Kolloquium zum Werk Hanns-Josef Ortheils im Internationalen Künstlerhaus

Liebe geht durch den Magen – ein Sprichwort, das bei Ortheil durchaus zutrifft, wie Rainer Moritz aus Hamburg in seinem Vortrag schilderte

Der Leiter des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, Bernd Goldmann, kennt Hanns-Josef Ortheil schon seit dem Ende der 1970er Jahre
Dieses herrliche Gefühl, wenn man den Löffel eintaucht in die kostbare, sämige Flüssigkeit, ihn wieder hervorholt, es dampft, entschlossen führt man ihn zum Mund, die Augen geschlossen, alle Sinne konzentrieren sich auf das Geschmackserlebnis, jeder Geschmacksnerv weiß, wie viel Zeit die Zubereitung dieser Suppe in Anspruch genommen hat, und, wenn man die Augen wieder öffnet, sieht man, dass es der Geliebten gegenüber am Tisch ganz genauso geht. Auch sie ist ganz versunken im Genuss, der gleichsam die Vorbereitung auf den Liebesgenuss ist.
„Das Essen ist in Ortheils Werk viel mehr als bloßes Dekorum“, erklärte Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses in Hamburg, zum Auftakt des Kolloquiums „Kunst erzählen – Das literarische Werk Hanns-Josef Ortheils“. Essen, trinken und lieben werden in den Romanen „Die große Liebe“ und „Das Verlangen nach Liebe“ zu einer Symbiose, die glückliche Liebesbeziehung der Figuren verschmilzt mit der kulinarischen Lust zu einer Intensität der Sinne. Dabei hatte Rainer Moritz, der sich selbst durch zahlreiche Veröffentlichungen als Experte in kulinarischen Fragen auszeichnet, das große Privileg, den noch unveröffentlichten, neuen Roman „Das Verlangen nach Liebe“ vorab zu lesen und mit den anderen Texten Ortheils zu vergleichen. Ob Bratwurst, Austern, Kalbsbitoke oder die mysteriösen Kutteln, Liebe ist Essen, Essen ist Liebe, Liebe ist Schreiben. Nach Moritz ist Ortheil in seinen Liebesromanen ein „Kitschvermeidungsstratege“, denn obwohl sich Liebe in den Texten – ganz im Gegensatz zu den großen Vorbildern, etwa die „Leiden des jungen Werther“ – erfüllt und der Verdacht der Trivialität schnell bei der Hand ist, befreit sich Ortheil immer wieder durch den Einbezug anderer Sinnebenen vom Allzu-Oberflächlichen.
Nachdem Ortheil am 5. Juli mit seiner vierten Vorlesung zum Thema „Der Liebesroman und seine Gesetze“ die Poetikprofessur in diesem Sommer abschloss, trafen sich die beiden folgenden Tage Wissenschaftler, Kritiker und Lektoren im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia, um vor allem über die historischen Romane und die zwei Liebesromane Ortheils zu sprechen. Renommierte Germanisten wie Prof. Dr. Paul Lützeler, Ortheils Lektor Dr. Klaus Siblewski und Bamberger Germanisten tauschten sich in Anwesenheit des Autors über das Romanwerk aus. Eine Konstante zeichnete sich immer wieder ab, wodurch der Titel des Kolloquiums treffend gewählt war: Im Werk Ortheils, vor allem auch in seinem Frühwerk, wird immer wieder über das Kunstschaffen selbst, das Schreiben reflektiert. „Schreiben weckt ein Aufklärungsbedürfnis, bedarf einer Rechtfertigung“, sagte der Veranstalter der Tagung, Prof. Dr. Friedhelm Marx, und zitierte eine ironische Textstelle aus einem Werk Brentanos, in der davon abgeraten wird, die Poesie im Leibe zu überfüttern.
Nahrung gegeben wurde ihr auf dieser Tagung ausreichend: Der Präsident der Universität Bamberg, Prof. Dr. Dr. habil. Godehard Ruppert, freute sich in seiner Begrüßung darüber, dass die Literaturwissenschaft in Bamberg keine Parallelwelt erschaffe, sondern immer wieder den Kontakt zu den Künstlern und Literaturvermittlern suche. „Nur so kann sie vermeiden, dass sie hohl wird.“ Dr. Bernd Goldmann, der Leiter des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, erzählte, dass der Kontakt zu Ortheil schon seit dessen Debüt „Fermer“ bestehe, „und diese Berührung dauert hoffentlich noch lange an!“.
Essen, Berührung, Liebe und Wissenschaft. Es dürfte selten ein „sinnlicheres“ Kolloquium an der Universität Bamberg geben haben.
News Sommersemester 2007 vom 10.07.07