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Verlängerung der Steilvorlage

"Für Bamberg hätte es unter den gegebenen finanzpolitischen Bedingungen kaum besser laufen können!"

Von Hans Kurz

"Die Chancen liegen klar auf der Hand: Wir erhalten die Möglichkeiten, Stärken zu stärken!" Rektor Prof. Dr. Dr. Godehard Ruppert zu den Empfehlungen der Mittelstraß-Kommission. Ein Interview von Hans Kurz.

Wie verbindlich sind die Empfehlungen der Kommission?

Das muss sich in den nächsten Monaten erweisen. Die Empfehlungen werden die Grundlage bilden für eine Stellungnahme des Wissenschaftsministeriums und für die Kabinettsberatungen. Das Kabinett wird dann eine Vorlage für den Landtag formulieren, und erst wenn der entschieden hat, wissen wir, was das Papier wert ist, auf dem die Vorschläge gedruckt sind. Die Frage nach dem Verbindlichkeitswert der Empfehlungen für die politische Entscheidungsfindung kann daher zu diesem Zeitpunkt niemand beantworten.

Welche Chancen ergeben sich für die Otto-Friedrich-Universität aus dem Mittelstraß-Bericht? In welcher Form ist der Ausbau in der Soziologie und Slavistik zu erwarten?

Die Chancen liegen klar auf der Hand: Wir erhalten die Möglichkeiten, Stärken zu stärken! Die Kommission hat anerkannt, dass wir in einzelnen Bereichen exzellent aufgestellt sind. Genau diese Bereiche zu stärken war die Absicht, die unseren Konzeptvorschlägen zugrunde lag. Die Kommission hat nun Empfehlungen formuliert, die ein erstaunliches Maß an Übereinstimmung mit unseren Strukturüberlegungen haben.

In den Sozialwissenschaften wird es dann künftig in Bayern noch zwei Standorte geben mit einem entsprechend differenzierten Fächerkanon, München und Bamberg. In der Slavistik wird Bamberg neben München und Regensburg der dritte Standort mit einer fachlichen Ausdifferenzierung sein, eine meines Erachtens sinnvolle Konzentration, um dauerhaft Voraussetzungen für international konkurrenzfähige Forschungs- und Lehreinheiten zu schaffen.

Welche Risiken sind darin enthalten? Wie viele Lehrstühle (und wie viele Studierende) sind von der geforderten Aufgabe in den Bereichen Theologie, VWL, Musikwissenschaft und Jura betroffen?

Die Risiken bestehen in der Regel in der Aufgabe von gewachsenen Strukturen und Fächerverbindungen, interdisziplinären Forschungseinheiten und Studienkombinationen. Studierende sind nur begrenzt betroffen, weil sie ihr begonnenes Studium sicher hier zu Ende bringen können. Wieweit Professoren betroffen sein werden, lässt sich noch nicht genau beziffern.

Wir müssen bei den Fächern aber genauer hinsehen: Nehmen Sie die Volkswirtschaftslehre, da wird es vermutlich überhaupt keinen Betroffenen geben, weil der Diplomstudiengang schon seit einigen Jahren nur noch mitgeführt wird und die Konzentration ganz dem Studiengang European Economic Studies gilt, der ausdrücklich zur Fortführung empfohlen wird. In Jura kann kein Studierender betroffen sein, weil wir keinen juristischen Studiengang anbieten, sondern die Juristen innerhalb der Studiengänge der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften Angebote machen, die aber als Lehrimport aus Erlangen sichergestellt werden sollen. Die Musikwissenschaft erhält im Gegenzug durch die Konzentration in Würzburg eine Größe und Fächerdifferenzierung, die sie in Deutschland in eine beachtliche und interessante Situation bringen würde. Die Frage der Theologie ist den Gesprächen zwischen Kirche und Staat vorbehalten. Alle Aussagen hätten die Dimension des Prophetischen.

Wenn Sie den Verlust in Studierenden rechnen wollen, ist auch das eher Spekulation: Wenn Sie ein Fach A streichen, die Ressourcen aber in einem Fach B einsetzen, gehen die Studierenden des Faches A selbstverständlich verloren, die Zahlen im Fach B steigen aber an, weil wir in einem zulassungsbeschränkten Fach dann automatisch z.B. mehr zulassen können oder das Fach für eine größere Klientel interessanter wird und die Zahl deshalb steigt. Mittelfristig bedeutet der Prozess der Neustrukturierung keinen Verlust, im Gegenteil!

Und der Fachhochschulstudiengang Soziale Arbeit, der an die Fachhochschule Coburg abgegeben werden soll?

