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Wahlrecht für Kinder?

Ex-Ministerin Renate Schmidt besucht Globalisierungstagung an der Universität Bamberg

Von Ulrike Seitz

Die Auswirkungen der Globalisierung auf einzelne Lebensverläufe - das Thema der internationalen Bamberger Studie "Globalife" (Bild: Photocase)

Renate Schmidt bei ihrem engagierten Vortrag (Bilder: Ulrike Seitz)

Der Projektleiter der Studie: Hans-Peter Blossfeld

Karriereknick und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes – die Globalisierung wirkt sich unterschiedlich auf verschiedene Bevölkerungsgruppen aus. Im Rahmen einer öffentlichen Konferenz stellte Soziologie-Professor Hans-Peter Blossfeld ausgewählte Ergebnisse seiner „Globalife“-Studie vor.

Die Globalisierung hat Gewinner und Verlierer – aber auf welcher Seite stehen die Menschen in Deutschland? Sind alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen betroffen? Um solche Fragen zu beantworten, führte Prof. Dr. Hans-Peter Blossfeld vom Lehrstuhl für Soziologie I zwischen 1999 und 2005 eine international vergleichende Studie mit dem Titel „Globalife – Lebensverläufe im Globalisierungsprozess“ durch. 

Im Rahmen einer öffentlichen Konferenz wurden am 6. und 7. Juli ausgewählte Ergebnisse sowie mögliche Schlussfolgerungen im Bezug auf Deutschland präsentiert. Um diese zu diskutieren, fanden sich in der AULA der Otto-Friedrich-Universität Bamberg auch Expertinnen und Experten aus Politik und Wirtschaft sowie Vertreterinnen und Vertreter von gesellschaftlichen Interessensverbänden ein. Der bekannteste Gast war dabei Renate Schmidt, die ehemalige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Junge Menschen und Berufseinsteiger verlieren

Die Tagung begann mit einem Vortrag von Dr. Karin Kurz, die ausgewählte Ergebnisse der ersten Projektphase „Veränderungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Globalisierungsprozess“ darstellte. Insbesondere wies sie auf die großen Schwierigkeiten hin, mit denen ein Berufseinstieg heutzutage verbunden ist. Wichtige persönliche Entscheidungen wie die Gründung einer eigenen Familie werden deshalb vor allem von Höhergebildeten zunehmend aufgeschoben. Da es vor allem in Deutschland sehr schwierig ist, Familie und Beruf miteinander zu vereinen, verzichten immer mehr Frauen zudem ganz auf Kinder. Als Folge hat Deutschland inzwischen eine sehr niedrige Geburtenrate und beobachtet eine Überalterung der Gesellschaft.

Zu diesem Projektteil sprach die ehemalige Ministerin Renate Schmidt und stürzte sich engagiert und kampfeslustig in die Diskussion. Sie beklagte, dass hierzulande den Interessen der jungen Menschen zu wenig Beachtung entgegengebracht werde, da die Über-60-Jährigen die deutliche Mehrheit in der Gesellschaft darstellten und Deutschland „mittlerweile ein kinderentwöhntes Land“ sei. Um diesen Missstand aufzuheben, bedürfe es eines Mentalitätswandels. Besonderes Aufsehen erregte ihr Vorschlag, ein „Wahlrecht von Geburt an“ einzuführen. Auf diese Weise würden die Interessen der heranwachsenden Generationen wieder berücksichtigt.

Karrieremänner gewinnen, ihre Frauen nur bedingt – und ältere Menschen gar nicht

Hans-Peter Blossfeld selbst referierte über die zweite Phase des Projekts, den „Wandel der Berufsverläufe von Männern im Globalisierungsprozess“. In Deutschland werden immer noch das Modell des „männlichen Ernährers“ sowie Standardkarrieren gestützt. Dementsprechend würden vor allem reifere Männer in sicheren Beschäftigungsverhältnissen in Deutschland die Früchte der Globalisierung ernten.

Am zweiten Tag begann die stellvertretende Projektleiterin Dr. Heather Hofmeister mit einer Darstellung von „Frauen zwischen Beruf und Familie im Globalisierungsprozess“. Zwar könnten diese durch neue Arbeitszeitmodelle und geringfügige Beschäftigung mittlerweile leichter einen Einstieg in den Arbeitsmarkt finden und Berufstätigkeit und Familie in Einklang bringen. Ihr Einkommen werde jedoch marginalisiert. In Deutschland herrschten immer noch sehr traditionelle Rollenvorstellungen. „Das deutsche Modell kanalisiert die Risiken [der Erwerbstätigkeit] auf Frauen“, erklärte Heather Hofmeister. Sie sieht aber Hoffnung für Deutschland: zwar seien die herkömmlichen „Frauen- und Männerrollen stark, aber sie können wechseln, weil sie sozial konstruierte Rollen sind“.
Die letzte Phase des Projekts, die „Veränderung später Berufsverläufe und der Übergang in den Ruhestand im Globalisierungsprozess“ wurde vom Diplom-Soziologen Dirk Hofäcker nachgezeichnet. In einem „Insider/ Outsider- Arbeitsmarkt“ wie in Deutschland hätten vor allem ältere Arbeitnehmer kaum eine Chance auf einen Wiedereinstieg. Die Globalisierung verschärfe dieses Problem noch.

So schlüssig und stichhaltig die Ergebnisse der „Globalife“-Studie auch sind – eine solche Forschung macht nur dann Sinn, wenn diese praktisch angewandt werden und so zu einer Verbesserung des Ist-Zustandes führen können. Eine Konferenz dieser Art, auf der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Ergebnisse präsentieren und mit Vertretern aus der Praxis zusammentreffen, leistet dazu einen wichtigen Beitrag.

News Sommersemester 2006 vom 13.07.06