Offene Münder in der ersten Seminarsitzung. Als sie die Teilnahmebedingungen hörten, stand vielen der angehenden Politologen die Irritation deutlich ins Gesicht geschrieben. Prof. John Bendix aus den USA, der bis Ende Juli die Professur für Politikwissenschaft vertritt, konfrontierte seine Bamberger Studenten mit amerikanischen Lehrmethoden.
Bereits im letzten Semester hatte Prof. John Bendix immer wieder erwähnt, dass er mit der an deutschen Universitäten gängigen Art, einen Schein zu erwerben ? durch ein Referat und eine Hausarbeit von rund 15 bis 20 Seiten ?, nicht zufrieden ist. ?Die Studenten lernen zu wenig, zu punktuell und zu spezialisiert?, so Bendix´ Kritik (siehe auch das folgende Interview in News). Deshalb entschied er sich dazu, in seinem zweiten Vertretungssemester die in den USA gebräuchliche Methode anzuwenden: Mit zwei Abhandlungen über 10-15 Seiten, so genannten ?assignments?, können die Studenten jeweils 30 Punkte von insgesamt 100 erzielen. Maximal 10 Punkte werden für regelmäßige Anwesenheit und Beteiligung an der Diskussion, weitere 30 Punkte vom Publikum, also den Kommilitonen, für eine Podiumsdiskussion vergeben.
Keine konkreten Beurteilskriterien
?Ich finde es überhaupt nicht gut, dass die Studenten die Podiumsdiskussion bewerten. Schließlich wollen viele von uns mit dem Schein die Diplom-Teilprüfung in Politische Systeme ersetzen?, äußert sich eine Nebenfachstudentin kritisch. Zunächst wurde im Seminar diskutiert, ob die Punkte für die Präsentation anonym oder öffentlich vergeben werden sollen. ?Viele wollten eine anonyme Vergabe, aber das wollte ich auf keinen Fall. Wenn die Punkte offen vergeben werden, muss ein Punkteabzug zumindest gut begründet sein?, so die Studentin im achten Semester. Am meisten störe sie, dass bislang keine konkreten Kriterien für die Beurteilung festgelegt wurden.
Aber nicht nur die Art der Benotung wird beanstandet. ?Meiner Meinung nach verfehlen die Methoden ihren Zweck?, erläutert die angehende Germanistin. Prof. Bendix wolle erreichen, dass die Studenten kontinuierlicher arbeiten. ?Das ist aber nicht zu schaffen, weil man so viel Zeit in die assignments stecken muss.? Vor allem das Lesen der vielen englischsprachigen Texte beanspruche sehr viel Zeit.
?Stimmung ist lockerer und besser?
Doch gibt es auch andere Meinungen. ?Prof. Bendix hat es geschafft, dass wir kontinuierlich die Texte lesen. Er ist wirklich daran interessiert, dass wir hier etwas lernen und dass es uns Spaß macht?, äußert sich eine 23-jährige Studentin. Auch ein angehender Politologe aus dem achten Semester hält die Methoden des US-Amerikaners für besser als die in Bamberg üblichen. ?Die, denen der Stil von ihm nicht gefallen hat, sind nicht mehr da. Jetzt sind wir statt 13 nur noch neun Leute. Die Stimmung ist dafür aber lockerer und besser als in jedem anderen Seminar?, so der 24-Jährige, der vor allem davon begeistert ist, dass das Seminar teilweise auf Englisch gehalten wird.
Viel Arbeit
Einig sind sich die Studenten aber in einem Punkt: Ein Hauptseminar bei Prof. Bendix bedeutet viel Arbeit. ?Ich habe ein anderes Seminar geknickt, um mich ganz auf dieses konzentrieren zu können?, erzählt der Hauptfachstudent. Viele andere Studenten haben stattdessen aufgegeben und warten, bis im nächsten Semester Prof. Hoffmann-Lange und damit wahrscheinlich das herkömmliche System aus Referat und Hausarbeit zurückkommt.
News Sommersemester 2004 vom 21.07.04