Internationaler Workshop befasst sich mit Politikerkarrieren

Der Weg an die politische Spitze ist für einige Senkrechtstarter und Quereinsteiger sehr kurz. Andere müssen sich immer noch auf die „Ochsentour“ durch die Parteigremien einlassen (Bild: Photocase)

Analysierten Daten und diskutierten über unser politisches Spitzenpersonal (von links): Andreas Gruber (Universität Bamberg), Katja Fettelschoss (Lüneburg), Pascal Daloz (Bordeaux und Oslo), Lars Vogel (Jena), Gabrilla Illonszki (Budapest), Vello Pettai (Tartu) und Ursula Hoffmann-Lange (Bamberg; Bild: Michael Kerler)
Edmund Stoiber ist „Einserjurist“, Joschka Fischer war zeitweise Taxifahrer – und Gerhard Schröder schlug vor dem Kanzleramt den zweiten Bildungsweg ein. Typische Politikerkarrieren? Ein Workshop der Professur für politische Systeme analysierte am 23. Januar, wer unsere Spitzenpolitiker wirklich sind.
Entsteht in Deutschland, ja in ganz Europa eine neu politische Elite? In der Anfangszeit des Parlamentarismus wechselten Männer, die im Beruf erfolgreich waren, als „zweite Karriere“ für einige Jahre in die Politik. Heute dagegen sind unsere Staatsmänner und -frauen mehr denn je Berufspolitiker, die allein von der Politik leben und diesen Weg bereits nach Abitur und Studium einschlagen. Wie sehr sich „Rekrutierungsmuster und Rollenverständnis politischer Eliten in alten und neuen Demokratien“ geändert haben, zeigte der gleichnamige Workshop, zu dem Professorin Dr. Ursula Hoffmann-Lange, Inhaberin der Professur für politische Systeme, am 23. Januar eingeladen hatte. In der Feldkirchenstraße beschäftigten sich Forscherinnen und Forscher aus Deutschland, Frankreich und Ungarn mit dem Wandel politischer Eliten.
Sie sind dynamisch, erfolgreich und für Politiker außerordentlich jung. „In deutschen Parlamenten sitzt eine neue Generation Nachwuchspolitiker, die nicht den typischen Karrieremustern folgt“, wie Andreas Gruber, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für politische Systeme (Universität Bamberg), in einer großen Studie über das politische Spitzenpersonal der Bundesrepublik herausfand. Beispiele sind Markus Söder, der mit 36 Jahren CSU-Generalsekretär wurde, Hildegard Müller, die die Basis mit 31 Jahren zur Vorsitzenden der Jungen Union wählte oder Cornelia Hirsch, gerade 26 Jahre, die seit 2005 für die Grünen im Bundestag sitzt.
Schneller als der „Normalpolitiker“ schaffen die „Senkrechtstarter“ den Weg an die Spitze: Durchschnittlich zwei Jahre nach ihrem Parteieintritt übernehmen sie ein politisches Amt, bei einem Normalpolitiker dauert das in der Regel sechs Jahre. Mit durchschnittlich 24 Jahren werden die „jungen Wilden“ in den Stadtrat gewählt, mit 27 Jahren werden sie endgültig Berufspolitiker. Ein normaler Politiker kann sich dazu erst mit durchschnittlich 40 Jahren durchringen. „Es gibt also eine junge Generation, die sofort den Weg zum Berufspolitiker einschlägt“, resümiert Gruber. Der Nachteil der jungen Politikprofis ist, dass ihnen andere Berufserfahrung meist vollständig fehlt.
Typisch für deutsche Politiker bei ihrem Weg an die Spitze ist aber immer noch die „Ochsentour“ durch die Partei. Wer es bis zum Bezirks- und Regionalvorsitzenden gebracht hat, kann auf einen Listenplatz zur Landtags- und Bundestagswahl hoffen. Wer ganz an die Spitze will, für den ist ein Sitz im Parlament Voraussetzung. Dies ergab die Forschung von Lars Vogel, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Jena. Nur wenige schaffen als Quereinsteiger aus der freien Wirtschaft den Sprung in das Kabinett. Werner Müller, Wirtschaftsminister der rot-grünen Bundesregierung, war so ein Fall. Allerdings, so schätzt Lars Vogel, steigt der Anteil der Quereinsteiger leicht an.
Seit sich Westeuropa aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs neu formieren musste, hat das politische Personal die Geschicke des Kontinents solide gesteuert. Wie aber sieht es in den jungen Demokratien Osteuropas aus? Gibt es auch dort eine stabile politische Elite? Dr. Gabriella Illonszki, Professorin an der Corvinus-Universität in Budapest, kam hier zu einem paradoxen Forschungsergebnis: Einerseits habe sich die politische Führung in Ungarn konsolidiert, andererseits sei die politische Klasse so tief gespalten, dass die Qualität politischer Entscheidungen leide.
In Ungarn sei nach der Wende eine neue, stabile politische Klasse entstanden, analysierte Illonszki. Ungarische Politikerinnen und Politiker seien heute sehr gebildet; die meisten besitzen einen Universitätsabschluss. Die politische Erfahrung ist in allen Parteien hoch. Bei den letzten Wahlen mussten nur 28 Prozent der Abgeordneten ihr Parlamentsmandat abgeben; bei den zweiten freien Wahlen 1994 waren es noch 64 Prozent. Trotz ähnlicher Lebensläufe seien sich ungarische Politiker aber nicht grün, viele grüßten sich nicht auf den Fluren. „Oft herrscht blanker Hass“, so die Professorin. Die Krawalle in Budapest spiegelten die Spannung im Land wieder. Illonski stellte fest: „Die Ungarn haben eine konsolidierte politische Elite, die Leistung der politischen Klasse ist aber dürftig.“
Ganz anders sieht es im Baltikum aus, wie die Analysen von Katja Fettelschoss (Universität Lüneburg) ergaben: Dort ist die politische Elite sehr dynamisch; viele Minister im Kabinett sind jünger als 45 Jahre. Gleichzeitig zählt zum Beispiel Estland zu den boomenden neuen Beitrittsländern der EU. Die jungen Politikerinnen und Politiker haben viele Weichen richtig gestellt.
Der Bürger hat es immer schon geahnt: Für Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker gelten andere Regeln. Wie anders diese von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent sein können, das zeigte Dr. Jean-Pascal Daloz, Professor der Politikwissenschaft an den Universitäten Bordeaux und Oslo. In Afrika, analysierte Professor Daloz, sei es normal, wenn sich die Führer mit Luxusgütern eindecken, dicke Autos importieren, Paläste bauen und teuer essen, auch wenn der Rest des Landes hungert. „Die Anhänger erwarten, dass ihr Politiker seine Insignien zur Schau stellt. Das zeigt, dass er sich gegen andere Politiker behaupten kann“, erklärte Daloz.
In Skandinavien dagegen wäre dagegen „Angeberei“ das Ende der politischen Karriere. „Wer erfolgreich sein will, muss sich als einfachster der einfachen Bürger darstellen.“ Daloz’ These: Die politische Kultur bestimmt, was von einem Politiker als „angemessenes Verhalten“ erwartet wird. Und genau das variiere von Land zu Land: In einigen Ländern sei es für die Wähler unwichtig, ob ein Politiker seine Ehefrau betrüge; in anderen sei dies ein Rücktrittsgrund.
News Wintersemester 2006/2007 vom 30.01.07