Universität Bamberg - Logo
RSS-Feed

Universelle Harmonie durch vorbehaltlose Offenheit

Kann die Lehre eines Philosophen aus dem 17. Jahrhundert helfen, den heutigen ?Clash of Civilizations? zu entschärfen? Heinrich Beck sieht im 11. September eine Chance für die Welt und erinnert an die Einsichten des Comenius.

Von Tanja Eisenach und Katja Frank

?Der 11. September 2001 als Chance ? Comenius aktuell?. Vor einem international besetzten Auditorium aus WissenschaftlerInnen und interessierten Laien referierte der weltweit renommierte Philosoph Heinrich Beck darüber, wie Comenius? Lehre heute zur Völkerverständigung und Friedensstiftung beitragen kann und sollte. Sein Vortrag bildete den Abschluss eines viertägigen Comenius-Kolloquiums im Renaissance-Saal von Schloss Geyerswörth.

 

Den Frieden mit allen aufsuchen

Beck verurteilte zunächst die derzeitige Gewohnheit der westlichen Großmächte, Terrorakte lediglich ?mit entsprechenden Gegenmaßnahmen, mit Restriktionen und Gewalteinsatz? zu beantworten. Ist der anhaltende Terrorismus als Zeichen für eine Welt zu verstehen, in der Grundwerte für menschliches Handeln kapitalistischen und individualistischen Interessen weichen müssen? In dem zunehmenden Leid erkennt Beck eine Chance für die Menschheit, ihr Dasein ganz neu zu reflektieren. Comenius könne hier Ansätze zur Orientierung bieten. In seinem umfangreichen Werk fordert er unermüdlich zu einem interkulturellen Dialog auf: ?Wir sind angehalten, den Frieden ... mit allen aufzusuchen ... Unberücksichtigt bleibe dabei, ob jemand Christ oder Mohammedaner, Jude oder Heide ist. Sie alle sollen zugelassen und in dem angehört werden, was sie an guten Dingen darbieten?, so Comenius.

 

Beck betonte nachdrücklich die Notwendigkeit gegenseitiger Anerkennung und Mitmenschlichkeit in der interkulturellen Auseinandersetzung: ?Eine unweise und lieblose Aggressionshaltung hingegen ist zu Ineffizienz und Erfolglosigkeit verurteilt?. Nur durch gegenseitige vorbehaltlose Offenheit könne universelle Harmonie im Sinne comenianischer Pansophie erzielt werden.

 

Wie aber ist dieses Prinzip auf den Konflikt zwischen der arabisch-islamischen und westlichen Welt anzuwenden? Beide Kulturen, so Beck, müssten jeweils bereit sein, die positiven Grundlagen (d.h. die menschlichen Werte) des anderen anzuerkennen und die negativen Erscheinungen (Fehlentwicklungen) nicht als gleichwertig zu betrachten. Denn alles Negative entstehe nur aus einem positiven Seinsgrund. Das Negative stelle so gesehen nichts anderes dar als eine ?unproportionierte Übersteigerung von Teilaspekten, die von Hause aus eigentlich positiv wären?. In jedem Fall sei das Negative zu überwinden, und zwar dadurch, dass man das zugrunde liegende Positive gegen es herauskehrt und anspricht.

 

Von sich zum Anderen und zurück

Comenius? pansophisches Konzept impliziert, dass Pluralismus (westliche Welt) und Monismus (östliche Welt) je entgegengesetzte Teil-Wahrheiten darstellen, die ?perichoretisch?, d.h. in wechselseitiger Durchdringung in der Trinität, zusammengeführt werden müssen. Dieser interkulturelle Dialog im Sinne von Geben und Nehmen setzt auch voraus, dass man sich in den anderen einfühlt und somit die eigene Sichtweise, den eigenen Horizont öffnen und immer wieder zu erweitern lernt. ?Damit hebt sich nun als Grundmuster der interkulturellen Begegnung eine kreisende Begegnung heraus, von sich her zum Anderen hin und von ihm her zu reicherer Identität in sich zurück?.

 

So lässt sich Heinrich Becks Vortrag auch mit Comenius resümieren: ?So, wie wir ? einer durch einen anderen ? geboren werden, ist es auch notwendig, dass wir ? einer durch den anderen - wiedergeboren und reformiert werden?.

 

 

 

News Sommersemester 2004 vom 21.04.04