Sich Geschichte aneignen, um sie dann als eigene erzählen zu können: der bayerische Romancier Bernhard Setzwein hielt die erste seiner Poetik-Vorlesungen.
Phänotypisch entspricht Bernhard Setzwein, Inhaber der Bamberger Poetik-Professur im Sommersemester 2004, nicht unbedingt dem Bild, das man sich üblicherweise von einem Dichter macht. Dass der hünenhafte Mann mit dem an wilhelminische Zeiten erinnernden Schnauzbart tatsächlich einer ist, daran konnte nach seiner ersten Vorlesung am 13. Mai kein Zweifel bestehen. Denn die Erläuterung seiner Poetik ? sich Geschichte aneignen, um sie dann als eigene erzählen zu können ? geriet zugleich zur Demonstration derselben.
Stein im Niemandsland
Schon sein Bericht über die Ereignisse von 1990, die den Ausgangspunkt für die Entstehung der ?Grünen Jungfer? bildeten, war Literatur: Plötzlich, nach Jahrzehnten, in denen die Ostgrenze Bayerns das Ende der Welt dargestellt hatte, sei die Mitte Europas wie ein Atlantis vor ihm aufgetaucht. Und dann nennt Setzwein ein Bild, das seine Existenz nicht poetischer Imagination verdankt, sondern dem aufmerksamen Blick des Schriftstellers: Der Stein, der den geographischen Mittelpunkt Europas markiert, vermessen von k.u.k.-Geometern, lag während des Kalten Krieges im Niemandsland.
Bernhard Setzwein gab seinen Zuhörern auch über all das Auskunft, was der voyeuristisch veranlagte Germanist ebenso wie der literaturinteressierte Gasthörer von einem Schriftsteller wissen möchte: Kindheitsprägungen, literarische Vorbilder, Arbeitsweise. Der 1960 in München geborene Autor zog als Kind mit seinen Eltern nach Köln, kehrte im Alter von vierzehn Jahren wieder in seine Geburtsstadt zurück und musste feststellen, dass er, der in Köln immer der Bayer gewesen war, nun plötzlich der ?Preiß? hieß. Seine alte Heimat musste er sich erst wieder erschreiben, was er vor allem in seinem Debütroman ?Wurzelwerk? tat. Dieser ist Teil eines ?Universal-Sendlikons?, einer großen Chronik über den Münchner Stadtteil Sendling, in dem schon sein Großvater eine Gastwirtschaft betrieb.
Heimat in der Sprache
Erfahrungen, die sein Heimatverständnis geprägt haben. Es basiert nicht auf Gegensätzen und Stereotypen, vielmehr sieht sich Bernhard Setzwein, gerade weil er in Bayern geboren wurde, als Mitteleuropäer und zählt Joseph Roth, Jaroslav Ha?ek und Bohumil Hrabal ebenso wie Jean Paul, Oskar Maria Graf und Karl Valentin zu seinen Vorbildern; Ludwig Thoma hingegen nicht. Trotzdem bleibt es für Bernhard Setzwein, der seine Heimat am ehesten in der Sprache lokalisieren würde, wichtig, als süddeutscher Autor wahrgenommen zu werden. Und so geht der Ausführung eines Werks ein ?Soundcheck? voran, eine Phase, in der verschiedene Tonlagen auf ihre Tauglichkeit für den gewählten Stoff hin erprobt werden, bis das Verhältnis zwischen Hochsprache und dialektaler Prägung dem Thema angemessen ist.
Zur Bedeutung der Mundart für sein Werk gab der Lyriker, Romancier und Dramatiker, der 1998 den Bayerischen Staatsförderpreis für Literatur erhalten hat, auch im Seminar zu seinem Gesamtwerk Auskunft. Dieses ist wie die Vorträge öffentlich und findet freitags von 10-12 Uhr im Raum 217, An der Universität 5 statt. Der nächste Seminartermin, bei dem Bernhard Setzwein anwesend sein wird, ist der 28. Mai, die Themen und Termine der nächsten drei Vorträge lauten: 27. Mai: ?Wer sind die Menschen??, 3. Juni: ?In was für einer Zeit??, 17. Juni: ?Das Spicken des Bratens mit Speck?. Die Vorträge finden jeweils donnerstags um 20:00 Uhr im Hörsaal 024, An der Universität 5 statt.
News Sommersemester 2004 vom 17.05.04