Die Studierenden und Lehrenden der Sozialen Arbeit werden durch die Herauslösung aus der Universität und die Integration in eine Fachhochschule sicher am meisten betroffen sein, aber ein Verlust für den Studienort Bamberg muss das auch zahlenmäßig nicht unbedingt sein. Man könnte ja die entsprechenden Studiengänge auch hier anbieten, an einem Ort, der mit entsprechenden kooperierenden Institutionen und Praktikastellen im Sozialbereich bestens bestückt ist und noch dazu eine enge Kooperation von Universität und Fachhochschule ermöglichen würde.

Welche Vorschläge Bamberg betreffend enthält das Konzept "Vision UniBay 2010"?

Das Konzept war eine Vorlage der Rektoren und Präsidenten der bayerischen Universitäten. In dieses Konzeptpapier sind die Strukturüberlegungen der einzelnen Universitäten - so eben auch die Bamberger Überlegungen - unter Abstimmung auf die gesamtbayerischen Verhältnisse eingegangen. Jede Universität hat ihre Überlegungen eingebracht, sie dann aber noch einmal auf den kritischen Prüfstand einer abgestimmten Entwicklungsperspektive für Bayern bringen müssen. Damit wollten wir u.a. verhindern, dass alle Universitäten an denselben Stellen abbauen. Wenn man beispielweise derzeit an drei Universitäten in Bayern Mineralogie studieren kann, an allen Standorten die Anfängerzahlen gering und die notwendige Ausstattung kostenintensiv ist, darf es dennoch nicht dazu kommen, dass alle drei Universitäten dieses Fach schließen und die potenziellen Studierenden an Universitäten in anderen Ländern oder im Ausland verwiesen werden.

Die Überlegungen und Verhandlungen waren schwierig, sind aber in einer Weise erfolgt, die uns eine andere Rektorenkonferenz in Deutschland erst einmal nachmachen muss. Dieser Prozess hat auch gezeigt, dass die Rektoren und Präsidenten handlungs- und politikfähig sind - und der Politik Vorlagen liefern können, die pragmatisch, konsensfähig und zukunftsweisend sind. Dass die Bamberger Vorschläge so abgestimmt und strukturiert waren, dass sie bereits in dieses Papier in hohem Maß eingegangen sind, hat mir die Zustimmung allerdings auch leicht gemacht.

In welchem Zeitraum ist mit der Umsetzung der einzelnen Punkte zu rechnen?

Das hängt stark von den Konsequenzen und Bedingungen ab. Einzelne Punkte könnte man sicher schon zum kommenden Wintersemester umsetzen, andere vielleicht erst in fünf bis zehn Jahren: Einen Studiengang kann man nicht schließen, solange noch Studierende eingeschrieben sind, zumindest solange sie sich noch in der Regelstudienzeit befinden. Keine neuen Studierenden mehr zulassen, könnte man dagegen sofort. Stellenverlagerungen gelingen dann erheblicher schneller, wenn die Stellen unbesetzt sind. Es wird also sehr unterschiedliche Zeitszenarien gaben.

Besteht die Gefahr, dass die Kluft zwischen "großen" und "kleinen" Universitäten größer wird?

Genau dies zu verhindern war eine Grundlage der Abstimmungsprozesse und ein Motiv für die damit verbundene Mühe. Kleinere Universitäten können die Gräben in der Ausstattung nur überwinden, wenn die entsprechenden Ressourcen geschaffen werden. Wenn aber kein frisches Geld - beziehungsweise nicht genug Geld - in die Institutionen gepumpt wird oder werden kann, dann muss durch Konzentration der Kräfte und auch durch Beschneiden des Fächerbestandes eine entsprechende Investition in die Stärken ermöglicht werden.

Nehmen Sie das Beispiel der Sozialwissenschaften. Hier können wir als eine der kleineren Universitäten schon jetzt den Vergleich mit den ganz großen aufnehmen. Gibt man uns die Chance, hier weiter zu investieren, sind wir auch international ganz vorne, davon bin ich überzeugt. In dieser Situation interessiert niemanden, ob wir als Gesamtinstitution klein oder groß sind. Umgekehrt: Wenn dieser jetzt in Gang gekommene Prozess gestoppt wird oder die Empfehlungen nicht entsprechend umgesetzt werden, dann wird die Kluft immer größer!

