Roland Porzelt: Das Provisorium beim Wiederaufbau von Baudenkmälern nach 1945 in Bayern. Überlegungen zur Definition und zum denkmalpflegerischen Umgang.

Roland Porzelt
Dipl.-Ing. Innenarchitektur (FH Rosenheim)
Dipl.-Ing. Architektur (FH Coburg)
M. A. Denkmalpflege – Heritage Conservation (Uni Bamberg)

I Einführung und Forschungsgegenstand

Seit der Antike ist die abendländische Baukunst gekennzeichnet vom Ideal einer dauerhaften, vollendeten, in sich geschlossenen und sich von der Umgebung abhebenden Werkform. Die Qualität des Fragments (Dissonanz, Nichtvollendung, offene Struktur) erfreut sich dagegen erst seit der Moderne größerer Beliebtheit, verweist aber durchaus ebenfalls auf eine eigene Tradition. Beispiele hierfür sind die bewusst  unvollendeten Werke Michelangelos (Nonfinito), die Ruinenbilder des 17. Jahrhunderts, die künstlichen Ruinen des 18. Jahrhunderts, die moderne Wertschätzung des Denkmals durch John Ruskin und William Morris nicht trotz, sondern wegen der Altersspuren, sowie die Einführung des Torsos Ende des 19. Jahrhunderts als eigenständiges Kunstwerk in der Plastik (Rodin).

Die denkmalpflegerische Theoriediskussion um 1900 zielte jedoch auf das traditionelle Architekturverständnis. Dabei waren Alois Riegel die Tendenzen zur Fragmentierung in der damaligen Kunst durchaus bekannt. Riegel führt sogar in seiner berühmten Schrift über den modernen Denkmalkultus (1903) Beispiele auf, wie Michettis Tochter des Jorio, wo einer Figur inmitten des Bildes der Kopf vom Rahmen abgeschnitten wird. Dennoch kommt Riegel bei der Beurteilung des damaligen Kunstwollens zu der Auffassung, dass der Geschlossenheitscharakter unbedingt von jedem modernen Werk zu verlangen sei. Alle bildende Tätigkeit der Menschen sei nichts anderes als das Zusammenfassen einer Anzahl in der Natur verstreuter oder formlos in der Allgemeinheit der Natur aufgehender Elemente zu einem geschlossenen, durch Form und Farbe begrenzten Ganzen. Im Gegensatz dazu wird die Auflösung dieser Elemente bei Riegels Wertesystem zum entscheidenden Kriterium des Alterswertes eines Denkmals.

Diese Diskrepanz in der theoretischen Fundierung zeigt ihren praktischen Ausdruck besonders deutlich bei Werken des Wiederaufbaus nach 1945. Hier wurden oft aus der Not der Zeit heraus mit einfachsten Mitteln sehr bemerkenswerte Lösungen geschaffen, die sich durch ihre offene, fragmentartige Form und durch die Absicht des Vorläufigen von anderen Wiederaufbaulösungen unterscheiden. Typisch für diese Provisorien sind die oft völlig unterschiedlichen Positionen sowohl zu deren Entstehung, als auch zu deren Umgang.

München / Siegestor

Das Münchner Siegestor wurde in den Jahren 1843 bis 50 nach dem Vorbild des römischen Konstantinbogens unter Friedrich von Gärtner und dem Bildhauer Johann Martin von Wegner erbaut. 1944 wurde das Siegestor bei einem Bombenangriff schwer beschädigt. Aufgrund von Einsturzgefahr und der damit verbundenen Gefahr für die öffentliche Sicherheit, war der Abbruch der Ruine bereits 1945 beschlossene Sache. Die Sprengung konnte jedoch durch entsprechende Sicherungsmaßnahmen abgebogen werden. Der Stadtrat beauftragte 1956 die Architekten Otto Roth und Josef Wiedemann mit der Instandsetzung. Die stadtauswärtige Seite wurde unter Verwendung der Fragmente rekonstruiert. Für die stadteinwärtige Seite setzte sich Wiedemann und der Bund Deutscher Architekten mit einer Lösung durch, bei welcher der Bombentrichter schmucklos mit Kalkstein aufgefüllt wurde. Diese Restaurierung war eine Kompromisslösung, die unter anderem auf Widerstand bei der staatlichen Denkmalpflege stieß. Die aufgrund von Geldknappheit planierte Attika wurde zunächst nur als ein notdürftiges Provisorium ausgegeben. Der Interessenkonflikt artikuliert sich deutlich in der Diskussion um die neue Inschrift. Es war eine lateinisch abgefasste Inschrift im Gespräch, bei der von Vaterlandsliebe, Ehre und Tugend, nicht aber von der Zerstörung des Monuments die Rede war. Nach heftiger Kontroverse wurde im Jahr 1958 schließlich die von Hans Braun konzipierte und von Franz Hart typographisch gestaltete Inschrift „DEM SIEG GEWEIHT. VOM KRIEG ZERSTÖRT. ZUM FRIEDEN MAHNEND“ auf die blanke Fläche gesetzt und somit der Triumphbogen zum Mahnmal umgedeutet.

