Forum Genderforschung mit Vortrag von Stefan Lautenbacher fortgesetzt

...Stefan Lautenbacher bejahte diese Frage ganz klar und stellte die chronische Schmerzkrankheit Fibromyalgie vor (Bilder: Photocase, Melanie Worack)
2001 zunächst unter dem Namen „Arbeitskreis Genderforschung“ gegründet, stellt das „Genderforum“ eine interdisziplinäre Plattform zur Vorstellung von Forschungsprojekten aus dem Bereich der Frauen- und Genderforschung an der Universität Bamberg dar. „Schmerz, eine Plage der Frau?“ war am 2. Juli der Titel des Vortrags von Dr. Stefan Lautenbacher, Professor für Physiologische Psychologie an der Universität Bamberg. Seine klare Feststellung, dass – entgegen gängiger Klischees – wirklich die Frau das schmerzempfindlichere Geschlecht ist, überraschte die Zuhörerinnen und Zuhörer im nahezu vollbesetzten Festsaal in der St.-Getreu-Straße (ehemaliger Dientzenhofer-Bau) zunächst. Doch die Studien zu klinischem Schmerz seien eindeutig: „Sowohl die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen häufiger an einem chronischen Schmerzproblem leiden, ist höher als bei Männern, als auch die Häufigkeit des Auftretens multipler Schmerzprobleme“, sagte Lautenbacher.
Anschaulich vermittelte der Psychologe, dass bei der Häufigkeit von Schmerz nicht nur dem Geschlecht, sondern auch dem Alter eine zentrale Bedeutung zukommt. Je nach Art des Schmerzes gestaltet sich die Schmerzkurve über das Lebensalter hinweg unterschiedlich bei Männern und Frauen. Kopfschmerz beispielsweise ist weltweit ein typisches „Frauenproblem“. Allerdings mit interessanten Unterschieden zwischen den Ländern beziehungsweise Kulturkreisen. So leiden in Nordamerika verstärkt auch Männer an Kopfschmerz, während in Asien diese Schmerzart insgesamt sehr wenig verbreitet ist.
Nach seiner Feststellung, dass Schmerz in der Tat eine Plage vor allem der Frau ist, ging der Wissenschaftler folgender entscheidender Frage nach: Sind bei Frauen tatsächlich mehr und stärkere Gewebsschädigungen vorhanden oder weisen sie eine erhöhte Sensibilität beziehungsweise eine verstärkte Wahrnehmung von Schmerz auf? Experimentelle Untersuchungen zur Schmerzschwelle (mittels Druck-, Strom- oder Temperaturreizen) ergaben für beide Geschlechter, dass Intensität und Dauer des schmerzauslösenden Reizes die Schmerzwahrnehmung beschleunigen und verstärken. Allerdings ist das dann auch schon die einzige Gemeinsamkeit zwischen den Geschlechtern. „In der Regel ist es so, dass Frauen die niedrigeren Schmerzschwellen aufweisen, ähnliche Reize als schmerzhafter einstufen oder weniger Toleranz gegenüber intensiven Reizen zeigen“, zitierte Lautenbacher ein Forschungsergebnis.
Als „typisch weibliche“ Schmerzerkrankung – 80 Prozent der Betroffenen sind Frauen – stellte er anschließend die Fibromyalgie vor. Unter dieser chronischen Erkrankung versteht man einen großflächigen Schmerz, der vorwiegend von den Muskeln, Gelenken und Sehnen herrührt, länger als drei Monate anhält und dem keine Gewebsschädigung ausdrücklich zugeschrieben werden kann. Diagnostiziert wird Fibromyalgie, wenn 11 von 18 so genannter „Tender Points“ positiv getestet werden, also die Patientin an diesen Körperstellen extrem druckschmerzempfindlich ist. Mit der Krankheit können ein Reihe von weiteren Symptomen einhergehen, die allerdings nicht zwingend sind: Morgensteifigkeit, Müdigkeit, gestörter Schlaf, psychische Belastungsreaktionen, Kälteintoleranz, Schwindelattacken, Konzentrationsschwäche und mehr. Die tatsächliche Ursache ist bis dato noch nicht bekannt, allerdings geht man davon aus, dass der erste Auslöser ein umschränkter regionaler Schmerz ist, der nicht ausreichend gehemmt wird und daher nicht ausheilt. Dies führt dazu, dass der Schmerz anschließend auf andere Körperteile überspringt und sich schleichend ausbreitet. Bei Frauen fällt der Ausbruch der Krankheit zumeist in die vierte Lebensdekade. Es wechseln sich Schmerz- und Ruhephasen ab. Stefan Lautenbacher betonte, dass es sich bei der Fibromyalgie um keine rein psychisch verursachte Erkrankung handele. Im Krankheitsverlauf sei jedoch eine klare Wechselwirkung zwischen der Psyche und den Schmerzsymptomen festzustellen.
Im Anschluss an den „theoretischen Teil“ schilderte eine Fibromyalgie-Patientin den Zuhörerinnen und Zuhörern eindrucksvoll ihre eigene Krankheitsgeschichte, dabei immer auch im Blick darauf, was daran vielleicht „typisch weiblich“ ist. Margit Heinz, die seit zwei Jahren die Fibromyalgie-Selbsthilfegruppe in Bamberg leitet – auch hier sind die Männer in der absoluten Unterzahl –, betonte, wie wichtig es sei, über diese nicht nur bei Laien, sondern oft auch bei Ärztinnen und Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten weitgehend noch unbekannte Krankheit aufzuklären. Sie selbst leidet seit 1999 an der Krankheit, erst 2005 jedoch wurde diese Diagnose gestellt. Und das ist keine Seltenheit: Fibromyalgie wird im Durchschnitt erst acht bis zehn Jahre nach Ausbruch diagnostiziert. „Ein Spießroutenlauf von Arzt zu Arzt, Psychologen und Psychiatern wird uns zugemutet.“ Dabei sei es früher noch schwieriger gewesen. Seit mehr als 10 Jahren sei Fibromyalgie jetzt immerhin als Krankheit anerkannt. Medikamente können die Schmerzen nur lindern, eine Heilung sei nicht möglich: „Aber man kann die Krankheit annehmen und individuelle Lösungen und Strategien finden, um mit ihr umgehen zu lernen und den Schmerz zu lindern“, so Frau Heinz. Ihre Tipps lauteten: „Besonders Stressfaktoren und unnötige Belastungen im Alltag müssen erkannt und ausgeschaltet werde, eine gesunde Lebensführung, ausreichende Bewegung, Verständnis und Rücksichtnahme des Umfelds sind unerlässlich.“
Forum Genderforschung:
www.uni-bamberg.de/frauenbeauftragte/leistungen/forschung/bamberger_forum_genderforschung/
Informationen zur Fibromyalgie-Selbsthilfegruppe Bamberg:
Treffen jeden 2. Dienstag im Monat um 19.00 Uhr im Seniorenzentrum der AWO, Hauptmoorstraße 26, Bamberg
Mail: Fibro.bamberg(at)gmx.de
News Sommersemester 2007 vom 13.07.07