Mit dem Aufstieg der modernen Wissenschaften verlor die Philosophie zunächst ihre führende Stellung im Kanon der Wissenschaften, mit der Entwicklung zu einer weltanschaulich offenen Gesellschaft ihre traditionelle Autorität und mit den großen Erfolgen des technisch-pragmatischen Handelns ihre einstige gesellschaftliche Bedeutung.
Die höchst ambivalenten Folgen des wissenschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Fortschritts haben unterdessen jedoch zu einem neuen auch öffentlichen Interesse an der Philosophie geführt. Man erwartet von der Philosophie, dass sie sich kritisch mit den übergreifenden Konsequenzen dieses Fortschritts befasst. In einer Zeit der hochgradigen Spezialisierung aller Wissenschaften stellt sich in ganz neuer Weise die Frage nach den je verschiedenen spezifischen Grundlagen der Fachdisziplinen, nach den übergreifenden Zusammenhängen und nach den Folgen des neuen Wissens für unser Welt- und Menschenbild. In einer Zeit des ausgeprägten Pluralismus gewinnt die Frage nach den Formen des Zusammenlebens und nach der Verständigung zwischen verschiedensten Überzeugungen eine neue Dringlichkeit. In einer Zeit neuartiger Technologien, die gewachsene Kulturen, den herkömmlichen Haushalt der Natur und nun auch die genetische Substanz des Menschen selbst verändern, sucht man erneut nach Orientierungen und nach grundlegenden Kriterien für ein verantwortliches Handeln. So gilt es, umfassende Perspektiven für ein zukunftsfähiges Verständnis von Welt, Mensch und Verantwortung zu erarbeiten.
Alle diese Fragen stellen die Philosophie vor neue Herausforderungen. Zwar verweisen die damit angesprochenen Themen vielfach zurück auf klassische Problemstellungen, die in der Philosophie zu anderen Zeiten bereits eingehend diskutiert worden sind. Zugleich muss die Philosophie diese Fragen aber auch unter den veränderten Voraussetzungen und Perspektiven unserer Zeit neu durchdenken, wenn sie ihre Beiträge auch gegenüber den anderen Wissenschaften und der modernen Welt mit Erfolg vertreten will.