In seinen preisgekrönten Erzählungen findet sich im Normalen das Absurde, inspirieren lässt er sich am liebsten von E.T.A. Hoffmann. In Bamberg bot der ostdeutsche Autor Ingo Schulze "Literatur in der Universität".
?Wo geht´s denn hier zur Nordsee?? Nein, diese Frage stellte Ingo Schulze nicht, als er in Bamberg eintraf. Es ist die zentrale Frage in einer seiner ?Simplen Storys? (so der Titel seines zweiten Buches). Ein Mann und eine Frau laufen in Neoprenanzügen und mit Schwimmflossen und Taucherbrillen samt Schnorchel durch eine ostdeutsche Fußgängerzone und verteilen Waschzettel (?das heißt heutzutage Flyer?) für ein Fisch-Restaurant. Es ist das Absurde im Alltäglichen, das sich in Schulzes Geschichten findet. Nicht nur in seinen Geschichten aus der ostdeutschen Provinz von 1998, sondern auch in seinem Debüt ?33 Augenblicke des Glücks? von 1995, beides preisgekrönte und von der Kritik gefeierte Werke.
Leidenschaftlicher E.T.A. Hoffmann-Leser
Dass der 1962 in Dresden geborene Autor nach Bamberg kommen musste, daran bestand für Prof. Friedhelm Marx, der ihn im Rahmen der Reihe ?Literatur an der Universität? eingeladen hatte, kein Zweifel. Ein wenig mag dabei eine Rolle gespielt haben, dass der Literaturwissenschaftler über Ingo Schulze schon vor zwei Jahren beim ?Vorsingen? referierte und damit zum Inhaber des Bamberger Lehrstuhls für Neuere deutsche Literaturwissenschaft wurde. Entscheidender aber war für Marx, dass der Wahl-Berliner Autor leidenschaftlicher E.T.A.-Hoffmann-Leser ist, was sich schon an den ?33 Augenblicken? erkennen lässt: Denn dies sind quasi ?Hofmanns Erzählungen?, nämlich die der fiktiven Erzählerfigur Hofmann, die von einer Reise in Sankt Petersburg berichtet. Der Einfluss von E.T.A. Hoffmanns ?Die Abenteuer einer Silvesternacht? wird an mehreren Stellen des Buches deutlich. Keine Überraschung also, dass auch die Zuhörer am 7. Mai in Bamberg in der von Schulze vorgetragenen Geschichte die vom Romantiker bekannte Mischung aus Realität und Surrealität hören und spüren konnten.
Briefroman in Arbeit
Im Anschluss an Geschichten aus seinen bereits erschienenen Büchern las Schulze noch aus einem Werk vor, das gerade im Entstehen ist. Auch dieses ist angelehnt an eine von Hoffmanns Erzählungen, nämlich an den ?Kater Murr?. Es handelt sich um einen Briefroman. Ein Möchtegern-Schriftsteller scheitert, die Rückseiten seiner Manuskripte dienen ihm nach dieser Erkenntnis nur noch als Briefpapier. So erfährt der Leser einerseits die Geschichte des Protagonisten durch seine Briefe und kann andererseits Versatzstücke seiner Versuche lesen ? insbesondere die des zentralen Werks, einer Novelle.
Im Anschluss an die Lesung erzählte Schulze, auch er habe eigentlich eine Novelle schreiben wollten. Doch ?eine DDR-Novelle funktioniert nicht. Für mich jedenfalls nicht.? Sein Protagonist sei im Laufe des Schreibens so normal geworden, wie kein Mensch sei, er habe die Novelle nicht mehr ?pur bringen? können. Und da habe sich die Gattung des Briefromans direkt angeboten. Hätten doch nach dem Fall der Mauer noch lange die Telefonleitungen zwischen Ost und West nicht funktioniert. Die Menschen seien also gezwungen gewesen, sich Briefe zu schreiben. So kam dem Hoffmann-Leser Schulze der ?Kater Murr? in den Sinn ? und die Idee für den neuen Roman war geboren. Bis das Publikum ihn jedoch selbst und vollständig lesen kann, wird noch einige Zeit vergehen. ?Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle?, verriet Schulze, ?erscheint der Roman im zweiten Halbjahr nächsten Jahres.?
News Sommersemester 2004 vom 15.06.04