Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesrepublik Deutschland theologisch gegengelesen

Die Gründe für die steigende Armut wurden im Rahmen der Tagung "Option für die Armen" diskutiert. (Bild: Photcase)
Unter dem Motto „Option für die Armen? Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung im Licht der christlichen Sozialethik“ wurde der 2. Armut- und Reichtumsbericht im Rahmen einer Tagung vom 18.-19. November an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg diskutiert. Eingeladen dazu hatte die Gesellschaft für Evangelische Theologie, in Kooperation mit der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und unter Mitwirkung zahlreicher Mitglieder der Sozialkammer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Im März diesen Jahres veröffentlichte die Bundesregierung den 2. Armuts- und Reichtumsbericht für die Bundesrepublik Deutschland. In den letzten Jahren wurde für bestimmte Bevölkerungsgruppen eine Zunahme der Armut diagnostiziert. Betroffen sind besonders die, die sich am wenigsten wehren können: die Kinder. Der Bericht wurde von den Kirchen begrüßt und sorgte gleichzeitig für eine breite Debatte um den darin erhobenen Befund und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Was bedeutet die in der ökumenischen Soziallehre vertretene "Option für die Armen" für die politische Gestaltung des Gemeinwesens? Welchen Beitrag können die Kirchen leisten? Und wie lässt sich Armut und Reichtum überhaupt messen?
Option für die Armen
In seinem einleitenden Vortrag sprach Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender der Gesellschaft für Evangelische Theologie, über ökumenische Grundkonsense und Zukunftsherausforderungen der Sozialethik. Im Mittelpunkt der Betrachtung stand der Begriff „Option für die Armen“. Der Ausdruck wurde durch die lateinamerikanische Befreiungstheologie geprägt und meint darin das Eintreten für die Teilhabe der Armen an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen. Die Option für die Armen bildet damit den Kern des christlich-ethischen Gerechtigkeitsverständnisses und wird zum Orientierungskriterium für die aktuellen Reformen des Sozialstaates. Prof. Dr. Johannes Schwarze von der Otto-Friedirch-Universität Bamberg stellte die verschiedenen sozialwissenschaftlichen Methoden der Armuts- und Reichtumserhebung in Deutschland vor. Je nachdem, welche Kriterien angelegt würden, komme es zu unterschiedlichen Definitionen von Begriffen wie „arm“ oder „reich“. Sozialpolitische Maßnahmen gegen Armut bewegten sich im Spannungsfeld zwischen Betreuung und Anreizstrukturen, die Teilhabe zum Ziel hätten.
Armutsrisiko „Geringe Bildung“
In den Vorträgen wurde nach Gründen und Ursachen für steigende Armut, aber auch nach Möglichkeiten und Wegen aus der Armut gefragt. So bezeichnete die Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese (SPD) die Familie als „besonderen Ort der Armutsbekämpfung“. Horst Eggers, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Handwerk, wies darauf hin, dass vor allem die Senkung der Arbeitslosigkeit Armut bekämpfe.
Auch Gründe für die wachsende Armut wurden genannt. Prof. Dr. Gerhard Wegner, Direktor des sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) wertete eine zu geringe Bildung als das „größte Armutsrisiko“. Uwe Schwarzer und Roland Klose vom Diakonischen Werk der EKD und Dr. Wolfgang Gern vom Diakonischen Werk in Hessen und Nassau wiesen auf die Gefährdung der diakonischen Arbeit durch die geringer werdende finanzielle Unterstützung des Staates hin.
Breite Einigkeit bestand über die zentrale Bedeutung der Teilhabe für die Bekämpfung von Armut. Befähigungsgerechtigkeit dürfe nicht gegen Verteilungsgerechtigkeit ausgespielt werden. Da dem Staat für die Befähigung zur Eigenverantwortung, etwa durch Verbesserung der Bildungschancen, nach wie vor eine bedeutende Rolle zukomme, sei die öffentliche Hand auf entsprechende Finanzmittel aus Steuereinnahmen angewiesen. Nur so könnten die Aufgaben bewältigt werden, die sich durch die Ergebnisse des Armuts- und Reichtumsberichts stellen.
Weitere Informationen zur Tagung unter
http://www.gevth.de
News Wintersemester 2005/2006 vom 07.12.05