Universität Bamberg - Logo
RSS-Feed

Wanderer, kommst Du nach Bamberg ...

Letzten Sommer schnürte er in der Schweiz seine Wanderstiefel und marschierte über 700 Kilometer, um ein Jahr lang in Bamberg zu studieren: der Zeichenlehrer und Künstler Hubert Girardin.

Von Annika Bunse

Schon von weitem erkenne ich ihn. Ein kleiner Wanderrucksack, Allwetterjacke und robustes Schuhwerk. Das muss Hubert Girardin sein ? der Zeichenlehrer, der 700 Kilometer wanderte, um an der Bamberger Uni studieren zu können. Ich nähere mich ihm mit einer gewissen Ehrfurcht. Ein breites Lächeln zieht sich über sein Gesicht, als ich ihn begrüße.

 

Hubert Girardin streicht sich eine schwarzgrau-melierte Strähne aus dem Gesicht und rührt in seinem Milchkaffee. Seine ?Gratwanderung?, wie er sie nennt, von La Chaux, einem 90-Seelen Dorf im französischsprachigen Kanton Jura, bis nach Bamberg liegt schon einige Monate zurück. Der 56-jährige Zeichenlehrer genießt seit August 2003 sein Sabbatjahr. In einigen Schweizer Kantonen können Lehrer ein solches Freijahr beantragen und sechs Monate bezahlten Urlaub nehmen; das zweite Semester ist unbezahlt. Girardin hat immer versucht, aus dieser Möglichkeit das Beste zu machen. Da er gerne Eindrücke von anderen Ländern gewinnt, verbrachte er sein letztes "Sabbatical" mit seiner Familie in Polen. Diesmal sollte es Deutschland sein. Girardin war schon vor 15 Jahren einmal in Bamberg: ?Die Stadt hat mich schon damals mit ihrer Kultur und Architektur fasziniert. Sie ist nicht zu groß, was wichtig für meine Kinder ist. Aber ausschlaggebend war, dass mein Traum-Fächerpaket Kunstgeschichte, Kunstpädagogik und Denkmalpflege von der Uni angeboten wird. Da dachte ich: Auf nach Bamberg.?

 

Wenn ich an meine eigene Anreise zum Studienort denke, habe ich nur das Bild von einem vollgestopften Kleinwagen mit lauter Rock-Musik im Kopf. Möglichst schnell sollte es gehen. Auf der Autobahn habe ich ordentlich aufs Gas getreten, die Landschaft rauschte nur so an mir vorbei.

 

Ganz anders Hubert Girardins lebhafte Schilderung: ?Ich wählte bewusst den Fußweg, weil ich einerseits gerne wandere, andererseits die ganzen Natur-Impressionen, die so ein Weg mit sich bringt, festhalten wollte.? Er zieht ein schwarzes Lederbuch aus der Tasche, lässt es aber noch geschlossen. ?Außerdem wollte ich dass, was mein Urururgroßonkel geschafft hat, wiederholen. Er lief 1811 von Solothurn bis Berlin, um dort mit Schopenhauer bei Fichte zu studieren. Ich las seine Briefe und war begeistert.? Die Reiselust scheint also in der Familie zu liegen.

 

Meine Neugierde wird befriedigt: Girardin schlägt endlich das schwarze Buch auf. Ich als Kunstlaie erkenne nur, dass die Bilder im skizzenhaften Stil und mit weichem Bleistift gezeichnet sind. Sie erinnern mich an Heinrich Bölls ?Ansichten eines Clowns?: Ich bin ein Clown und sammele Augenblicke. Girardin ist kein Clown, aber die schönen Augenblicke seiner Reise hat er für immer aufs Papier gebannt.

 

 

Die fabelhafte Reise des Hubert Girardin

?Das ist mein Reisetagebuch?, erklärt er mir und blättert zum Anfang des Buches. Ich packe dabei schnell in Gedanken meinen imaginären Rucksack, dann nimmt mich Girardin schon mit auf seine Wanderung: ?Am 8.August lief ich von La Chaux los, die erste Stunde begleiteten mich noch meine beiden Enkelinnen, aber schon bald musste ich eine von ihnen tragen. Ich ging in ganz gerader Linie auf Basel zu?, erzählt Girardin und lächelt verschmitzt. ?In der Stadt angekommen, hatte ich eine gute Idee, um die Hitze zu bekämpfen. Anstatt die Fähre zu nehmen, durchschwamm ich den Rhein.? Am anderen Ufer wartete ein Freund, der ihn bei der Etappe durch den Schwarzwald begleitete. Aber Hubert Girardin bezwingt nicht nur Flüsse, auch vor Bergen macht er nicht halt. ?Ich kletterte auf den Blauen, einen Berg mit wunderschönen Ausblick. Dann auf den Belchen, eine grasgrüne Kuppe, und auf den Feldberg, den höchsten Gipfel der Reise.? Den Ausblick genieße ich beim Anblick der Bilder auch, leider nur in Weiß-Grau. Girardin blättert um, und ich sehe eine Quelle. ?Das ist der Donau-Ursprung, die Breg-Quelle. Das war meine nächste Station. Unglaublich, dass aus so einem Flüsschen der große Strom wird, nicht?? Ich nicke.

