Interview mit Rita Süssmuth über Erwachsenenbildung und Bildungspolitik

Fünfzehn Bildungsexpertinnen und Bildungsexperten kurz vor ihrer Aufnahme in die Ruhmeshalle der Erwachsenenbildung
Zwei Andragogiktagungen der Universität Bamberg fanden am 27. Oktober ihren Höhepunkt in der Aufnahmezeremonie der „International Adult and Continuing Education Hall of Fame“. Anlässlich ihrer Aufnahme in diese Ruhmeshalle sprach Rita Süssmuth über lebenslanges Lernen und aktuelle Probleme der Bildungspolitik.
In einer festlichen Zeremonie wurden am Mittwochabend in der AULA der Universität 15 Bildungsexperten aus verschiedenen Ländern in die „International Adult und Continuing Education Hall of Fame“ aufgenommen. „Es ist eine große Ehre, dass die Aufnahmezeremonie für das Jahr 2006 in Bamberg und somit erstmalig außerhalb der USA stattfindet“, so Gastgeber Prof. Dr. Jost Reischmann, Lehrstuhlinhaber für Andragogik und ebenfalls Mitglied der Ruhmeshalle.
Die beiden Konferenzen, an der rund 100 Gäste aus drei Kontinenten und mehr als 24 Ländern teilnahmen, beschäftigen sich mit der Entwicklung der Erwachsenenbildung in verschiedenen Ländern und der Ausbildung der Weiterbildnerinnen und Weiterbildner in Geschichte und Gegenwart. Neben Prof. Dr. Tom Schuller, Leiter des Zentrums für Bildungsforschung und Innovation (CERI) der OECD (Paris) und 13 weiteren Bildungsspezialisten, wurde auch die Bundestagspräsidentin a. D. und Direktorin des Deutschen Volkshochschulverbands, Prof. Dr. Rita Süssmuth, durch die Aufnahme in die Ruhmeshalle ausgezeichnet.
(lacht) Nein. Es ist eine Auszeichnung der Erwachsenenbildung, mit der diejenigen geehrt werden, die sich in Forschung und Praxis im Bereich Erwachsenenbildung verdient gemacht haben. Erwachsenenbildung ist gerade heute wichtig, da wir in einer Zeit leben, in der lebenslanges Lernen kein Luxus, sondern eine Überlebensfrage ist – sowohl für die Jüngeren als auch für die Älteren. Gerade die älteren Generationen sind ja heute darauf angewiesen, mit den technischen Neuerungen der Jetzt-Zeit zurechtzukommen – nicht nur zur Erhaltung ihrer Erwerbsfähigkeit, sondern zur Erhaltung ihrer Selbstständigkeit.
Unter anderem. Aber Sie brauchen gar nicht so weit zu greifen. Denken Sie nur allein an all die Kompetenzen, derer es bedarf, damit ein Mensch selbstständig leben kann. Das beginnt beim Fahrkartenkaufen und hört beim Online-Banking auf. Gerade für ältere Menschen ist vieles neu. Hier ist die Erwachsenenbildung gefragt.
Diese Auffassung ist heute überholt. Es kommt vielmehr auf die Methode und die Herangehensweise an, wie man Wissen vermittelt und auf die Beachtung der Altersgruppe, des Bildungsabschnitts, kurz: die Zugangsvoraussetzungen, die ein Mensch mit sich bringt. Zunächst braucht der Mensch die Erfahrung: Ich kann etwas, ich bin in irgendetwas besonders gut. Das motiviert zum Weiterlernen. Neben der Theorie ist daher vor allem die Praxis wichtig. Ich sage den Unternehmen immer wieder: Nehmt die Leute in eure Betriebe, verschafft ihnen Erfolgserlebnisse. Das Motto „Fördern durch Fordern“ macht nur so Sinn. Oftmals bedarf es der zweiten und dritten Chance.
Der Förderungsschwerpunkt liegt eindeutig auf berufsbezogenen Angeboten. Dies spiegelt aber durchaus nicht die Wünsche der Teilnehmenden wieder. Hier werden vor allem die Bereiche Alltagshilfe, Bewegung, Kunst und Spiritualität gefordert. Ich bedauere sehr, dass nicht genug erkannt wird, inwieweit Kultur die Quelle ist, um andere Sachbereiche zu erschließen.
Die Regulierung muss immer der letzte Schritt sein. Davor muss zunächst die Mobilisierung stehen. Wir brauchen aber Engagement und Verantwortung von beiden Seiten, Gesellschaft und Staat. Nur wenn beide Seiten sich einsetzen, kann das Ziel, ausreichend Ausbildungsplätze zu schaffen, näher rücken.
Ich schlage das dänische Programm vor. Dort fand eine richtige Offensive statt, um die Aus- und Weiterbildung trotz Kind zu ermöglichen. Das Modell Dänemark verbindet finanzielle Förderung mit einem umfassenden Betreuungsangebot für die Kinder.
Auch für mich heißt es ständig weiterlernen. Mein Englisch muss ich sicherlich noch verbessern. Auch meine EDV-Kenntnisse muss ich erweitern. In der Theorie lerne ich ständig dazu, in vielen praktischen Bereichen gibt es sicherlich noch etwas zu lernen. Ich kann zum Beispiel nur ein Buch schreiben, wenn ich es handschriftlich zu Papier bringe.
(Das Interview wurde mit freundlicher Genehmigung des Fränkischen Tags veröffentlicht.)
News Wintersemester 2006/2007 vom 04.10.06