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Zwischen Service-Wüste und Dienstleistungs-Dschungel

Banküberweisung per Handy tätigen? Sich vom Auto mit GPS zum Flugplatz lotsen und den Organizer selbstständig per Mail alle Termine canceln lassen? Prof. Guido Wirtz über die schöne neue Dienstleistungswelt.

Von Joachim Fulda

"Wir reden nicht nur über Dienstlandschaften. Wir bauen sie!" Unter diesem Motto hielt Professor Guido Wirtz am 23. Juni seine Antrittsvorlesung an der Universität Bamberg. Dem neuen Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Informatik zufolge ist die Wanderung zwischen Service-Wüste und Dienstleistungs-Dschungel für den Konsumenten schwierig. Im Mittelpunkt seines Vortrags standen die Nutzungsmöglichkeiten von Dienstleistungen im Internet.

 

Unterschreiben am Bildschirm

Zuerst zeigte Wirtz die Möglichkeiten und Chancen des elektronischen Einkaufens auf, bei denen inzwischen eine Vielzahl von Dienstleistern eine große Menge von Produkten offerieren. Dass der Konsument im Internet viel leichter Preise vergleichen könne, rechnete Wirtz zu den Stärken des Internets als Medium für Dienstleistungen. Auch in der öffentlichen Verwaltung könne dank des World Wide Web der Umgang mit Behörden vereinfacht werden. So böten viele Behörden zunehmend Formulare und Informationen auch im Netz an. Schwierig werde es jedoch oft, wo der Bürger oder Kunde die Formulare gleich online ausfüllen wolle. So gebe es noch rechtliche Schwierigkeiten, Formulare online unterschreiben zu lassen.

 

"Mobile" Dienste, bei denen zum Beispiel per Handy der Zugriff aufs Bankkonto möglich werden könne, hielt Wirtz ebenfalls für eine wichtige Entwicklung. Nutzer würden dadurch noch schneller mit aktuellen Informationen versorgt, jedoch zugleich für Anbieter solcher Angebote stärker erreich- bzw. verfügbar. Diese Ambivalenz mobiler Dienste veranschaulichte Wirtz am Beispiel eines Unternehmers, der mit Hilfe des satellitengestützten Orientierungssystems GPS und weiteren mobilen Informationsdiensten auf dem Weg zum Flughafen ist. Verpasst er aufgrund eines Staus, der ihm vom GPS vorhergesagt wird, sein Flugzeug, könne ihm der mobile Dienst automatisch den Terminkalender neu gestalten, damit er möglichst effizient weiterarbeiten könne. Solch automatisiertes Zeit- und Terminmanagement bezeichnete Wirtz "als eine schwierige Gratwanderung zwischen Traum und Albtraum".

 

Heutiger Stand ausbaufähig

Wirtschaftliches Potenzial attestierte der Informatiker auch der Simulation von Prozessen in Modellen. Am Beispiel der Klimasimulation zeigte Wirtz auf, wie solche weltweiten computerbasierten Dienste einen sicheren und einfachen Zugang zu Ressourcen wie Datenbanken ermöglichten. Dabei könnten zeitweise ungenutzte Computerkapazitäten eines Unternehmens für andere Unternehmen zur Verfügung gestellt werden, deren Kapazitäten für einen speziellen Auftrag nicht ausreichten und für die diese Form der Fremdnutzung kostengünstig wäre. Voraussetzung dafür aber sei, die verschiedenen für die Simulation notwendigen Daten und Informationen zu koordinieren. Doch steht diese Form des Leasings noch am Anfang der kommerziellen Nutzung. Als letztes mögliches Einsatzgebiet für mobile Technologien nannte Wirtz so genannte Ad hoc-Dienste, mit denen schnell, unkompliziert und dezentral Kommunikationsmöglichkeiten geschaffen werden könnten.

 

Nach Wirtz ist der "heutige Stand der praktischen Informatik ausbaufähig". Was fehle, seien einfach bedienbare und integrierte Plattformen. Bislang stellten unterschiedliche Strukturen oft ein Hindernis für hocheffiziente Kommunikation dar. So gebe es bislang nur in Ansätzen Ingenieur-bezogene Verfahren zur Konstruktion korrekter, dynamischer und flexibler Software für komplexe Computerdienste. Wirtz betonte, dass "eine engere Zusammenarbeit zwischen theoretischer und praktischer Informatik hier ansetzen" sollte. Verschiedene Ansätze miteinander zu vereinbaren sei wichtig für die Entwicklung von Dienstlandschaften. Diese könnten nach Wirtz' Vorstellung die verschiedenen Anbieter technisch miteinander verknüpfen und dem Kunden so eine bessere Vergleichbarkeit bieten. Grundlage solcher Dienstnutzungen sei die Realisierung von Wegen, über die Anwender den für sie passenden Anbieter finden könnten. Für Wirtz besteht die Lösung dieses Problems in einer dynamischen Kombination mehrerer autonomer Subsysteme.

Die Vision seines Lehrstuhls sehe er entsprechend in der Entwicklung und Realisierung einer Methode, mit der die sich ständig verändernden Anforderungen an die Programme besser erfasst werden könnten. Damit könnten verschiedene Dienstlandschaften miteinander vereinbart und realisiert werden.

 

Arbeitnehmer als Vorbild für Studierende

Zum Abschluss seiner Antrittsvorlesung gab Wirtz Einblicke in die Projekte seines Lehrstuhls. Ein Anliegen sei ihm die frühzeitige Einbindung der Studierenden in die moderne Arbeitswelt. So seien mehrere Diplomarbeiten im Entstehen, die in Unternehmen verfasst würden. Anfang 2004 beispielsweise schrieb ein Absolvent bei Siemens in Forchheim seine Diplomarbeit über die automatische Verwaltung und dynamische Zuordnung von medizinischen Geräten.

 

Von seinen Studierenden erwarte er die Bereitschaft, sich selbstständig in Probleme einarbeiten zu wollen. Die Realität sehe jedoch anders aus: Schulabgänger seien zunehmend unselbstständiger, für Wirtz die Folge einer zunehmenden Verschulung der Unterrichtsmethoden. Wirtz' Forderung an die Studierenden, sich an der Arbeitszeit von Arbeitnehmern zu orientieren, verknüpfte er mit dem Hinweis auf seine Verantwortung, seinen Studenten mehr als nur bloße Theorie zu vermitteln. Sein Ansatz stehe in der pädagogischen Tradition des "Forderns und Förderns".

 

Wunsch nach zusätzlichen Räumlichkeiten

Zuvor lobte WIAI-Dekan Prof. Elmar J. Sinz in seiner Rede die ausgezeichnete Arbeit seiner noch jungen Fakultät und führte zum Beleg die erste Promotion, die zweite Verabschiedung von Absolventen und die mittlerweile dritte Antrittsvorlesung an. Mit der baldigen Einführung von Master- und Bachelor-Studiengängen habe man sich schon frühzeitig auf innovative Neuerungen eingestellt. Es handele sich um eine klare Ausrichtung auf die zunehmende Vermittlung von Praxis. Dabei schließe die Bamberger Informatik schon heute mit einer hohen Drittmittel-Förderung zur deutschen Informatik-Spitze auf. Problematisch sei jedoch die nach wie vor schwierige Unterbringung von weiteren Dozenten. Daher werde in der Fakultät vielfach der Wunsch nach zusätzlichen Räumen geäußert.

 

News Sommersemester 2004 vom 30.06.04