 

Girardins Art zu erzählen nimmt mich gefangen. Vielleicht liegt es an seinem sympathischen Schweizer Akzent. Oder daran, dass mir seine Wanderung so abenteuerlich erscheint.

 

Am Donau-Ursprung war Girardins Weg noch lange nicht zu Ende. Von der Breg-Quelle wanderte er über Sankt Georgen bis Tübingen und blieb einen Tag in der Studentenstadt, um das Kloster Bebenhausen zu besuchen. ?Auf meiner weiteren Route ließ ich Stuttgart bewusst aus. Ich wollte nicht in die große Stadt. Stattdessen ging ich über Dettenhausen an der Aich entlang und steuerte direkt in Richtung Esslingen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die bereits über die Hälfte der Wanderung hinter mir?, beschreibt er seinen weiteren Weg. Dort fing der Wanderer wieder einen dieser besonderen Augenblicke ein: ?Ich kletterte auf einen Weinberg, und dort sah ich zwei wunderliche Türme. Sie waren durch eine Brücke verbunden.? Seine Augen blitzen auf. ?Mir fiel sofort eine Geschichte für meine Enkelinnen ein: Der Turmwart liebt die schöne Turmwartin gegenüber. Aber sie können nicht zueinander, denn ein großer Abgrund trennt sie. Deshalb baute er diese Brücke, um zu seiner Liebsten zu kommen.?

 

Er ist eben durch und durch ein Künstler. So eine romantische Geschichte wäre mir niemals bei der Betrachtung zweier Brücken eingefallen. Ich hätte eher gefragt, wann und wie sie erbaut worden sind. Aus dem Blickwinkel Girardins ist die Welt einfach ein wenig intensiver.

 

So auch seine Erlebnisse auf dem Limesweg, den er direkt nach Esslingen anstrebte. ?Diese alten Mauerreste und Anlagen, in ihnen lebt noch eine andere Zeit.?, schwelgt Girardin. Er zog anschließend durch den schwäbisch-fränkischen Naturpark, rastete in Schwäbisch-Hall und kam dann zur Hohenlohe-Ebene. ?Es war alles so flach, die Erde war sandig und braun. Hinter den Traktoren tanzte der aufgewirbelte Sand in Säulenform. So trocken war alles.? Diesen Augenblick hätte ich auch gerne miterlebt, denn Girardin lässt seine Hand wild kreisen, wie ein Wirbelsturm. ?Rothenburg ob der Tauber war meine nächste Station, ich übernachtete dort und ging weiter Richtung Windsheimer Bucht. Von da aus konnte ich zum ersten Mal die Altenburg sehen. Auf einmal war Bamberg so nah. Ab dann verlangsamte ich mein Tempo. Ich wollte ganz langsam in Bamberg ankommen.?

 

So kurz vor dem Ziel hatte er sich wohl schon zu sehr an das Leben unterwegs gewöhnt - und ich mich an seine Stimme. Ich möchte meinen Rucksack nicht wieder auspacken.

 

Aber das muss ich wohl, denn Hubert Girardin berichtet mir von seiner Ankunft: ?Ich stand oben auf der Altenburg und blickte über Bamberg. Um dieser Stelle zu gedenken, habe ich später eine Bank gestiftet. Genau in dem Augenblick, als ich das Haus, in dem ich hier wohne, sah, kam auch meine Familie an.? Hubert Girardin ist noch bis Ende Juli hier. ?Mir gefällt es an der Uni, ich wurde sehr gut aufgenommen, obwohl ich schon ein besonderer Student bin?, sagt er schmunzelnd. ?Ich spiele im Universitätsorchester Kontrabass und gehe sehr gerne in die Bibliotheken. Auch der Masterstudiengang ist ausgezeichnet aufgebaut, ich hätte gern noch länger studiert?, lobt er und rührt wieder in der Tasse. Aber sein Beruf als Lehrer ruft ihn Ende Juli nach La Chaux zurück. Doch zur Masterfeier im Januar wird er auf jeden Fall zurück nach Bamberg kommen, das hat Girardin seinen Kommilitonen versprochen.

 

Mittlerweile weiß ich, dass dieses breite Lächeln charakteristisch für den Schweizer ist. Zum Abschied bekomme ich es noch einmal zu sehen. Die Ehrfucht bleibt. Nein, sie ist noch größer geworden. Die robusten Lederschuhe werden Hubert Girardin bestimmt noch auf vielen Wegen begleiten.

 

News Sommersemester 2004 vom 14.04.04