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Wider die Abbruchmentalität

Abschlusstagung des Graduiertenkollegs "Kunstwissenschaft - Bauforschung - Denkmalpflege"

Von Kerstin Leicht

Fast 100 Doktoranden hat das Graduiertenkolleg "Kunstwissenschaft - Bauforschung - Denkmalpflege" ausgebildet. Eine Abschlusstagung zog Bilanz.

Fast 100 Doktoranden hat das Graduiertenkolleg "Kunstwissenschaft - Bauforschung - Denkmalpflege" ausgebildet. Eine Abschlusstagung zog Bilanz.

Mit dem Graduiertenkolleg "Kunstwissenschaft - Bauforschung - Denkmalpflege" wagten die Otto-Friedrich-Universität Bamberg und die Technische Universität Berlin in den vergangenen neun Jahren ein gemeinsames Experiment. Von seinem Gelingen konnten sich die zahlreichen Besucher der zweitägigen Abschlussveranstaltung überzeugen. Seit 1996 besteht dieses Kolleg und läuft im März 2005 nach Abschluss der Regelförderung aus. In den neun Jahren wurden fast 100 Doktoranden ausgebildet, die Forschungsfragen ganz unterschiedlicher Art, von der Antike bis in die Gegenwart, bearbeitet haben. Welche Erfahrungen sammelten die Kollegiatinnen und Kollegiaten? Worin sehen die Hochschullehrer die Erfolge und dadurch die Fortentwicklung ihrer Universitäten? Wie kann das Erreichte in der zukünftigen Arbeit weiter fruchtbar gemacht werden? Über diese und weitere Fragen gab die Tagung in der AULA mit zahlreichen Vorträgen sowie Postern zu fast allen Projekten Auskunft.

 

Keine Liebe auf den ersten Blick

Viel Mut habe die DFG mit ihrer langjährigen Förderung bewiesen, attestierte Prof. Dr.-Ing. Manfred Schuller, stellvertretender Sprecher des Kollegs, bei seiner Begrüßungsrede. Schließlich vereint dieses interdisziplinäre Studienprojekt geisteswissenschaftliche mit ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen, die Theorie mit der Praxis - und nicht zuletzt die Länder Bayern und Preußen, so Schuller schmunzelnd. Daran, dass diese Vereinigung von praktisch ausgerichteter Denkmalpflege und eher theoretisch konzipierter Kunstwissenschaft zunächst alles andere als Liebe auf den ersten Blick gewesen sei, erinnerte Dr. Bernd Nicolai (Universität Trier). Damit sich die Vertreter dieser Disziplinen zukünftig nicht mehr sprachlos gegenüberstehen, habe es das Kolleg ermöglicht, einen Einblick in die Methoden und Forschungsansätze des jeweils anderen Faches zu erhalten und Verständnisschwierigkeiten in einem fächerübergreifenden Diskurs auszuräumen.

 

Wie Dr. Martin Brandl vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege rekapitulierte, hatte der interdisziplinäre Austausch gerade in der Anfangszeit auch unangenehme Konsequenzen für das eigene Gedankengebäude. Doch das schmerzliche Bewusstwerden der eigenen Grenzen, das Nachhaken und Hinterfragen durch die Kollegen sah er rückblickend als Gewinn für seine tägliche Arbeit. Gerade beim Übertritt vom universitären "Eigen"- ins Berufsleben habe die durchs Kolleg erworbene ganzheitliche Sichtweise geholfen. "Dort braucht man keine akademischen Monologisierer und eigenbrötlerische Bedenkenträger - praktisch geschulte Problemlöser sind gefragt."

 

Erbeliste = Werbeliste?

Wie in vielen der Vorträge deutlich wurde, zeigt die Tatsache, dass Fragen der Denkmalpflege häufig Gegenstand öffentlicher Diskussionen werden, die Notwendigkeit kompetenter Vermittler, die den kunsthistorischen Kontext verständlich machen können. Verbreitet ist in Deutschland, nicht zuletzt in Bamberg, die Einstellung "Erhaltenswert ist, was gefällt"; Denkmäler dienen immer häufiger als hybride Kulisse für das shopping feeling ("Architainment"), wie überhaupt oft nur noch das äußere Erscheinungsbild zählt, aber nicht Authentizität oder die Bewahrung historischer Zusammenhänge ("Fassadismus"). Probleme ergeben sich oft auch trotz oder mit der Ausweisung als Weltkulturerbestätte durch die UNESCO. Prof. Dr.-Ing. Hartwig Schmidt von der RWTH Aachen fragte, ob die Eintragung langfristig zu erhöhtem Schutz führt oder ob sich die Motivation nicht allein auf den ökonomischen Aspekt beschränke nach dem Motto "Erbeliste = Werbeliste". Diese Kritik richtete sich auch an die Stadt Bamberg, die mit der Planung der City-Passage, eines Geschäftszentrums inmitten der denkmalgeschützten Altstadt, ihren Status als Weltkulturerbe riskiere.

