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Von Kult bis Koma: Alkoholkonsum heute

Experten referieren über die Entwicklung vom Nationalgetränk zum „Flatrate-Saufen“

Von Christin Apel

„Alkohol ist das Drahtseil, auf dem du stehst“ sang einst schon Grönemeyer, die Experten konnten dies in ihren Kurzreferaten im Rahmen der „Suchtwoche 2007“ nur bestätigen (Bilder: Christin Apel)

Nach dem Vortrag über den Gerstensaft: Kiba statt Bier! Günter Dippold zeigt sich variabel

Sie raten zu einem Selbstmanagement bei Alkoholsucht: Markus Gmelch (rechts) und Hans Press

Die Zuhörerinnen und Zuhörer informieren sich über die Suchtkrankheit Nr. 1 in Deutschland... und konnten danach bei alkoholfreien Cocktails entspannen

Was einst als gesellschaftlicher Brauch galt, ist heute oft nur noch Mittel, um sich in ein rauschähnlichen Zustand zu versetzen: Alkohol! Im Rahmen der „Suchtwoche 2007“ organisierte die Universität Bamberg am 18. Juni einen Vortragsabend im Marcus-Haus, an dem verschiedene Experten über den Nutzen und Schaden des beliebten Genussmittels referierten.

42.000 Menschen sterben pro Jahr an den Folgen des Alkoholkonsums. 22.000 Verkehrsunfälle geschehen jährlich durch Alkoholeinfluss. In Deutschland wird zu viel Alkohol getrunken, soviel ist sicher. Jeder Erwachsene trinkt im Durchschnitt mehr als vier Gläser pro Tag. Ziel der deutschlandweiten „Suchtwoche 2007“ war es, das Bewusstsein von Jugendlichen und Studierenden im Hinblick auf die Problematik von Alkoholexzessen zu vergrößern und für einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol zu plädieren.

Der Nektar Bayerns

Beliebt seit der frühen Neuzeit: „Bayerisches Bier als Grundlage für Gesundheit und sympathischen Charakter“. Der Honorarprofessor für Europäische Ethnologie Dr. Günter Dippold entführte das Publikum anhand zahlreicher historischer Quellen in die Geschichte der Bier- und Trinkkultur. „Es galt als kräftigend und nahrhaft, vor allem für stillende Mütter und hart Arbeitende, und das über Jahrzehnte hinweg“, so Dippold. Über 50 Brauhäuser gab es alleine in Bamberg, und man ist stolz auf die kleine Stadt des Bieres im schönen Oberfranken. Doch das war nicht immer so: Das positive Image des guten Gerstensaftes erlangte in der Zeit der Aufklärung einige Risse. Die Massengetränke Branntwein und Kaffee verdrängten den „Trank der Unterschicht“ und sorgten für einen deutschlandweiten Verfall der Braukultur. Zu dieser Zeit galt Bier als betäubend und lähmend und „entsprach nach der Vier-Säfte-Lehre dem Schleim, der das Phlegma fördere“, so Dippold. Als im frühen 20. Jahrhundert im Zuge der Lebensreformbewegung die Zahl der Alkoholgegner stieg, wurde erneut der hochgeschätzte Wert der „bierigen“ Gemütlichkeit getrübt. Dennoch hat das Kulturgut Bier seine Wirkung als gesellschaftliches Phänomen über die Jahre hinweg nicht verloren.

„In Vino Veritas“

Auch der edle Saft der Reben ist seit den alten Griechen ein fester gesellschaftlicher Bestandteil. Die besondere Wirkung des Weines erkannten schon die großen Dichter und Denker. „Wein ist flüssiges Licht“, so Galileo Galilei. Auch der Physiker und Philosoph Lichtenberg war der Ansicht, einer neuen Idee bekäme es gut, sie im Lichte einer Flasche Wein zu betrachten. Mit diesen Zitaten eröffnete Prof. Dr. Helmut Pape vom Lehrstuhl für Philosophie seinen Vortrag über die Kultivierung, Mäßigung und die Sensibilisierung des Weingenusses. Im Jahre 2003 gründete Pape hier in Bamberg den Weinvertrieb „Vinosophia“, der vor allem gute Tropfen aus Südfrankreich verkauft. Doch übermäßiger Weingenuss hemmt die Konzentration und das logische Folgern. Alles in Maßen heißt hier die Devise, obwohl „der Wein des Philosophen“ als besonders verträglich und bekömmlich gilt.

