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Russische Forscherin im fränkischen Frühlingsmärchen

Ihrer Meinung nach hat Bamberg einen eigenen Gesichtsausdruck: Dank eines DFG-Stipendiums forscht die russische Literaturwissenschaftlerin Olga B. Lebedeva drei Monate lang in Deutschland.

Von Viktoria Jerke

Sie lebt eigentlich auf der anderen Seite der Welt, im westlichen Sibiren. Beruflich beschäftigt sie sich mit russischer Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, kann aber auch deutsche Lyriker rezitieren. Sie hat in wenigen Wochen fast halb Deutschland bereist. Hat auf einer dieser Reisen die Burgen am Rhein und den Lorelei-Felsen besichtigt. Sie beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen deutschen und russischen Dichtern. Ihr Spezialgebiet sind Übersetzungsvarianten russischer Literatur ins Deutsche und umgekehrt. Und ihrer Meinung nach hat Bamberg einen eigenen Gesichtsausdruck.

 

Bamberg hat einen eigenen Gesichtsausdruck

Sie, das ist Prof. Dr. Olga B. Lebedeva von der Staatsuniversität Tomsk in Russland. Lebedeva ist die zwanzigste DFG-Stipendiatin, die dank der Vermittlung von Prof. Peter Thiergen am Lehrstuhl für Slavische Philologie gastiert. Ihr dreimonatiger Aufenthalt in Bamberg soll verschiedenen Forschungsvorhaben dienen. Doch nutzt sie die Zeit auch, um Deutschland kennen zu lernen.

 

?Texte, die ich schon seit meiner Jugend kenne, ergeben einen neuen Sinn, da ich nun die Orte ihrer Entstehung mit eigenen Augen gesehen habe?, erklärt die in Russland mehrfach ausgezeichnete Literaturwissenschaftlerin. Für ein vollkommenes Verständnis von Literatur brauche man visuelle Eindrücke, um Stimmungen und Gefühle des Dichters nachvollziehen zu können. In Bamberg könne sie das Mittelalter spüren, riechen und sehen. Für sie ist die Stadt eine Inspiration und im Moment ein wahres ?Frühlingsmärchen?.

 

?Lyrik übersetzen kann man eigentlich nicht?

In Bamberg widmet sich Lebedeva auch ihrem Spezialgebiet, der Untersuchung der Übersetzungsvarianten von Gedichten. ?Lyrik übersetzen kann man eigentlich nicht, man kann nur die Funktion und Wirkung von Worten wiedergeben?, erklärt die Dozentin am Lehrstuhl in Tomsk. Eine Verwandtschaft zwischen den deutschen und russischen Lyrikern könne sie aber durchaus erkennen. Ähnlichkeiten sieht sie in der Stimmung, die in der Lyrik vermittelt wird. Neben russischen Lyrikern wie Lermontov gehören auch Goethe und Rilke zu ihren liebsten Forschungsobjekten.

 

Ihr wohl wichtigstes Projekt zur Zeit ist die Werkausgabe des russischen Schriftstellers Vasilij Tschukowskij, die sie als Mitherausgeberin betreut. Im Moment beschäftigt sie sich mit den Tagebüchern und Briefwechseln des Schriftstellers, der ein Drittel seines Lebens in Deutschland verbrachte. Das Personenregister, an dem Olga B. Lebedeva zusammen mit ihrem Ehemann arbeitet, enthält 5000 Namen und biographische Angaben, berichtet sie. Davon waren 270 Personen bislang unbekannt. Dank der Möglichkeit, jetzt Briefwechsel und Biographien in deutschen Archiven einzusehen, konnte sie 200 Personen davon bereits identifizieren. Außerdem fand sie 20 bislang unbekannte Briefe des Schriftstellers, die Lebedeva jetzt herausgeben möchte.

 

?Geschenk des Schicksals?

Nicht nur der leichtere Zugang zu Publikationen und Archivmaterial macht für die russische Wissenschaftlerin das Stipendium so wichtig. In Bamberg lernt sie auch aus erster Hand das deutsche Universitätssystem kennen, das sich in manchem vom russischen unterscheide. In Russland beispielsweise werde das Studium der Literatur Epoche für Epoche abgehandelt, in Deutschland nicht, so Lebedeva. Mit Studierenden habe sie nur wenig Kontakt, da der Aufenthalt nur der Forschung dienen solle, dafür sei der Austausch mit den deutschen Kollegen sehr informativ. Kein Wunder also, dass Olga B. Lebedeva das Stipendium als ?ein Geschenk des Schicksals? empfindet.

 

News Sommersemester 2004 vom 15.06.04