Dr. Nina Baur erhält den Kulturpreis Bayern
Der Kulturpreis Bayern wurde von der E.ON Bayern AG zusammen mit dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst ins Leben gerufen und erstmals im Oktober 2005 für herausragende Leistungen in Kunst und Wissenschaft verliehen. Ausgezeichnet werden Künstler in Bayern für ihr bedeutendes künstlerisches Wirken sowie die besten Absolventen und Doktoranden an bayerischen Hochschulen.
Das Preisgeld von insgesamt 154.000 Euro teilen sich jetzt 33 Preisträger in fünf Kategorien: „Universitäten“, „Künstler“, „Staatliche Kunsthochschulen“, „Staatliche Fachhochschulen“ und „Sonderpreisträger“, wobei die besten bayerischen Doktoranden jeweils 5.000 Euro erhalten.
Durch den Kulturpreis Bayern soll ein Impuls zum Erhalt der kulturellen Vielfalt geleistet werden und zugleich eine Bühne für Kunst und Wissenschaft in der Region Bayern entstehen.
Eine Preisträgerin in der Kategorie „Universitäten“ ist Dr. Nina Baur mit ihrer an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg vorgelegten Dissertation „Verlaufsmusteranalyse. Methodologische Konsequenzen der Zeitlichkeit sozialen Handelns“. Baur absolvierte von 1993-1999 ihr Soziologiestudium in Bamberg, Hamburg und Lancaster (Großbritannien) und war Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes. In ihrer mittlerweile im VS-Verlag für Sozialwissenschaften erschienenen Dissertation geht sie der Frage nach, welche Forschungsmethoden die Soziologie benötigt, um Regelmäßigkeiten sozialen Handelns und deren Wandel empirisch adäquat erfassen zu können. Sie argumentiert, dass theoretische Erkenntnisse der Soziologie und der Geschichtswissenschaft zusammengeführt werden müssen, um Verlaufsmuster sozialen Handelns adäquat erfassen zu können. Sie fordert unter anderem, dass Zeit neben Raum eine zentrale Kategorie der Soziologie ist, und kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass die methodologischen Ähnlichkeiten zwischen Geschichtswissenschaft und Soziologie größer sind als die Unterschiede.
Aus diesem Grund plädiert sie für die Zusammenführung beider Disziplinen, was insbesondere beinhaltet, dass Soziologie wieder verstärkt historische Soziologie werden soll. Was dies konkret bedeuten kann, beschreibt sie folgendermaßen: „In der Soziologie sollte man nicht mehr wie bisher nur das aktuelle Jahr und/oder die vergangenen zwanzig bis dreißig Jahre in die Forschung einbeziehen, sondern mehrere hundert Jahre zurück forschen und diese Erkenntnisse berücksichtigen.“ Diese Vorgehensweise sei sehr aufschlussreich, um heutiges soziales Handeln zu verstehen, denn es gebe Phänomene, die für uns heute selbstverständlich seien und von denen wir annehmen, dass diese schon immer so gewesen wären. Doch sei aber zum Beispiel die Mutterliebe ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts oder der Familiensinn nicht seit jeher vorhanden gewesen, sondern eben Produkte einer sich wandelnden Gesellschaft, so Baur. „Natürlich sind in Bezug auf geschichtliche Aussagen und Dokumente unterschiedliche Interpretationen möglich, doch ich würde das Verhältnis von Soziologie und den Geschichtswissenschaften als gegenseitiges Lernen und Inspirieren sehen“, betont Baur.
Die Verleihung des Kulturpreis Bayern für ihre Dissertation kam für sie sehr überraschend, erzählt Baur, sie selbst habe es als Letzte erfahren, viele aus ihrem Fachbereich hätten es schon vor ihr gewusst. In der Begründung für die Preisvergabe heißt es übrigens, sie habe sich „als exzellente akademische Nachwuchskraft ausgewiesen, die das Fach substanziell weiterbringen kann“.
Baur, die seit Juli 2005 als Wissenschaftliche Assistentin an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt am Lehrstuhl für Soziologie II bei Prof. Dr. Siegfried Lamnek arbeitet, beschäftigt sich derzeit unter anderem mit dem Bild des Mannes in der Gesellschaft, ist Mitherausgeberin eines soeben erschienen Buches über Gewalt an bayerischen Schulen und erhebt die Einstellungen der Deutschen zum Sozialstaat und zur Arbeitslosigkeit. Ihre Forschungsschwerpunkte sind hierbei quantitative, qualitative und historische Methoden, Wirtschaftssoziologie und abweichendes Verhalten.
Auf die Frage, was sie beruflich noch erreichen möchte, antwortet Baur: „Ich möchte Professorin werden. Mir gefällt die deutsche Mischung von Forschung und Lehre an den Universitäten.“ Und den jetzigen Studierenden der Soziologie spricht sie Mut zu: „Die Soziologie ist eine wichtige Disziplin. Lasst euch nicht von der gegenwärtigen Arbeitsmarktlage abschrecken!“
News Wintersemester 2005/2006 vom 16.12.05