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Wissenschaft & Praxis

Der Heilige Georg dreidimensional

Über den Einsatz digitaler Dokumentationsmethoden in den Restaurierungswissenschaften

Von Kerstin Leicht

Hightech macht's möglich: Skulpturen, Bilder, ganze Räume können heute archiviert werden, mit allen Details. Mit seinem Plädoyer für Methoden der digitalen Dokumentation eröffnete Rainer Drewello die Ringvorlesung des Zentrums für Mittelalterstudien.

Eigentlich steht die 1,46 Meter große Lindenholzskulptur des Heiligen Georg im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Dass die Figur des Drachentöters auch in Bamberg von allen Seiten und mit allen Details bewundert werden kann, ermöglicht eine dreidimensionale Computersimulation. Mit ihr führte Prof. Dr. Rainer Drewello - assistiert von Diplom-Ingenieurin Mona Hess M.A. - am 25. April den zahlreich erschienenen Zuhörern eindrucksvoll neue Technologien vor Augen, die heute unser Bild vom Mittelalter präzisieren und ergänzen können. Drewellos Vortrag über den Einsatz digitaler Dokumentationsmethoden in den Restaurierungswissenschaften eröffnete die diesjährige Ringvorlesung des Zentrums für Mittelalterstudien.

Mit Farbinformationen "beklebt"

Die erstaunliche Authentizität der Farben und Details wird durch die Technik des Laserscannens ermöglicht. Mittels eines hochauflösenden Trommelscanners werden sowohl Gestalt und Proportionen als auch die Farbigkeit des Objektes in Fotoqualität erfasst. Das Scannen selbst dauert nur wenige Stunden. Aufwändiger als das Erfassen der Daten ist ihre anschließende Nachbearbeitung im Rechner. Aus den geometrischen Daten erstellt die Software ein Dreiecksnetz, welches geglättet und mit der entzerrten Farbinformation belegt werden muss. Erst wenn die Oberfläche komplett mit den "Fotos" gleichsam "beklebt" ist, kann der Heilige Georg in seiner originalen Farbfassung dreidimensional visualisiert werden.

Selbst kleinste Details wie die punzierten Metallapplikationen auf der Oberfläche sind zu erkennen. Wenn man dem Drachen ins Maul blickt, sieht man rote gemalte Blutablaufspuren. Solche Farbenfreude mittelalterlicher Skulpturen wurde lange Zeit verkannt. Jetzt macht die elektronische Editionstechnik die Befunde visuell zugänglich. Durch virtuelle Retuschen können auch Komplettierungen, wie die heute fehlende Lanze des Heiligen Georg, im Computer in verschiedenen Varianten diskutiert werden: Hatte der Drachentöter eine Lanze mit oder ohne Fahne in der Hand?

Kopien ersetzen gefährdete Originale

Dass bei der Technik des Laserscannens das Original unangetastet bleibt, erweist sich bei der Erstellung von Kopien als besonders vorteilhaft. Die früher angewandte Methode des Silikonabgusses schadete den empfindlichen Farbfassungen der kostbaren Originaloberflächen. Das berührungslose Scanverfahren, gekoppelt mit einer 5-Achs-CNC-Fräse, wurde an der FH Coburg eingesetzt, um für das Portal des Bamberger Doms eine Positivform der Adamfigur zu erstellen. Das Original steht jetzt vor Witterungseinflüssen geschützt im benachbarten Diözesanmuseum, wie Drewello berichtete.

Der Einsatz von Hightech in den Restaurierungswissenschaften beginnt schon bei der Bestanderfassung. Wie das vom Lehrstuhl für Angewandte Informatik in den Kultur-, Geschichts- und Geowissenschaften der Universität Bamberg entwickelte Kartierungs-Tool (MMS) auf der Basis mobiler Endgeräte zur Bestandsaufnahme vor Ort genutzt wird, zeigt das laufende, von Prof. Dr. Drewello geleitete interdisziplinäre Projekt der Restaurierung der Wandmalereien im ehemaligen Dominikanerbau, der heutigen AULA. (S. dazu die Reportage "Verhüllte Aula" der Autorin: cms-sprachlabor.split.uni-bamberg.de/sprachlabor_2/index.php)

Bamberger Restaurierungswissenschaftler als Vorreiter

Für die Zukunft soll für den gesamten Dominikanerbau ein digitales Archiv erstellt werden. Das System besteht zum einen aus einer zentralen Archivierungssoftware mit einem am Bauwerk orientierten Inventarisationssystem, erstellt durch das Institut für Informationssysteme und Softwaretechnik (IFIS) der Universität Passau, zum anderen aus dem oben erwähnten Kartierungstool, für das die Bamberger Wissenschaftler zuständig sind. Das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderte Projekt wurde für den Passauer Dom entwickelt und parallel dazu von Mona Hess als Teil ihrer Masterarbeit am Bamberger Dom getestet. Wie Drewello berichtete, wird die Archivierungssoftware in Zukunft für viele der großen Kirchen Europas wie zum Beispiel dem Stephansdom in Wien in Frage kommen.

Der Auftakt der Vorlesungsreihe machte neugierig auf die folgenden Vorträge (jeweils montags, 20 Uhr, U2/H1): Am 9. Mai stellt Heidemarie Anderlik (Berlin) die "virtuelle Bibliothek" des Deutschen Historischen Museums vor. Holger Grewe (Ingelheim) stellt am 23. Mai am Beispiel der Aula regia der Kaiserspfalz Ingelheim Überlegungen zur computergestützten Rekonstruktion mittelalterlicher Architekturbefunde an. Weitere Vorträge am 30. Mai sowie am 6., 13., 20. und 27. Juni.