Betrunken hinterm Steuer

Der Kater am nächsten Tag ist, wie wir alle wissen, nicht das schlimmste Risiko, dem wir uns bei enormem Alkoholkonsum aussetzen. Verkehrspsychologe Martin Berger widmete sich der Frage, warum es nach wie vor so viele alkoholisierte Autofahrer im Straßenverkehr gibt. Auch wenn die Unfallzahlen in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen sind, sitzt jeder zwanzigste betrunken hinterm Steuer. Personen mit über 1,6 Promille oder Wiederholungstäter – das ist das Klientel von Martin Berger. „Bei meiner Größe wären das ungefähr acht halbe Bier in vier Stunden“, verdeutlichte der Referent. Der Übergang von der Verkehrpsychologie in die Suchttherapie sei sehr gering. „Wo hört Missbrauch auf und wo fängt Abhängigkeit an?“ Bei regelmäßigem Alkoholkonsum steigt das Verlangen nach Alkohol in Verbindung mit der angenehmen Wirkung. Doch auf Dauer gewöhnt sich der Körper an diesen Rauschzustand und verträgt und vor allem braucht immer größere Mengen, um dieselbe Wirkung zu erzielen.

Die Diplompsychologen Markus Gmelch und Hans Press vom Lehrstuhl für Klinische Psychologie beleuchteten das Problem anhand therapeutischer Herangehensweisen und gaben dem Publikum einen kurzen Einblick in das Selbstmanagement im Allgemeinen und im Speziellen bei der Alkoholsucht. Selbstmanagement ist ein wichtiges Modell der gegenwärtigen Psychotherapie und bedeutet, „sein eigenes Verhalten ohne externe Hilfe beeinflussen zu können“, so Press. Wichtig sei zunächst eine Analyse des Problems: Warum trinke ich überhaupt? Und was würde mir fehlen, wenn ich es nicht täte? Den Griff zur Flasche – bestimmte situative Auslöser wie Stress, Frust und Ärger können dies verstärken. „Der Patient muss sich den Konsequenzen bewusst werden und ein positives zukünftiges Ziel mit positiven Effekten verbinden “, so Gmelch.  

„Flatrate-Partys“ mit Tequila und Co.

Zum Schluss nahm Dr. Jörg Wolstein, Professor für Pathopsychologie in Bamberg, noch einmal Bezug zu dem tragischen Todesfall eines Jugendlichen im Frühjahr als Folge eines Alkoholrausches. Rauschtrinken oder Binge-Drinking, wie es in England genannt wird, gab es bereits vor langer Zeit. Was früher Bier und Wein war, ist heute Tequila. Der Agavelikör mit einem Alkoholgehalt von bis zu 55 Prozent hat mittlerweile ähnlichen Kultstatus erreicht wie Wodka und wurde schnell zum Massengetränk auf den so genannten „Flatrate-Partys“. „Saufen so viel man will“ – damit werben die Discobetreiber und sind sich über die möglichen Gefahren ihrer Veranstaltungen, die sich Trunkenheit bewusst zum Ziel machen, kaum bewusst. „Mehr als fünf Getränke bei einer Gelegenheit wird bereits als Rauschtrinken definiert“, so Wolstein. Das Problem läge hierbei jedoch in der Definition der Altersgruppen. Das Risiko eines Vollrausches oder gar einer Alkoholvergiftung ist bei Jugendlichen weitaus größer als bei Erwachsenen. „Preise erhöhen und Alkoholwerbungen abschaffen – das wären mögliche Ansätze der Verhältnisprävention“, erklärte Wolstein. Auch die Verstärkung der Alterskontrolle könnte solche Vorfälle verhindern. Denn nirgendwo sonst in Europa ist es so leicht für Jugendliche, an Alkohol zu kommen wie in Deutschland. Glücklicherweise gibt es bereits einige Kampagnen, die sich intensiv mit diesem Thema beschäftigen: Unter dem Motto „Saufen will gelernt sein“ lernen junge Leuten etwa das kontrollierte Trinken.

Als krönenden Abschluss konnten die Studierenden dies gleich im Selbstversuch testen und eine kleine Auswahl an tropischen Cocktails, gespendet von Universitätskanzlerin Martina Petermann, verköstigen: natürlich alle alkoholfrei.

News Sommersemester 2007 vom 22.06.07