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Wo Joséphine sich einst verkühlte

Sven Schütte eröffnet das Archäologische Kolloquium

Von Konstantin Klein

Joséphine de Beauharnais verkühlte sich auf dem blanken Thron Karls des Großen. Auf diesem Gemälde von François Gerard ist sie – gut gepolstert – bestens davor geschützt (Bild: Wikimedia)

Spurensucher in der ganzen Welt: Mittelalterarchäologe Sven Schütte (Bilder: Konstantin Klein)

Die Spur führt bis nach Jerusalem: Hier sind die in den Wänden und Säulen der Grabeskirche eingeritzten Kreuze zu sehen, die auch auf den Stufen des Thrones entdeckt wurden

Ein ehrwürdiger Thron und seine Geschichte(n). Der Kölner Mittelalterarchäologe Sven Schütte eröffnete am 15. Mai mit einem Vortrag zum Thron der Pfalzkapelle zu Aachen die Archäologische Ringvorlesung.

Zweifelsohne gibt es Momente, die Geschichte machten. Der Tag, an dem sich Joséphine de Beauharnais im Jahre 1805 in der Aachener Pfalzkapelle auf den Thron Karls des Großen setzte, gehört allerdings nicht unbedingt dazu. Freilich demonstrierte ihr Ehemann, Napoléon Bonaparte, seit dem Ende des 18. Jahrhunderts auffällig großes Interesse an ‚Charlemagne’ und sah in ihm einen Ahnherrn, der – genau wie er, Napoléon – Europa geprägt hatte. Doch trotz der dramatischen Symbolkraft eines solchen Besuchs kurz vor der Kaiserkrönung in Paris blieb Napoléons und Joséphines Aufenthalt in Aachen eine nur lokalhistorisch bedeutsame Situation. Und doch – der Schriftsteller Victor Hugo bemerkte spöttisch, die schöne Joséphine habe sich beim Probe-Sitzen auf dem kalten Marmorthron verkühlt und sich eine heftige Blasenentzündung zugezogen.

Marmor aus Jerusalem?

Was aber hat nun der Gesundheitszustand der späteren Kaiserin der Franzosen mit Mittelalterarchäologie zu tun? Der aus Köln angereiste Forscher Dr. Sven Schütte verstand es, in seinem Eröffnungsvortrag am 15. Mai 2007 zum Archäologischen Kolloquium der Otto-Friedrich-Universität Bamberg Brücken zu schlagen zwischen dem napoleonischen Besuch der Kapelle und den jüngsten mittelalterarchäologischen Untersuchungen zum Thron Karls des Großen.  Der Leiter der Archäologischen Zone in Köln zeigte auf, wie sich im Lauf der Geschichte die Forschungsmeinungen zum schlichten Karlsthron, der aus schmucklosen Marmorplatten zusammengesetzt ist, veränderten: „Weder Fragen zur Datierung noch zum genauen Aufbau wurden befriedigend geklärt.“

Die Frage nach der Herkunft des Steins verfolgte Schütte bis nach Jerusalem: „Der rötliche Marmor gleicht dem der so genannten Grabplatte Christi in der Grabeskirche in weiten Teilen“, erläuterte Schütte, der aufgrund des Reliquiencharakters des Jerusalemer Steines freilich keine Probe zu einer chemischen Untersuchung nehmen konnte. Doch auch die Treppen des Karlsthrones konnte der Kölner Archäologe mit Jerusalem in Verbindung bringen, weisen sie doch eine seltsame Abrundung in den nach unten zeigenden Seiten der Stufen auf: Die Stufen des Thrones seien, so Schütte, Säulenteile, die höchstwahrscheinlich ebenfalls aus der Grabeskirche stammen. Unzählige eingeritzte Kreuze an den Stufen verweisen auf gleiche Darstellungen an den Wänden und Säulen der Kirche in Jerusalem, die von tausenden Pilgern im Mittelalter dort hineingekratzt wurden.