"Zusammenführung, enge Kooperationsstrukturen, campusähnliche Strukturen zwischen Bamberg und Erlangen - wird Bamberg ein Satellit Erlangens"

Das Bild von den Satelliten gefällt mir nicht, weil man viel zu leicht Abhängigkeiten und Hierarchie damit verbinden könnte. Außerdem wird es sicher Fächer geben, in denen man dann auch davon reden könnte, dass Erlangen partiell ein Satellit von Bamberg wäre. Die Kooperation scheitert vermutlich sofort, wenn die Partner nicht gleichberechtigt sind. Dazu müssen die Fächerstrukturen stimmen, nicht die Universitäten dieselbe Größe haben. Nehmen Sie aber die Situation bestimmter Fächer, die an zwei Universitäten parallel und in den Schwerpunkten fein abgestimmt existieren, dann kann das im Einzelfall heißen, dass wir von einer Größenordnung von vielleicht jeweils nur drei Professuren sprechen. Schließen die sich aber z.B. in der Betreuung von Doktoranden oder für Drittmittelanträge zusammen, sind sie bereits in einer etwa für geisteswissenschaftliche Fächer durchaus beachtenswerten Größe und Differenzierung ganz anders handlungsfähig.

Was ist unter einem "universitätsübergreifenden Lehrimport und Lehrexport in modularisierter Form" zu verstehen?

Spätestens mit der immer breiteren Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen werden die Studienangebote curricular vielfältiger und offener. Die Studierenden werden immer mehr zum Planer ihrer eigenen Studienpläne. Damit geht einher, dass Studienorte dann besonders attraktiv sind, die eine möglichst große Vielfalt bieten. Wenn eine Universität bestimmte Fächer oder Fachschwerpunkte nicht bieten kann, muss sie nicht mühsam alle Bereiche abdecken, solange diese von der Nachbaruniversität importiert werden können. Eine Konzentration auf Fächer und Fachschwerpunkte wird somit erst gefahrlos ermöglicht. Wenn man diesen Austausch klug plant, erzielt man bei der gebenden und der nehmenden Universität Gewinn. Derzeit haben wir durch zu viele parallel vorgehaltene Ressourcen Verluste. Hier kann man über Import und Export sicher einiges einsparen, um es gezielt zu investieren. Dieses Geben und Nehmen hat aber ebenso wie die Fächerdifferenzierung Grenzen. Man darf die Erwartungen auch nicht zu hoch schrauben und muss die Kirche im Dorf lassen, kann sie, um im Bild zu bleiben, nicht zwischen den Dörfern errichten.

Bedeutet die Verlagerung der Archäologie-Professur aus Passau bereits, dass das geforderte "Nordbayerische Zentrum" in Bamberg entstehen kann?

Für die Archäologie entstünde in der Tat eine interessante Situation: Bamberg könnte die zeitliche Lücke zwischen der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie und der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit schließen. Das macht Bamberg als Studienort für Archäologen sicher noch interessanter, zumal wir ja zusätzlich noch die Islamische Kunstgeschichte und Archäologie haben. Gemeinsam mit Erlangen entsteht hier etwa das, was ich meinte mit der Situation von an zwei Universitäten parallel und in den Schwerpunkten fein abgestimmt existierenden Fächern. Eine Archäologie des provinzialrömischen Raumes orientiert sich selbstverständlich mehr an den geographischen Räumen, in denen auch die Mittelalterarchäologie arbeitet, während die klassische Archäologie in Erlangen sich vielleicht auf die Türkei, Griechenland oder Italien konzentriert. Das macht jeweils für Bamberg und für Erlangen Sinn und zusammen erhalten sie eine Größe, die z.B. für einen Doktoranden noch bessere Bedingungen schafft und die für bestimmte Drittmittelvorhaben sichert, dass man die kritische Größe nicht unterschreitet.

Sie sind also zufrieden mit den Empfehlungen?

Die Rektoren und Präsidenten haben meines Erachtens der Politik mit dem Papier "Vision UniBay 2010" eine Steilvorlage gegeben. Die Mittelstraß-Kommission hat diese Steilvorlage für Bamberg so weit verlängert, dass man - um in der Fußballersprache zu bleiben - nur noch den Schlappen hinhalten muss, um sie zu verwandeln. Wir sind in der Tat zufrieden, denn unter den gegebenen finanzpolitisch bestimmten Rahmenbedingungen hätte es für Bamberg kaum besser, sehr wohl aber schlechter kommen können. Faktisch hat die Kommission ja unseren Strukturüberlegungen an keiner Stelle widersprochen, sondern diese eindeutig bestätigt. Das stelle ich bei dieser Zwischenbilanz gerne dankbar fest.

Das Interview erschien zuerst im Fränkischen Tag vom 11.4.05. Mit freundlicher Genehmigung von Hans Kurz.

Die vollständigen Empfehlungen der Mittelstraß-Kommission unter dem Titel "Wissenschaftsland Bayern 2020" können Sie hier als pdf-Dokument downloaden:

pdf http://cms-sprachlabor.split.uni-bamberg.de/sprachlabor_2/fileadmin/pressestelle/2005/WL_Bayern_2020.pdf

 

News Sommersemester 2005 vom 13.04.05