mehrere Aus- und Umlagerungen verliefen nicht spurlos an der Originalsubstanz vorbei. Heinz Glade schildert in seiner Broschüre "Der Alte Markt" u.a. die damaligen Zustände.

Nach den Berichten Magdeburger Augenzeugen suchten die Alliierten während
der Besetzung der Stadt über Wochen hin fieberhaft nach dem
verschollenen Denkmal. Es blieb lange Zeit verschwunden. Noch im
Kriegsverlauf in Kisten verpackt, lagerte es in einem Brückenbunker,
danach im Keller des Kulturhistorischen Museums. Im Bewusstsein der
Bevölkerung blieb das Standbild erhalten, nicht zuletzt, weil der
Sockelstumpf vor dem Rathaus als provisorische Litfasssäule gleichfalls
zum Mahnmal wurde.

Mitte der 50er Jahre überführte man die Kisten in einen eigens dafür
abgetrennten Nebenraum des Magdeburger Domes. Dort begannen die beiden
Bildhauer Fritz Maenicke und Heinrich Apel an den Einzelteilen zunächst
mit der Abnahme der Vergoldungen, nachdem das Original erstmals
denkmalpflegerisch begutachtet werden konnte.

Das Gesamterscheinungsbild war offensichtlich alles andere als
ermutigend. Heinrich Apel gab Auskunft: ausgebrochene Kanten, fehlende
Teilstücke sogar. Der Pferdeschwanz zum Beispiel musste vollständig neu
rekonstruiert und gehauen werden. Als Vorbild diente der Bamberger
Reiter. Risse und Schrammen sowie Ergänzungen, die rostende Eisendübel
enthielten, waren nicht nur üble ästhetische Mängel. Alte Zementplomben,
die am Sandstein immer Schäden hervorrufen, hatten sich verändert. Die
Entscheidung zum Wiederaufbau des Reiters fiel keineswegs
leicht. Leistung und Aufwand können nicht hoch genug eingeschätzt
werden, bedeuten sie doch die erneute Rettung der wertvollen Gruppe.

Es ist hier nicht möglich, all die Details zu benennen, die bis zur
Wiederherstellung des vorherigen Formenverlaufs zusammengefügt werden
mussten. Aus jeder Seitenansicht hatte nahezu jeder Teilbereich neue
Ergänzungen und Steinersatz an Fugen und Bruchstellen nötig.
Größere, tiefergehende Fehlstellen wurden nicht gekittet, sondern in
Sandstein ersetzt. Nach dem Anstücken behauten und verschliffen beide
Bildhauer das Vierungsmaterial bis hin zur Stimmigkeit des plastischen
Verlaufs. Die umgebende Substanz durfte dabei nicht weiter verletzt werden.

Eine genauere Fotodokumentation vom Vorzustand und des Arbeitsablaufes
bis zum Zusammenfügen im Foyer des Kulturhistorischen Museums gilt zur
Zeit noch als verschollen. Lediglich ein wöchentlich geführtes Tagebuch
"Magdeburger Reiter und seine Begleitfiguren" von 1957  bis 1961 gibt
notizenhaft Auskunft. Durch Heinrich Apel und Konrad Riemann vom
damaligen Institut für Denkmalpflege Halle erhielten wir Kenntnis über
frühere Rezepturen.

Restauratorische Problemstellung

Mit der Wiederaufstellung zur DDR-Zeit entstand zugleich der Grundstein
für die erneute notwendige Restaurierung:  Jahrelang waren die
Skulpturen ohne Absperrung direkt zu erreichen und somit auch zu
befühlen. Das ist sicher ein Erlebnis, aber entsprechend stark treten
Hautschmutzablagerungen als schwarze, speckige Schicht auf. Darunter
litten besonders beide Frauengewänder, die Pferdebeine und der Schweif
sowie Steigbügel und Füße des Reiters, die sich in Betrachter-Augenhöhe
befinden. Eine Oberflächenreinigung erfolgte bereits um 1961
im Zusammenhang mit der Montage. Die normale Staubablagerung von oben
bedeutet weder eine erhebliche ästhetische Störung noch ein
restauratorisches Problem. Dagegen zeigt sich in den genannten  
Bereichen die Fettablagerung in solch starkem Maße, dass es wohl keine
Vergleiche mit anderen Sandsteinskulpturen dieser Denkmalskategorie gibt.

Das zweite Hauptproblem entstand durch die nachträglich eingebaute
Heizung an der Fensterrückseite. Während jeder Besucher die Temperaturen
im Winter als behaglich empfindet, reagiert das Denkmal mit einer
Veränderung in den Kittmassen. Sie treten als scharf begrenzte, weiße
Flecke in Erscheinung. Der Grund ist in ihrer Zusammensetzung in
Verbindung mit den klimatischen Standortbedingungen zu suchen: Als Kitt
wurden Gemische aus Gips / Bimssteinmehl eingesetzt, die sich in
anderen, in unbeheizten Räumen durchaus über Jahrzehnte hin gut
bewähren. Aufgrund der Raumheizung aber sinkt die relative Luftfeuchte
im Winterhalbjahr bis auf 30 % ab. Die damit weitergehende
Umstrukturierung der Gipskristalle bedeutet auch eine Volumenzunahme und
somit eine zusätzliche Störung im plastischen Oberflächenbild. Die
Erweiterung bewirkt an den Berührungszonen zum Sandstein im Innern eine
Druckzunahme. Das Steinmaterial wird allmählich poröser. Schlechte
Ergänzungen lassen sich in diesen Zonen bereits mit den Fingern
zerreiben. In Faltenwürfen traten feine Risse auf, die durchaus auch auf
diese Erscheinungen zurückgeführt werden können. Ein Minimalaufwand an
heutigen restauratorischen Maßnahmen, der ausschließlich auf eine
oberflächig-ästhetische Behandlung der Kitte und Fugenfüllungen
beschränkt, erwies sich als nicht ausreichend. Ein sauberes Herausnehmen
aller Füllungen, soweit von außen möglich, erfordert jedoch einen
wesentlich höheren Zeitaufwand. Neue Kittungen sollten der
Steinzusammensetzung und -struktur möglichst entgegenkommen.

