Ein Bach-Abend in der AULA mit dem Cellisten Eduard Rzhezach und dem Rezitator Martin Neubauer
"Sie sind die Quintessenz von Bachs Schaffen, und Bachs Schaffen ist die Quintessenz aller Musik." Stimmt dieser Satz über Bachs Suiten für Violoncello, so haben die, die am 20. Mai in der AULA versammelt waren, in knapp zwei Stunden immerhin die Hälfte dieser Quintessenz zu hören bekommen. Dazu noch Texte von Simon Dach, Paul Hindemith, Pablo Casals und anderen, die von Martin Neubauer raumfüllend rezitiert wurden.
Am Cello saß Eduard Rzhezach, der seit 1994 bei den Bamberger Symphonikern beschäftigt ist, und er war sicherlich die Hauptperson des Abends. Martin Neubauer hatte es in einleitenden Sätzen angedeutet: Sehr gefreut habe er sich darüber, dass er gebeten worden sei, zum Bach-Konzert einige Texte zu sprechen, doch dann habe er gedacht: "O weh!"Denn was soll man schließlich sagen angesichts einer Musik, die nicht umsonst seit Generationen zum Standardrepertoire eines jeden Cellisten gehört, der etwas auf sich hält. Entdeckt wurden die Suiten, so erzählt es die Legende, vom jugendlichen Pablo Casals, der, auf der Suche nach Solostücken, in einem Musikalien-Antiquariat auf die zerfledderten Noten der Bachschen Cello-Bibel gestoßen war. Und Casals war es auch, der die Suiten erstmals im Ganzen aufgeführt hat. Seine Aufnahmen sind, wenn auch von der historischen Aufführungspraxis längst überholt, immer noch legendär.
Eduard Rzhezach wandelte auf Casals' Spuren, und auch wieder nicht. Er spielte, was Casals ausgegraben hatte, aber er gab es ganz anders, moderner, auf der Höhe unserer Zeit eben, und nicht auf der der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts, aus denen eine Aufnahme von Pablo Casals existiert. Gerade in der G-Dur-Suite, der ersten, gereichte ihm dies sehr zum Gewinn, denn ihr jugendlicher Impetus verträgt heute wahrscheinlich keine überzogenen Romantizismen mehr. Die Krux bei Bach aber ist, dass jede der Suiten völlig anders klingt, eine Banalität auf den ersten Blick, aber wer nach der G-Dur-Suite Ähnliches erwartet hatte, dem dürfte die d-Moll-Suite erst einmal ein wenig fremd vorgekommen sein.
D-Moll bei Bach, da gibt es eine Reihe von berühmten Werken, etwa das berückende Doppelkonzert oder die zweite Violin-Partita, deren Chaconne nicht nur musikalisch, sondern auch technisch erst einmal bewältigt sein will. D-Moll bei Bach ist, zumindest, was die Cello-Suite betrifft, eine Klangwelt, die romantisch wirkt, vielleicht schon romantisch ist. Da ist es mit klanglicher Leichtigkeit allein nicht getan, da braucht es Flexibilität in der Klanggebung und einen langen Atem, etwa für die großen Linien im Prélude. Was also der G-Dur-Suite gut tut, reicht bei der d-Moll-Suite nicht aus, und streckenweise hätte sich der mit den Casals-Aufnahmen vertraute Hörer hier vielleicht ein wenig mehr Mut zur Romantik gewünscht. Denn das leicht Artikulierte und locker Gesagte ebnet bei der d-Moll-Suite ein wenig ein, was nicht nur eben ist, sondern auch seine Höhen und Abgründe hat.
Nichtsdestotrotz gelangen Rzhezach jedoch gerade in dieser Suite einige der schönsten Momente des Abends, etwa die zauberhaft-versonnenen Rubati im zweiten Menuett, bei denen die artikulatorische Feinheit des sensibel spielenden Cellisten genau das war, was zumindest der Schreiber dieser Rezension sich an diesen Stellen immer wünschen würde. Nach der Pause gab es die c-Moll-Suite, bei der die a-Saite des Cellos um einen Ganzton nach unten gestimmt wird, so dass das Stück schon durch die obertongesättigtere Resonanz des Instrumentes eine leicht eingeschwärzte Farbe erhält. Diese Suite übertrifft die beiden vorherigen an Komplexität. Ihr erstaunlichster Satz ist die Sarabande, ein rätselhaftes Gebilde voller stiller Polyphonie. Martin Neubauer hatte es gesagt: "Die Sprache verneigt sich heute drei Mal vor der Musik Johann Sebastian Bachs." Und was für die Literatur gilt, die Neubauer rezitierte, um wie viel mehr muss sich dies eine Rezension zu Herzen nehmen, die immer nur im Nachhinein zu sagen versucht, was doch im Konzertsaal allein zu hören ist. Kritisieren kann ihre Aufgabe nicht sein. Irgendwann sollte sie einfach den Mund halten.
News Sommersemester 2005 vom 31.05.05