Wenn er das ZDF ärgern will, lässt er am Samstagabend gegen Gottschalk ?Pretty Woman? laufen. ARD-Programmdirektor Günter Struve über die Mysterien der Programmplanung und das Phänomen des ?Audience-Flow?.
Auf den ?Audience-Flow? kommt es an. Das erklärte Dr. Günter Struve als erster Redner der Vortragsreihe ?Die Planung von Hörfunk- und Fernsehprogrammen?. Prof. Dr. Thomas Gruber, Intendant des Bayerischen Rundfunks und seit 2003 Honorarprofessor der Universität Bamberg, bringt in diesem Sommersemester hochkarätige Redner aus der Praxis an die Universität, um den Studierenden der Kommunikations- und Geschichtswissenschaften einen Einblick in die Praxis der Medien zu ermöglichen.
Dann stehen die Leitungen nicht mehr still
?Audience-Flow? nennt man im Medienjargon, wenn eine Sendung Zuschauer mit in die nächste Sendung nimmt. Beispiel Sonntagabend, ARD: ?Wir haben überlegt, ob es für den Gesamterfolg des Abends günstiger ist, nach ?Sabine Christiansen? direkt die Tagesthemen zu bringen und erst danach die Kultur-Sendung. Der Audience-Flow ist in dieser Reihenfolge besser?, erläuterte Struve. Das Ergebnis der Programmänderung: ?Die Tagesthemen haben mehr Zuschauer hinzugewonnen als die Kulturmagazine verloren haben.?
Apropos Programmänderungen: Damit müssen die Planer in den Fernsehsendern sehr vorsichtig sein. ?Das Schlimmste, was man dem Zuschauer antun kann, ist, dass nicht das im Fernsehen läuft, was in der Programmzeitschrift angekündigt wurde. In unserer Zuschauerredaktion stehen dann die Leitungen nicht mehr still?, sagte Struve. ?Manche Zuschauer streichen sich die Sendungen, die sie gerne sehen wollen, sogar mit Marker in der Programmzeitschrift an.?
?Pretty Woman? vs. ?Wetten, dass..??
Grundsätzlich wird das Programm der ARD lange im Voraus geplant. Bereits Monate vor der Ausstrahlung steht der Großteil der Sendungen fest. Auch das Programm der Konkurrenz wird dabei beachtet. Ein Faktor, der stets in die Planung einbezogen wird, ist beispielsweise der Sendetermin von ?Wetten, dass???. Für die Samstagabende, an denen der Zuschauer-Magnet im Zweiten ausgestrahlt wird, bleiben der ARD im Wesentlichen zwei Möglichkeiten. ?Entweder wir versuchen, das ZDF zu ärgern, indem wir einen besonders beliebten Spielfilm bringen, oder wir fügen uns in unser Schicksal und senden zu dieser Zeit eine vergleichsweise günstige Produktion?, so Günter Struve.
Für Gottschalks Comeback bei ?Wetten, dass..?? (1994) überlegten sich die ARD-Programmplaner etwas Besonderes. ?Wir haben ?Pretty Woman? gezeigt und hatten die gleichen Einschaltquoten wie das ZDF. Das hat uns sehr gefreut. Leider dauert ?Pretty Woman? jedoch nur 120 Minuten, und wir konnten den Film ja schlecht zweimal abspielen??
?Aus neun mach eins?
In der täglichen Schaltkonferenz der Chefredakteure wird bei der ARD besprochen, welche Themen in den aktuellen Sendungen platziert werden und ob es einen ?Brennpunkt? für ein herausragendes Thema geben muss. Der Vortragstitel des Programmdirektors ?Aus neun mach eins? ist damit erklärt. Bei der Arbeitsgemeinschaft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Deutschland, wofür die Abkürzung ARD steht, müssen die neun Landesrundfunkanstalten unter einen Hut, besser in ein Programm gebracht werden. Und das scheint ? wie Günter Struve mit Witz und Ironie deutlich machte ? schwieriger zu sein, als der Otto Normalzuschauer es sich vorstellt.
News Sommersemester 2004 vom 26.05.04