Sowohl bei der Oberflächenreinigung, als auch bei der Kitterneuerung war
darauf zu achten, dass der Stein keine zusätzlichen Fremdsubstanzen
aufnimmt. Deshalb entfielen prinzipiell alle Reinigungsmittel moderner
Haushaltchemie. Die in der Restaurierung gebräuchlichen
Kohlenwasserstoffe erzielten nur unbedeutende Effekte. Für die
Sandsteinoberfläche wurden nach umfangreicher Testreihe eine
Wirkstoffkombination zusammengestellt, die aber nicht auf andere
Materialien übertragbar ist. Das gesamte Denkmal muss möglichst trocken
mit Watte gereinigt werden. Vorher noch erfolgt die mechanische
Herausnahme aller schadhaften Kitte. Ihre Erneuerung in traditionell
wässriger Art erschien zunächst naheliegend, würde jedoch keinen
ästhetischen Erfolg bringen. Bedingt durch frühere Ölaufnahmen entstehen
sofort hässliche Wasserränder.

Deshalb erfolgte die Fehlstellenergänzung in silikatgebundenem
Sandsteinmehl, dessen Zusammensetzung dem Steinmaterial sehr nahe kommt
und das weitere günstige Eigenschaften aufweist. Bei Bedarf ist partiell
zu retuschieren.

Einige Beispiele dazu:

- Welche Kittzusammensetzung stellt eine Art Optimum dar bezüglich
Verträglichkeit und Langzeitwirkung?

- Sollte man anteilig Oberflächenschmutz stehen lassen, weil sich die
Farbigkeit vom Original zur Ergänzung teils erheblich unterscheidet?

- Füllt man die Löcher und Risse, die sich im Laufe der Zeit durch
Auswaschen von Toneinschlüssen entstanden, mit Kittmasse?

- Darf man die Ergänzungen aus dem 19. Jh. oberflächig nacharbeiten,
sobald ihr Anschluss zum  Original einen Bruch der Form bedeutet?

- Ist an den früheren Ergänzungen die gleiche Sorgfalt notwendig  wie am
Original?

- Belässt man beispielsweise die falsche Haltung des linken Arms der
Lanzenträgerin?

Weil das Denkmal über Jahrhunderte hinweg seinen städtischen Charakter
besitzt, war es schwierig, einen optimalen Raum zu finden. Die neue
Umgebung sollte alle Nachteile der jetzigen aufheben. Neben der
klimatischen gibt es gestalterische Gründe, z.B. Sockelhöhe,
Beleuchtung, Hintergrundgestaltung, aber auch kunsthistorische und
stadtgeschichtliche Bedenken.

Das abschließende Kapitel sei der Bronzekopie auf dem Alten Markt
gewidmet. Die Entscheidung für ein Duplikat war zur Wiederaufstellung
des Architekturensembles vor dem Rathaus folgerichtig. Verantwortungslos
wäre es gewesen, das Original wieder dorthin zu stellen. Außerdem ist es
legitim, gefährdete Bildwerke sicher aufzubewahren und durch Kopien am
gewohnten Platz zu ersetzten. Heinrich Apel, mit dem Reiter und seiner
Substanz und Geschichte bestens vertraut, übernahm Anfang der 60er Jahre
den Auftrag des Rates der Stadt zur Modellierung der drei Figuren als
Vorbereitung für den Bronzeguss. Dies bedeutete für ihn gleichzeitig
eine künstlerische Auseinandersetzung mit den historisierenden
Erneuerungen des 19. Jahrhunderts am Original.  Er stellte sich diesem
Anspruch und erreichte eine Rückführung der  genannten Details in eine
mögliche originale Form. Der als Bauchstütze dienende Sockel entfiel als
entstellendes Detail, weil die statische Gefährdung der Bronze im
Vergleich  zum Stein  nicht gegeben  ist. Der  haltende Arm der
Bannerträgerin wurde  mit einer  ergänzten Lanze  wieder nach oben
geführt, so dass nun die gesamte Körperhaltung logisch erscheint. Auch  
seine  eigenständigen Ergänzungen am Original untersuchte Apel wiederum
kritisch.

Der einköpfige Wappenadler ist nicht Gegenstand jahrhundertealter
Tradition und konnte somit nicht übernommen werden. Beide Begleitfiguren
drehte man konsequent in Richtung  Rathaus. Die alten Fotos zeigen noch
eine Stellung mit dem Rücken zum Reiter.

Die Herstellung der zweiten Form  ist also nicht nur als Nachbildung im
Sinne des Wortes zu verstehen, die sich zur Nachempfindung eignen. Nur
in Anlehnung an das fragmentarische Original fand der Bildhauer zu einer
glaubwürdigen ursprünglichen Auffassung zurück. Auch darin liegen
Leistung und Bedeutung dieser oft lässig als "Kopie" bezeichneten
Rekonstruktion.

Nach der Demontage während des II. Weltkrieges steht seit 1966 das
rekonstruierte Standbild wieder ähnlich seiner barocken Erscheinung vor
dem Rathaus. Die Oberfläche der drei Bronzen wurde wieder vergoldet -
nochmals im Sinne des "Goldenen Reiters". In dieser
Denkmalpflegeauffassung werden gleichfalls Legenden am Leben erhalten.