Reichskleinodien im Staubsaugerbeutel

Unter der Sitzfläche des aufwändig zusammengesetzten Marmorthrones, dessen Rückenlehne zu Ehren des Napoléon-Besuches archaisierend abgerundet wurde, befindet sich ein Hohlraum, den Sven Schütte, um die genauen Maße aufnehmen zu können, mit einem Staubsauger vom Schmutz der Jahrtausende reinigte. „Es hat sich gelohnt, den Staubsaugerbeutel später aufzuschneiden und durchzusieben“, berichtet der Archäologe und zeigte Photographien seiner Entdeckungen: Ein kleines Stückchen Holz und ein mittelalterlicher Nagel mit vergoldetem Kopf. „Wir fragten uns natürlich, woher der Nagel stammen könnte“, erzählte Schütte.

Seine erste Vermutung führte ihn nach Wien, wo in der Schatzkammer der Wiener Hofburg die Reichskleinodien lagern, also unter anderem die Reichskrone, die Heilige Lanze und die Stephansbursa. Letztere ist ein Reliquiar in Form einer Pilgertasche, in dem sich angeblich mit dem Blut des ersten christlichen Märtyrers Stephanus getränkte Erde aus Jerusalem befindet. Sven Schütte reiste also in die österreichische Hauptstadt, wo er in tagelanger Kleinarbeit unterstützt von zahlreichen Kollegen sorgsam dieses altehrwürdige karolingische Kleinod in viele hundert Einzelbestandteile zerlegte. Und wirklich, der im Staubsaugerbeutel gefundene Nagel stimmte mit den Nägeln der Stephansbursa überein. Somit konnte Sven Schütte nachweisen, dass sich das Reliquiar tatsächlich – wie auch die Quellen berichten – im Fach unter der Sitzfläche des Karlsthrons der Aachener Pfalzkapelle befand.

Bei ihrer Untersuchung begutachteten die Kölner und Wiener Archäologen auch die Reliquie selbst und stellten fest, dass es sich zwar um ein Stück eines antiken Stoffes handle, es jedoch eine reine Textilreliquie ohne die angenommene Erde sei. Doch auch das reichte aus, um den ehrwürdigen Thron aus den Marmorplatten, die mit höchster Wahrscheinlichkeit aus der Grabeskirche stammen, selbst in den Rang einer Quasi-Reliquie zu versetzen, die sich auch noch in das ideologische Gesamtkonzept der Kapelle einfügte, wie Sven Schütte überzeugend nachwies.

Dies sei auch der Grund, so Schütte, warum es für die auf dem Thron gekrönten Könige von elementarer Bedeutung war, mit dem Material „verbunden“ zu sein. So durfte auf dem Thron Karls des Großen bewusst kein wärmendes Sitzpolster liegen – die Berührung mit dem nackten Stein zählte. Und führte, wenn wir Victor Hugo Glauben schenken, im Fall der Joséphine de Beauharnais zu einer wahrlich kaiserlichen Verkühlung.

Termine des Kolloquiums

22. Mai  Dr. Knut Rassmann, Römisch-Germanische Kommission Frankfurt:
Metallproduktion und -verbrauch in der Frühen Bronzezeit Mitteleuropas. Das Potential chemischer Analysen für die Untersuchung sozioökonomischer Themen

05. Juni Dr. Harald Stäuble, Landesamt für Archäologie, Dresden:
Archäologische Großprojekte in Sachsen: Chancen und Risiken

26. Juni Dr. Marcin Wołoszyn, Institut für Archäologie und Ethnologie Krakau:
Die Kiewerrus und Polen im 10. bis 13. Jahrhundert

10. Juli  Dr. Anja Heidenreich / Philipp Schramm M.A., Bamberg:
Archäologische Forschungen in der Freitagsmoschee von Golpayegan (Iran)

Veranstaltungsort: Hochzeitshaus, Am Kranen 12, Hörsaal 201
Beginn 19.15 Uhr

News Sommersemester 2007 vom 16.05.07