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Moskauexkursion im Sommersemester 2011

Im Sommersemester 2011 organisierte die Slavische Kunst- und Kulturgeschichte in Kooperation mit der Slavischen Literaturwissenschaft eine Exkursion nach Moskau.

Mit 11,2 Millionen Einwohnern und einer Fläche von über 1000 km² ist Moskau eine der größten Metropolen der Welt, Hauptstadt des größten Landes der Erde, das pulsierende wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des östlichen Kulturraums. Auch nachts kocht und brodelt die Stadt.

Über die Jahrhunderte wurde der geographische Raum Moskaus mit mythologischer Bedeutung gefüllt. Mit dem Fall Konstantinopels im Jahre 1453 beanspruchte das Russische Reich die Rolle des wahren Bewahrers des orthodoxen Glaubens und es entstand die Vorstellung von „Moskau als Drittem Rom“. Die Bautätigkeit der folgenden Jahrhunderte konzentrierte sich vor allem auf sakrale Bauten und den Ausbau der Verteidigungsanlagen.

Im Zuge des wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs Moskaus seit dem 17. Jahrhundert wurden zahlreiche Paläste gebaut. Obwohl Moskau im 18. Jahrhundert im Schatten der neuen Hauptstadt Russlands, St. Petersburg, stand, gewann der symbolische Raum Moskau zunehmend an Bedeutung: Während St. Petersburg zum Symbol für das neue, aufgeklärte Russland wurde, stand Moskau für das alte, traditionelle und ursprüngliche Russland.

Das sollte sich mit der Machtergreifung der Bolschewiken 1917 ändern. Die kommunistische Führung verlegte die Hauptstadt wieder nach Moskau und forcierte nach den Bürgerkriegsjahren die Bautätigkeit. Moskau sollte zur ersten kommunistischen Stadt werden: Die alten verwinkelten Straßen sollten klaren Strukturen, die sakralen Bauten den neuen Monumenten des ersten kommunistischen Staates weichen. Im Zuge dieser Umgestaltung wurde die monumentale Erlöserkathedrale gesprengt, um dem neuen (zumindest in der Planung noch prachtvolleren) Palast der Sowjets Platz zu machen, und es wurde der Bau der nicht minder prachtvollen Metro in Angriff genommen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebte Moskau im Zuge der marktwirtschaftlichen Reformen einen gigantischen Bauboom. Die Stadt ist jedoch immer noch geprägt von sozialistischen Prachtbauten, die eine seltsame Symbiose mit den noch bestehenden historischen Gebäuden eingingen. Und auch die aktuellen Bauten scheinen sich problemlos in das spannungsvolle architektonische Ensemble, das Moskau heute darstellt, einzufügen.

Am Freitag, dem 22. Juli 2011, begann der Streifzug der Bamberger Slavistik durch das chaotische und zu dieser Zeit von einer schier unerträglichen Hitzewelle geplagte Moskau. In den nächsten zehn Tagen galt es, hier die wichtigsten kulturellen und architektonischen Hinterlassenschaften der letzten Jahrhunderte zu erkunden. Der Stadtrundgang am ersten Tag zeigte die ganze Dimension dieser Aufgabe. Mit dem Besuch zahlreicher architektonischer Denkmäler, Galerien, Ausstellungen und Literaturdenkmäler ist es den Organisatorinnen der Exkursion jedoch gelungen den Studierenden die kulturelle Vielfalt der Stadt in Schlaglichtern nahe zu bringen.

Nach einem ausgiebigen Streifzug durch Moskau (Roter Platz, Basilius-Kathedrale, GUM) fand der erste Tag mit dem Besuch des Majakovskij-Museums seinen Abschluss. Das mit viel Enthusiasmus im Wohnhaus Majakovskijs eingerichtete Museum besticht durch das eigenwillige Arrangement der Exponate, die schrägen Böden und die Nachbildung des Modells für den Turm der dritten Internationale von Vladimir Tatlin im Treppenhaus. Letztlich vermittelt das Museum jedoch den Eindruck eines kuriosen Relikts vergangener Tage – die revolutionäre Sprengkraft, die die Avantgarde zu ihrer Zeit entwickelte und die die Einrichtung des Museums auch zur Zeit der Perestrojka barg, scheint verblichen. Das Museum zeigt: Staub liegt auf dem, was ehemals die Biographien und das Leben veränderte.

Einer der Höhepunkte der Exkursion war sicherlich die Besichtigung des Maksim-Gor’kij-Museums, das nicht nur aus literaturhistorischer Sicht eine Besonderheit darstellt. Die Wohnräume, in denen Maksim Gor’kij – inmitten seiner Bibliothek und mit einer direkten Telefonleitung zu Stalin – die letzten Jahre seines Lebens verbrachte, sind auch aus architektonischer Sicht von großem Interesse. Die Jugendstilvilla wurde von dem berühmten Architekten Fedor Šechtel’ erbaut und weckt Assoziationen mit einen Unterwasserpalast, dessen Mittelpunkt das Treppenhaus in Form einer riesigen Welle bildet.

Einen vollen Tag verbrachte die Gruppe mit dem Besuch des Kreml-Areals, der Besichtigung der dortigen Rüstkammer und der fünf Kathedralen des Geländes. Einen besonderen Eindruck hinterließ die Uspenskij Kathedrale – nicht nur der Innenraum, auch die Fresken- und Ikonenmalereien sind von überirdischer Schönheit.

