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"Was halten Sie von Thomas Mann?"

Warum der Autor der "Buddenbrooks" noch immer aktuell ist - Antrittsvorlesung von Friedhelm Marx

Von Viktoria Jerke und Lina Muzur

Schon Brecht verglich Thomas Mann mit einer Droschke, sich selbst mit einem Automobil. Gehört der Autor der "Buddenbrooks" wirklich einer vergangenen Zeit an? Wieviel er Gegenwartsautoren zu sagen hat, zeigte der Germanist Friedhelm Marx in seiner Antrittsvorlesung.

Schon Brecht verglich Thomas Mann mit einer Droschke, sich selbst mit einem Automobil. Gehört der Autor der "Buddenbrooks" wirklich einer vergangenen Zeit an? Wieviel er Gegenwartsautoren zu sagen hat, zeigte der Germanist Friedhelm Marx in seiner Antrittsvorlesung.

Thomas Mann zählt bis heute zum kulturellen Gedächtnis der Gegenwart. Viele Leser und Autoren lassen seine Romane jedoch gleichgültig. Ist Brechts Vergleich, wonach der Literaturnobelpreisträger von 1929 nur einer Droschke, er selbst aber einem Automobil ähnele, also zutreffend? Gehört der Autor der "Buddenbrooks" einer vergangenen Epoche an? Und hat die von Marcel Reich-Ranicki 1986 veranstaltete Umfrage unter Gegenwartsautoren "Was halten Sie von Thomas Mann?" mit ihrem negativen Ergebnis noch immer Gültigkeit?

Die Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Friedhelm Marx, die am 2. Dezember im neuen Hörsaal 105/U7 stattfand, machte es sich zur Aufgabe, die verbreitete Thomas-Mann-Skepsis in Frage zu stellen. "Thomas Mann und kein Ende", behauptete der Germanist gleich im Titel seines Vortrags unter Anspielung auf Goethes Shakespeare-Essay. Und verknüpfte im weiteren zwei seiner Arbeitsschwerpunkte, nämlich Thomas Mann mit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Letztere war mit zwei herausragenden Romanen der neunziger Jahre vertreten, Wolfgang Hilbigs "Ich" (1993) und Robert Menasses "Selige Zeiten, brüchige Welt" (1991).

Deutliche Parallelen

Hilbigs DDR-Roman, geschrieben aus der Sicht eines Spitzels, behandelt die Sache der Kunst vor einem politischen Hintergrund. Zugleich fungiere er als "inhaltliche Auseinandersetzung" mit der frühen Thomas Mann-Erzählung "Beim Propheten". Zwischen diesen Werken bestehe, so Marx, eine prägnante Gemeinsamkeit: Beide beschreiben die Trends ihrer jeweiligen Gegenwart, indem sie Lesungen der avantgardistischen Literatur observieren und kommentieren. Trotz des zeitlichen Unterschieds - Manns Erzählung spielt in den Kreisen der Münchener Bohème um 1900, Hilbigs Roman in der Prenzlauer-Berg-Szene der DDR der 1980er Jahre - seien deutliche Parallelen erkennbar zwischen dem Kunst- und Literaturverständnis des jeweils dargestellten Publikums. Und wie bei Thomas Mann sei auch bei Hilbig der Ich-Erzähler reiner Beobachter.

Robert Menasses Roman "Selige Zeiten, brüchige Welt" spielt dagegen in einem Milieu, das von Thomas Manns Erzählwelt, zumindest auf den ersten Blick, weit entfernt liegt, nämlich in Brasilien. Trotzdem greife auch der österreichische Romancier auf gelungene Weise die Spur des großen Epikers auf und provoziere geradezu einen Vergleich mit Manns Roman "Doktor Faustus" - ohne diesen Titel auch nur an einer einzigen Stelle seines Textes zu erwähnen. So hält Menasses Hauptfigur im Laufe einer langen Krankheit seinen wohltätigen Onkel für den Teufel und beginnt mit ihm eine Diskussion über den Künstler und sein Werk. "Die Kunst- und Künstlerreflexion Thomas Manns wurde lange Jahre auf seine bürgerliche Herkunft privatisiert", erklärte Marx. In dem Roman "Selige Zeiten, brüchige Welt", der von der Möglichkeit einer Überbietung der Tradition handele und davon, ob Kunst in einer Zeit, in der alle Mittel schon ausgeschöpft sind, noch möglich sei, werde implizit die Aktualität Thomas Mann deutlich.

"Kapazitätsgewinn"

Der 1963 im westfälischen Greven geborene Friedhelm Marx studierte Germanistik und katholische Theologie in Tübingen und an der University of Virginia. Von 1987 bis 1990 war er Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes in Bonn, wo er 1994 mit einer Arbeit über die Romane von Goethe und Wieland promovierte. Bis 2002 war er Oberassistent am Fachbereich 4 der Bergischen Universität Wuppertal. Zum Wintersemester 2003/04 hat er die Nachfolge von Prof. Dr. Wulf Segebrecht, zunächst vertretungshalber, übernommen.

In seiner Vorstellung des neuen Lehrstuhlinhabers für Neuere deutsche Literaturwissenschaft hob Dekan Prof. Dr. Sebastian Kempgen vor allem die von vielen ehemaligen Studenten bescheinigte pädagogische Eignung von Friedhelm Marx hervor. Auch sein großes Forschungsspektrum, das die Literaturtheorie vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart umfasse, sei bei der Auswahl von Bedeutung gewesen.

Angekündigt wurde Marx von Kempgen als "Kapazitätsgewinn" für die Fakultät SpLit. Es war die erste offizielle Veranstaltung in einem Raum, den es noch einzuweihen gelte, so Kempgen. Früher wurde in ihm still nachgelesen, heute wird darin laut vorgelesen, so dass er ebenso "Alter Lesesaal" wie "Neuer Hörsaal" genannt werden könnte.

News Wintersemester 2004/2005 vom 13.12.04