Sein neuer Roman handelt von einer Suche nach einem seltenen osteuropäischen Gebäck und findet eine Welt voller Dornenkronen, Schamtücher und Nägelformen. Jetzt las der Romancier und Germanist Christof Hamann in Bamberg.
Romane schreibende Germanisten ? eine Vorstellung, die viele Leser eher abschreckt. Oft genug steht das Wissen um Motive und Traditionen der Produktion origineller Texte im Weg. Umso bemerkenswerter die Fälle, in denen Literatur und Literaturwissenschaft eine glückliche Verbindung eingehen. Oder sich zumindest nicht behindern. Wie bei Christof Hamann, der auf Einladung von Prof. Friedhelm Marx am 14. Mai im Rahmen der Reihe ?Literatur in der Universität? las. Dass bei diesem Autor trotz des literarischen Erfolgs keine Feindschaft zwischen Literaturwissenschaft und literarischem Schreiben zu spüren sei, fand der Bamberger Lehrstuhlinhaber für Neuere deutsche Literaturwissenschaft besonders bemerkenswert. Und erinnerte daran, dass Hamanns 2001 erschienenes Debüt ?Seegfrörne? von der Kritik als ?kunstreich konstruiertes Prosastück? gefeiert wurde. In Bamberg las Hamann, der 1966 in Ludwigshafen geboren wurde und heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an der Universität Dortmund tätig ist, aus seinem Erstling sowie aus seinem neuen Roman ?Fester? (2003).
Suche nach dem Unauffindbaren
Hamanns Romane leben von der Beschreibung des Menschen und der Gesellschaft, in der sie leben. In ?Seegfrörne? ist es die akribische Suche nach einem Verschollenen, die dem zugereisten Chronisten Höfe einen Einblick in die Dorfgemeinschaft und ihre Eigenheiten verschafft. Schon der Titel verweist auf den zentralen Aspekt der Geschichte, denn Seegfrörne bedeutet nichts anderes als eine vollkommene Vereisung des Bodensees, ein seltenes und faszinierendes Naturschauspiel. Selbst erlebt habe er es noch nicht, erklärte Hamann, doch habe er darüber zumindest einmal schreiben wollen.
Auch in seinem neuen Roman ?Fester? steht die Suche nach etwas Unauffindbarem im Mittelpunkt. Der Titelheld Sebastian Fester reist im Auftrag seiner Firma in die Tatra, um ein für Osteuropa typisches Gebäck zu finden. Im Laufe dieser Suche begegnen ihm interessante und seltsame Menschen wie der ?Kruzifixforscher? Krant, der ihn für kurze Zeit in eine Welt voller Dornenkronen, Schamtücher und Nägelformen eintauchen lässt. Anders als bei seinem Erstling, wo sich der Titelheld aus der Großstadt plötzlich in der Provinz wiederfindet, muss Fester in die weite Welt hinaus ziehen. Seine Suche führt ihn bis nach Namibia und New York. Beide Romane zeichnen sich durch einen unterhaltsam ironischen Unterton aus. Die Geschichten sind kurios, aber nicht weltfremd, und ihrem Humor kann man sich nur schwer entziehen.
Keine Abrechnung mit dem Heimatort
Nach der unterhaltsamen Lesung hatten die Zuhörer viele Fragen. Der nahe liegenden Vermutung, bei ?Seegfrörne? handele es sich um eine Abrechnung mit seinem Heimatort am Bodensee, widersprach Hamann. Er sei sich bewusst, dass die Geschichten ironisch, bissig oder böse sind, an eine Abrechnung habe er beim Schreiben jedoch nie gedacht. In erster Linie sei es ihm um die Figur des Verschollenen gegangen. Die Geschichte selbst könne sich überall dort abspielen, wo es einen See gibt: ?Ich fahre heute noch gern in meinen Heimatort.?
Gerne übernehme er jene Orte, an denen die Idee für eine Geschichte entstanden sei, in seine Texte. Über literaturwissenschaftliche Aspekte hingegen mache er sich beim Schreiben keine Gedanken, erklärte Hamann, der sich in seiner 2001 erschienenen Dissertation dem Thema ?New York in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur? widmete (?Grenzen der Metropole?). In Bamberg konnte er das Publikum nicht nur durch seine Werke, sondern vor allem durch seine Person begeistern. So konnten sich alle selbst davon überzeugen, dass sich der Wissenschaftler nicht am Autor, der Autor nicht am Wissenschaftler stört - Hamann kann beiden gerecht werden.
Fortgesetzt wird die Reihe ?Literatur an der Universität? mit einer Lesung von Ingo Schulze am 7. Juni um 20 Uhr (An der Universität 5, H 024).
News Sommersemester 2004 vom 20.05.04