Bei der Besichtigung der beiden Häuser der Tret’jakov-Galerie waren zunächst Ausstellungsstücke vergangener Jahrhunderte zu bewundern. Das radikale Konzept von Pavel Tret’jakov, lediglich Werke russischer Künstler in die Sammlung aufzunehmen, geht auf – die Vielfalt der Exponate ist überwältigend. Der Ausbau der Sammlung im 20. Jahrhundert ist in einem weiteren Bau aus der Sowjetzeit untergebracht, und auch hier ist die Vielfalt der Exponate beeindruckend: Von den wichtigsten Werken der russischen Avantgardekunst, über die Kunst des sozialistischen Realismus bis hin zu zeitgenössischer Kunst sind hier viele bedeutende Werke der russischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu bewundern.

Am sechsten Tag begaben sich die Teilnehmer auf die Spuren Michail Bulgakovs. Der literarische Rundgang begannt an den Patriarchenteichen, dem Ort an dem den Protagonisten des Romans „Meister und Margarita“ der Teufel erscheint. Nach einer kurzen Einführung in das Leben und das Werk Bulgakovs ging es in das Bulgakov-Museum in der Sadovaja. Hier hat Bulgakov gewohnt und hier quartiert sich – im Verlauf der Romanhandlung – auch der Teufel mit seinen Gehilfen ein. Neben dem Museum hat sich ein experimentelles Theater eingerichtet, es gibt ein kleines Theatermuseum, die Proben sind frei zugänglich und es wird ausschließlich Bulgakov gespielt.

Die meiste Zeit bewegte sich die Gruppe mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Fahrten mit der Moskauer Metro waren jedes Mal wieder ein Erlebnis – der unglaubliche Prunk der älteren Metrostationen erinnert an Paläste vergangener Jahrhunderte. Nach einer längeren ziFahrt mit der Moskauer Metro wurden das Neujungfrauen-Kloster sowie der dem Kloster angegliederte Friedhof besichtigt. Hier fanden die großen Geister Russlands ihre letzte Ruhe – Bulgakov, Majakovskij, Gagarin, Chruščov und El’cin und Nadežda Allilujeva, die unglückliche junge Frau Stalins, die wahrscheinlich von ihrem Mann eigenhändig erschossen wurde, weil sie gewagt hatte, öffentlich eine kritische Frage zu stellen.

Am vorletzten Tag wurden im Umland von Moskau das um 1340 gegründete Dreifaltigkeits-Kloster in Sergiev Posad besichtigt und ein Ausflug nach Abramcevo unternommen. Die Künsterkolonie in Abramcevo bildete zur Jahrhundertwende einen Gegenpol zur Petersburger Akademie, die sich neuen Strömungen in der Kunst verschloss. Der Kunstmäzen Savva Mamontova lud liberale und demokratisch gesinnte Maler, Architekten, Schauspieler, Komponisten und Sänger ein, in dieser Siedlung zu leben und zu arbeiten. Michail Vrubel’, Il’ja Repin und andere folgten dieser Einladung. Das ruhige ländliche Idyll wurde zum Sammelpunkt unkonventioneller Künstler, die nach neuen Inspirationen suchten.

Einen weiteren Höhepunkt hatte die Exkursion mit der Besichtigung des Landsitzes der Šeremet’evs in Ostankino. Da die Familie im Laufe der Zeit beachtlichen Reichtum angesammelt hatte, konnte es sich Graf Nikolaj Šeremet’ev leisten, seinen Leibeigenen kulturelle Erziehung angedeihen zu lassen und sie zu einer Schauspielertruppe auszubilden. Das Theater, das er in Ostankino errichtete, fasste 250 Zuschauer und machte selbst den großen Theatern Moskaus Konkurrenz. Nicht zuletzt erlangte Nikolaj Šeremet’ev jedoch aufgrund seiner Liebe zu Praskov'ja Žemčužina, einer Leibeigenen, Berühmtheit. Erst gegen Ende seines Lebens entließ er sie aus der Leibeigenschaft und heiratete sie – ein für damalige Verhältnisse skandalöser Vorgang, der ihm heute unsere Sympathien sichert.

Der abschließende Besuch der VDNCH konfrontierte die Exkursionsteilnehmer mit einer für das heutige Russland emblematischen Situation. Die monumentalen Denkmäler ragen in den Himmel wie die Überbleibsel einer apokalyptischen Katastrophe. Das Ausstellungsgelände, auf dem ehemals die Errungenschaften der sowjetischen Volkswirtschaft ausgestellt wurden, gleicht heute einem Freizeitpark: Es gibt Karusselle, es werden gigantische Schaschlikspieße (zu nicht minder gigantischen Preisen) feilgeboten, und der Brunnen vor dem weißrussischen Pavillon wird von unzähligen Menschen als Swimmingpool geschätzt.

Immer wieder wurden unsere Studierenden auch mit dem zeitgenössischem Moskau konfrontiert: mit einer Galerie moderner Kunst, dem von Nokia gesponsertem Fotografiemuseum, dem Delikatessengeschäft Eliseevskij Magazin und der wiedererbauten Erlöser-Kathedrale. Man fand auch Zeit, das Moskauer Nachtleben zu bestaunen, in den Zirkus zu gehen und ein Spiel des Fußballvereins „Spartak“ anzusehen. Die Exkursionsteilnehmer haben im Verlauf der Exkursion einen guten Eindruck von der kulturellen Vielfalt Moskaus gewonnen und verließen die größte Stadt Europas mit vielen, sicherlich bleibenden Erinnerungen.

Ada Raev, Elisabeth von Erdmann und Markus Hammerschmitt

 

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