Hat die historisch ausgerichtete Anglistik eine Zukunft, und wenn ja, welche? Darüber diskutierten Fachvertreter auf einer internationalen Tagung in Bamberg. Und stellten fest: die Zukunft ihres Faches ist nicht nur eine Frage des Niveaus.
Welche Zukunft hat die historisch ausgerichtete Sprachwissenschaft? Wie kann sie sich mit anderen Fächern vernetzen? Und wie lassen sich ihre Einrichtungen angesichts der strukturellen Umgestaltungen in der Hochschullandschaft vor dem Rotstift der Finanzminister bewahren?
Grundlegende Fragen, mit denen sich die Teilnehmer der Tagung ?Englische Sprachwissenschaft und Mediävistik ? Standpunkte und Perspektiven? vom 21.-22. Mai in Bamberg beschäftigten.
Bedenkliche Situation
Auf Einladung von Gabriele Knappe (Universität Bamberg) waren Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Großbritannien und der Schweiz zusammengekommen, um über die Perspektiven der älteren englischen Sprachwissenschaft und Mediävistik zu diskutieren. Höchste Zeit, denn die Situation der älteren Anglistik ist bedenklich: Von 56 Universitäten mit eigener Anglistik in Deutschland führen gerade einmal zehn eine eigene Abteilung mit C4-Personal für die ältere englische Sprachwissenschaft oder Mediävistik.
Den Eröffnungsvortrag hielt der Münchner Emeritus Helmut Gneuss, der aus dem Blick auf die Vergangenheit des Faches wegweisende Hinweise für die Zukunft ableitete. Gneuss hielt es für wichtig, der neueren Forschung ?historische Erklärungen an die Seite zu stellen?, und sprach sich dafür aus, historische Inhalte in den Hauptfachstudiengängen der Anglistik weiterhin zu vermitteln. ?Die Studierenden müssen keine mehrbändige historische Grammatik auswendig können, sondern wissen, wo sie steht?, sagte Gneuss.
?Unverzichtbarer Teil des Ganzen?
Der drohende Rotstift beschäftigte Wilhelm G. Busse (Universität Düsseldorf). Es seien oft die eigenen Fachkollegen der gegenwartssprachlichen Literatur- und Sprachwissenschaft, die zur Streichung der historischen Komponenten bereit seien. Deshalb, schlug er vor, müssten Zusammenhänge innerhalb der Fachrichtungen hergestellt werden, um die ?ältere Anglistik zu einem unverzichtbaren Teil des Ganzen zu machen, dessen Streichung Löcher zurücklassen würde.?
Interdisziplinarität ? ein Begriff, der auf der Tagung nicht nur im Beitrag von Wilhelm G. Busse fiel, sondern fast in jedem Referat. Busse forderte die Bereitschaft, bei der Kooperation mit anderen Fächern, wenn nötig, ?eigene Fachtraditionen aufs Spiel zu setzen?.
Der Züricher Sprachwissenschaftler Andreas Fischer sprach über das Verhältnis der Mediävistik zur historischen Sprachwissenschaft, die er stets eng miteinander verknüpft sehen wollte. Viele Strukturprozesse des Englischen könnten nur vor ihrem sozialen Hintergrund erklärt werden, z.B. der Einfluss des Lateinischen auf das Englische oder Höflichkeitsformen.
Der Blick über die Grenzen des eigenen Faches hinaus wurde besonders spannend durch die Beiträge aus anderen Disziplinen. Möglichkeiten zur Zusammenarbeit wurden von den Bambergern Klaus van Eickels (Mittelalterliche Geschichte) und Bernd Mohnhaupt (Kunstgeschichte) erörtert. Van Eickels nannte eine fundierte philologische Ausbildung das ?Handwerkszeug eines Historikers?. Das richtige Verstehen von Texten und ihre zeitliche Einordnung seien etablierte Bereiche der Philologien, auf die ein Historiker angewiesen sei. Die Erschließung neuer Quellen und Ausweitung der Blickrichtung über den Raum des karolingischen Europas hinaus hin zu einer europäischen Geschichte hielt van Eickels für Interessengebiete, in denen Mittelaltergeschichte und englische Sprachwissenschaft zusammenarbeiten könnten.
Moderne Forschungsmethoden mit historischen Inhalten füllen
Bernd Mohnhaupt sah Kooperationsmöglichkeiten vor allem bei der Beschreibung illustrierter Handschriften und bei der Deutung von Text-Bild-Konstruktionen. Bei der Erschließung von Quellen und bei der Textkritik sei die Kunstgeschichte ohnehin auf die Philologien angewiesen. Aus Bamberg kam auch der Beitrag aus der Didaktik des Englischen. Isolde Schmidt machte die Bedeutung der historischen englischen Sprachwissenschaft und Mediävistik für die Lehrerausbildung und Lehrpraxis deutlich. Sie sah eine historische Komponente des Lehramtsstudiums Englisch für unverzichtbar an, weil ?nur ein umfassend ausgebildeter Lehrer Türen für die Schüler öffnen kann?.
Der Tagungsplan hielt auch für Forschungsmethoden eine eigene Sektion bereit. Alle Referenten sahen eine besondere Aufgabe darin, moderne Forschungsmethoden der Linguistik mit historischen Inhalten zu füllen. Darum ging es im Vortrag von Thomas Honegger (Universität Jena), der den Versuch machte, Dialoge von Shakespeare oder englische ?Dawn Songs? (Tagelieder) mit den Instrumenten der Dialoganalyse zu erklären. Zuvor hatte Ilse Wischer (Universität Potsdam) bereits ihre Ergebnisse bei der Anwendung moderner Tempus- und Aspekttheorien auf die altenglische Sprache vorgestellt. ?Jede moderne sprachwissenschaftliche Methode müsse auf historische Sprachstufen anwendbar sein?, stellte sie fest.
Ihre Mitarbeit an der 3. Auflage des Oxford English Dictionary beschrieb Inge B. Milfull und lieferte damit ein Beispiel für die praktische Anwendung der Forschungsergebnisse. Die Aufnahme von Wörtern aus älteren Ausgaben des Wörterbuchs erfordere fundiertes Wissen über die historische Lexikologie.
Die Teilnehmer der Tagung nahmen die Herausforderung an, sich den neuen Bedingungen für alle geisteswissenschaftlichen Fächer an den Universitäten zu stellen, sei es in Form neuer Studiengänge, neuer Fächerverbindungen oder neuer Fragestellungen. Die Zukunft der historisch ausgerichteten Anglistik, so könnte ein Fazit lauten, ist nicht nur eine Frage des Niveaus. Vielmehr stellt dieses Fach eine unverzichtbare Komponente der englischen Philologie dar.
Zur Internet-Seite der Tagung: www.uni-bamberg.de/split/knappe/Tagung.html
News Sommersemester 2004 vom 09.06.04