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Biete Wohnraum, suche Mathe-Nachhilfe

Der Weg zu einer Wohnpartnerschaft

Von Andrea Lösel

Wohnen für Hilfe ist ein Kooperationsprojekt des Studentenwerks Würzburg und der Stadt Bamberg (Foto: Stadt Bamberg)

Anja vor dem selbstgemalten Bild ihrer Cousine (Fotos: Andrea Lösel)

Die Studentin gibt den Söhnen Mathe-Nachhilfe

Anja und ihre Vermieterin Wiebke

Wohnungsnot macht erfinderisch: Im Mai 2011 lief das Projekt Wohnen für Hilfe an, eine Initiative des Studentenwerks Würzburg und der Stadt Bamberg. Die Idee ist simpel: Ältere Menschen, Familien oder Behinderte stellen Studierenden oder volljährigen Auszubildenden kostenlos oder günstig Wohnraum zur Verfügung und erhalten dafür Hilfsleistungen. 20 Wohnpartnerschaften hat das Projekt mittlerweile gestiftet. Eine davon besteht zwischen der Studentin Anja Willacker und der Familie Ralf-Kana.

Eine Woche lang pendelte Anja täglich. Von Gerolzhofen nach Bamberg. Und zurück. Jeweils 45 Minuten Fahrzeit bis zum Bamberger Park& Ride Breitenau, dann noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Innenstadt. Nach ein paar Tagen hatte die 18-Jährige genug davon. Sie quartierte sich in der Jugendherberge ein, schlief bei Kommilitonen auf dem Sofa. Nach der Uni wälzte sie Wohnungsanzeigen, klickte sich durch Internetplattformen und durchforstete Pinnwand-Aushänge. „Du findest schon noch was“, munterte ihre Mutter sie abends am Telefon auf. Und sie behielt Recht.

Im August 2011 schrieb sich Anja an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg ein. Sie hatte sich für ein Lehramtsstudium mit den Fächern Latein und Französisch entschieden. Kurz darauf saß sie schon im Zug Richtung Frankreich, denn die Prüfungsordnung schreibt Lehramtsstudierenden acht Wochen Betriebspraktikum vor. Die Hälfte davon leistete die G8-Abiturientin in Frankreich ab. „Zwei Wochen in der Touristeninformation der Stadt Mamers, zwei Wochen in einer Mediathek“, berichtet Anja: „Da blieb keine Zeit für die Wohnungssuche.“

Mieter und Vermieter müssen gut zusammenpassen

Neben einem Stadtplan und zahlreichen Informationsbroschüren hatte Anja bei ihrer Einschreibung auch einen Flyer der Wohnberatungsstelle der Stadt Bamberg eingesteckt. „Wohnen für Hilfe – generationenübergreifende Wohnpartnerschaft“  stand in großen Buchstaben darauf. Darunter Informationen zu dem Projekt: „Das Projekt „Wohnen für Hilfe“ stiftet Wohnpartnerschaften zwischen Familien / älteren oder behinderten Menschen und Studierenden. Das Besondere ist, dass keine oder nur eine geringe Miete gezahlt wird; stattdessen werden Hilfsleistungen erbracht.“ Im Vorfeld müssen sowohl der Mietinteressent als auch der Vermieter einen Bewerbungsbogen ausfüllen. „Anhand der Bögen ermitteln wir danach, wer gut zusammenpasst“, erklärt Nicole Orf, Projektbeauftragte der Stadt Bamberg. Es gibt jedoch weniger Vermieter: Noch immer warten über 25 Bewerbungsbögen von Mietinteressenten darauf, vermittelt zu werden.

„Im Bewerbungsbogen musste ich beispielsweise angeben, welche Hilfsarbeiten ich erledigen möchte“, erinnert sich Anja. Fenster putzen, Babysitting, einkaufen – Anja machte fast überall ein Kreuz: „Angesichts der Wohnungsnot in Bamberg muss man flexibel sein.“ Im November, mitten im Griechischseminar, klingelte dann ihr Handy. Das Handydisplay zeigte als Anrufer die Wohnberatungsstelle. „Ich hätte da vielleicht was für Sie“, klang die Stimme der Mitarbeiterin verheißungsvoll durch den Hörer. Fast noch im gleichen Atemzug die Frage: „Wie sieht’s denn mit Ihren Mathe-Kenntnissen aus?“ Die seien gut, versicherte Anja ein wenig verdutzt und erhielt die Nummer von Wiebke Ralf-Kana.