München / Alte Pinakothek

Die 1826-36 durch Leo von Klenze errichtete Alte Pinakothek in München gilt als Gründungsbau des modernen Museumswesens. Das Gebäude wurde bei mehreren Bombenangriffen stark beschädigt und in den Jahren 1953-57 von Hans Döllgast, unter Verwendung von Abbruchsteinen der benachbarten Türkenkaserne, wieder aufgebaut. Döllgast setzte dabei die zerstörten Teile der Außenwände optisch gegenüber der originalen Bausubstanz ab. Die Auseinandersetzungen verliefen ähnlich kontrovers wie beim Siegestor. Auch hier war es der finanzielle Aspekt, der den Ausschlag über die realisierte Lösung gab. Doch nach Beendigung der Bauarbeiten rissen die Diskussionen nicht ab. Im Jahr 1963 schrieb der damalige bayerische Generalkonservator Heinrich Kreisel in einem Zeitungsartikel: "Das notdürftig zusammengeflickte Bauwerk der Pinakothek in diesem Zustand stehen zulassen, um zu zeigen, was ihm geschehen ist, ist mir als Auffassung eines Architekten unverständlich". Auch seine Nachfolger Torsten Gebhard und Michael Petzet äußerten sich ähnlich. Fürsprecher fanden sich dagegen eher in den Reihen der Architekten. Beispielsweise äußerte sich der Bund Deutscher Architekten, vertreten durch Peter von Seidlein im Jahr 1971 wie folgt: „Der BDA ist nach wie vor einmütig der Meinung, daß die Wiederherstellung der Alten Pinakothek 1951-1957 durch Hans Döllgast nicht nur ein Provisorium, sondern als eine baukünstlerische Leistung von Rang zu werten ist."

Würzburg / Franziskanerkirche

Die Würzburger Franziskanerkirche, eine bedeutende, aus dem 13. Jahrhundert stammende Bettelordenskirche erlebte bis ins 19. Jahrhundert hinein mehrere Veränderungen. Nach starken Kriegsschäden, begann bereits in den Jahren 1946-47 eine provisorische Wiederherstellung. Hierzu verwendete der Würzburger Architekt Gustav Heinzmann statt der zerstörten Rundpfeiler Stahlrohre, die ursprünglich zur Herstellung von Geschützrohren bestimmt waren. Der Dachstuhl wurde aus Eisenträgern einer gesprengten Brücke konstruiert. Bei dem eigentlichen Wiederaufbau ab 1952 hatte man die architektonische Qualität des Provisoriums bereits schätzen gelernt und entschloss sich daher nicht zu einer Rekonstruktion, sondern zu einer Veredelung der Notlösung. Ganz im Gegensatz zum Wiederaufbau der Alten Pinakothek stieß das Ergebnis auf breite Zustimmung. Joseph Maria Ritz schrieb: „Hier hat man nun aus reiflichen Erwägungen eine sachlich neuzeitliche Gestaltung des Schiffes vorgenommen... Das ist allerdings nicht eine Erfindung des Architekten oder der Denkmalpflege aus modischem Intellektualismus heraus, sondern die Neugestaltung wurde aus dem Notzustand ... weiterentwickelt ... Schiff und Chor bilden eine gegensätzliche Einheit, und der franziskanische Charakter des Ganzen scheint uns unbestreitbar. Der Orden jedenfalls ist der Auffassung, dass man hier gut beten könne.“ Selbst sein Nachfolger im Amt des Generalkonservators, Heinrich Kreisel, der kein Verständnis für Döllgasts Wiederaufbau der Alten Pinakothek zeigte, äußerte sich positiv: „Der moderne Wiederaufbau des Schiffes ... passt sich in der Sparsamkeit und Schlichtheit der architektonischen Mittel dem Ideal des Bettelordens an.“ Trotz aller Wertschätzung blieb diesem Baudenkmal jedoch das tragische Schicksal nicht erspart. Ein Dachstuhlbrand im Jahr 1986 wurde zum Anlass genommen die Kirche in den vermuteten Zustand des 13. Jahrhunderts zurückzuführen. Hierzu wurden alle Architekturteile des provisorischen Wiederaufbaus komplett entfernt.

II Forschungsziele und -stand

Es ergeben sich eine Reihe von Fragen zur Denkmalwürdigkeit und zum Umgang mit  Provisorien. Können sich beispielsweise die Denkmaleigenschaften eines Provisoriums nur auf die Rolle als Dokument beschränken? Darf der Denkmalpfleger einen gewollten Verfallsprozess stoppen oder beschädigt nicht gerade diese Maßnahme das Kunstwerk? Ziel der Arbeit ist es auf der Grundlage der Erforschung von Beispielen einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen zu leisten. Der Schwerpunkt liegt dabei auf einer vertieften Bearbeitung von Beispielen aus Bayern in Form eines Katalogteils.
Zum Thema des Wiederaufbaus von Einzeldenkmalen erschien 1978 eine Dokumentation für das Gebiet der ehemaligen DDR und 1986 für Westdeutschland. Karlheinz Hemmeter, der den Teil Bayern bearbeitet hatte, brachte diesen 1995 gesondert und in überarbeiteter Form, unter dem Titel „Bayerische Baudenkmäler im 2. Weltkrieg“ heraus. Speziell zum Provisorium beim Wiederaufbau gibt es dagegen kaum Literatur. Eine Ausnahme stellen einige Aufsätze von Thomas Will dar. 

III Methodik

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt zur Zeit auf der Literaturrecherche. Die wichtigsten Informationen werden dabei eingescannt und nach Beispielen geordnet, zu einer Datenbank zusammengefasst. Als nächster Schritt soll die Datenbank auf den archivarischen Bereich ausgeweitet werden. Bisher konnten 195 Provisorien des bayerischen Wiederaufbaus gefunden werden, wovon 71 für eine vertiefte Bearbeitung geeignet scheinen.

Geplanter Zeitpunkt der Fertigstellung

Noch offen, da von Berufstätigkeit abhängig.