 

Neben einer "Abbruchmentalität", die Prof. Dr. Achim Hubel, Professor für Denkmalpflege an der Uni Bamberg und Mitglied der Monitoring-Gruppe im "International Council on Monuments and Sites" (ICOMOS), der Stadt Bamberg attestierte, führe ein allzu ausgeprägter Profit-Gedanke andernorts zur Übernutzung der Welterbestätten. Denkmäler werden als Touristenattraktionen instrumentalisiert, doch führten die Besuchermassen zu einer schnelleren Abnutzung der historischen Bauwerke. Dass die gut gemeinte Umnutzung historischer Bauwerke, die zum Erhalt des Bestandes beitragen soll, manchmal den Verlust der Authentizität durch Zerstörung der Originalsubstanz bedeutet, skizzierte Hubels Kollege Hartwig Schmidt am Beispiel der Zeche Zollverein in Essen. Dort mussten die alten Maschinen und Kesselanlagen den architektonischen Ansprüchen Lord Norman Fosters und Rem Kolhaas weichen.

 

Kollege Roboter

Um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken und die Welterbestätten zu überwachen, werden die oben angeführten Monitoring-Gruppen von ICOMOS eingesetzt. Der Weltpräsident dieser unabhängigen Organisation, Prof. Dr. Michael Petzet, berichtete über die Situation der Denkmalpflege in Afghanistan und stellte Konzepte vor, mit denen die von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan gerettet werden sollen. Zur Diskussion stehen u.a. die Rekonstruktion und anschließend liegende Unterbringung der Statuen in einem Museum vor Ort oder die Wiederaufrichtung in Form einer Anastylose, d.h. unter Verwendung der historischen Originalsubstanz. Der Versuch der Positionierung der Fragmente an ihren ursprünglichen Standorten wird derzeit von Prof. Urban, einem Kölner Spezialisten für Geomagnetik, am Computer simuliert.

 

Dass die moderne Informationstechnologie längst Einzug in die Denkmalpflege gehalten hat, zeigt dieses Beispiel ebenso wie die Aufnahme der Wandmalereien in der Dominikanerkirche mittels eines digitalen Kamera-Roboters. Während der Tagung konnten die Besucher das Gerüst erklimmen und sich von Stephanie Eißing über den Stand der Restaurierungsarbeiten informieren lassen. Geleitet werden diese von Prof. Dr. Rainer Drewello (Lehrstuhl für Restaurierungswissenschaft in der Baudenkmalpflege). Sein Kollege Manfred Schuller gab Interessierten Einblick in die Baugeschichte der Dominikanerkirche mit ihrem erhalten gebliebenen historischen Dachstuhl.

 

"Authentizitäts-Junkies"

Vermittlungsarbeit vor Ort, um der Bevölkerung die Ziele der Denkmalpflege nahe zu bringen, müsse in Zukunft dazu beitragen, den Imageschaden, den das Fach in den letzten Jahren erlitten habe, zu beheben, ehrenamtliche Unterstützung zu gewinnen und Bürgerinitiativen ins Leben zu rufen, betonte die Saarländer Landeskonservatorin Dr. Ulrike Wendland. Der extreme Sammeltrieb der "Authentizitäts-Junkies" stoße bei der Bevölkerung eher auf Unverständnis. Begeisterung zu wecken, das konnte Ulrike Wendland bei ihrem Doktorvater, Prof. Hubel, lernen, der als vehementer Verfechter der Denkmalpflege in Bamberg und anderorts um den Erhalt des Weltkulturerbes kämpft.

 

Der 1981 auf den Lehrstuhl für Denkmalpflege der Universität Bamberg berufene Achim Hubel freute sich, die Feier seines 60. Geburtstags mit der Veranstaltung des Graduiertenkollegs verknüpfen zu können. Dr. Robert Sukale, Kunsthistoriker von der TU Berlin, gab in seiner Laudatio einen Einblick in die Vita des 1945 geborenen Juristensohnes und betonte dessen Eigenschaft, geradezu fanatisch für die Denkmalpflege einzustehen.

 

Zur Homepage des Graduiertenkollegs:

www.uni-bamberg.de/%7Eba5gk3/home.html

 

News Wintersemester 2004/2005 vom 23.02.05