Nachhilfestunden für die Söhne

In Anzeigenblättern wie „Bamberg Stadt und Land“ und in der örtlichen Tagespresse war Wiebke, Anjas Vermieterin, immer wieder auf das Wohnen für Hilfe-Projekt gestoßen. „Wir suchen Wohnraum!“, appellierten die Verantwortlichen von Stadt und Studentenwerk mehrfach in den Medien. Wiebke rief bei der Wohnberatungsstelle an. Sie suche Nachhilfe für ihre beiden Söhne, 16 und 18 Jahre alt, im Gegenzug biete sie ein Zimmer an, direkt in der Bamberger Innenstadt.  Vier Interessenten meldeten sich in folgenden Tagen bei ihr, sie traf sich kurz mit allen, einziehen durfte Anja: „Wir haben uns sofort sympathisch gefunden.“

16 Quadratmeter hat Anjas Zimmer. Die Wände hat sie gemeinsam mit Wiebke gestrichen, kurz vor ihrem Einzug. Ein schlichtes Weiß, dazu bunte Bilder. Die meisten hat Anjas vierjährige Cousine Rebecca gemalt. „Zuhause bin ich die Älteste“, erzählt Anja. Drei jüngere Geschwister und vier Cousins wohnen im selben Haus. Am Wochenende fährt sie nach Hause, nach Gerolzhofen. Anja ist ein Familienmensch. „Auf keinen Fall wollte ich alleine wohnen“, erklärt sie: „Mir ist es wichtig, Menschen um mich herum zu haben.“ Da kommt ihr die „Quasi-WG“ mit Wiebke und deren Söhnen Freddi und Leo gerade recht: „Donnerstags beginnt meine erste Veranstaltung immer schon um 8 Uhr. Da haben Wiebke und ich Zeit, gemeinsam zu frühstücken.“

Tätigkeitsnachweis reduziert Mietkosten

Zwei bis drei Mal pro Woche gibt Anja dem 16-jährigen Freddi Nachhilfestunden: „Meistens machen wir Mathe, manchmal hat Freddi aber auch Fragen zu den Fächern Physik oder Chemie.“ Für Anja ist das trotzdem kein Problem. Jede Stunde wird fein säuberlich notiert: Datum, Art der Tätigkeit, Dauer und zwei Unterschriften, eine von Anja und eine von Wiebke. Tätigkeitsnachweis nennt sich das. Pro abgeleisteter Stunde zahlt Anja 7 Euro weniger Miete. Meist ergeben sich dann monatlich Mietkosten inklusive Nebenkosten in Höhe von ungefähr 250 Euro.

Anja kann diese kreative Form der Wohnpartnerschaft weiterempfehlen. Vielleicht wird sie aber vor dem Ende ihres Studiums trotzdem noch einmal woanders einziehen. Im Moment stapeln sich in ihrem Zimmer beispielsweise Nudelpäckchen, Toastscheiben und  Cornflakesschachteln, denn die gemeinsam genutzte Küche ist nicht allzu groß. „Aber improvisieren muss man als Student schließlich immer – egal wo man wohnt.“

Ansprechpartner für Wohnungssuchende:

Auf der Seite Wohnen in Bamberg finden Sie wichtige Informationen, Adressen und Links.

Wohnen für Hilfe

Über das Projekt Wohnen für Hilfe informiert die Wohnberatungsstelle der Stadt Bamberg. Es werden nach wie vor dringend Bamberger Bürgerinnen und Bürger gesucht, die Wohnraum zur Verfügung stellen und an einer Wohnpartnerschaft interessiert sind!

Nicole Orf und Denise Neller
Maximiliansplatz 3
Telefon: (0951)-87-1069 bzw. (0951)-87-1169
Fax: (0951)-87-1906
E-Mail: wohnberatung(at)stadt.bamberg.de

Wohnheime

Wohnheimplätze vergibt die Geschäftsstelle Bamberg der Wohnheimverwaltung des Studentenwerks Würzburg, Austraße 37, Tel. (0951) 2978-110.

Hinweise und Information finden Sie auf der Seite des Studentenwerks Würzburg: externer Link folgt www.studentenwerk-wuerzburg.de/wohnen/wohnheime.html

Vermittlung privater Zimmer

Das Studentenwerk Würzburg  bietet eine externer Link folgt kostenlose Privatzimmervermittlung an.

Interessierte Vermieter können sich informieren und ihre Wohnungen melden bei:
Frau Platok, Tel.: (0951) 2978-111, E-Mail: m.platok(at)studentenwerk-wuerzburg.de
Frau Kistner, Tel.: (0951) 2978-110, E-Mail: c.kistner(at)studentenwerk-wuerzburg.de

Wohnungssuchende Studierende können die Privatzimmerangebote beim Studentenwerk, Geschäftsstelle Bamberg, Austraße 37, zu den Öffnungszeiten Montag bis Freitag, 10 bis 13 Uhr einsehen und bekommen dort die Adresse der Vermieter.

Uni-Bamberg News vom 18.04.12