Zum Buchhalter wird man nicht geboren, Rechnungswesen muss man lernen. Und ergo auch lehren. Wie schwierig das ist und welchen Anforderungen der Unterricht Stand halten muss, thematisierte eine Bamberger Tagung.
Der Rechnungswesenunterricht stellt innerhalb des Fächerkanons einer kaufmännischen Ausbildung ein zentrales Kernelement dar, das in seiner Bedeutung von Schülern und Lehrern jedoch unterschiedlich beurteilt wird. Wo Lehrer das Fach aufgrund seiner Klarheit und Strukturiertheit gerne unterrichten, empfinden Schülerinnen und Schüler den Unterricht oftmals als langweilig, trocken und praxisfern.
Aufgrund vielfältiger Defizite ist der Rechnungswesenunterricht auch in Kreisen der Wissenschaft seit geraumer Zeit Gegenstand einer intensiv geführten fachdidaktischen Diskussion. Über 40 Fachwissenschaftler aus dem In- und Ausland konnte Prof. Dr. Detlef Sembill am 3. Juni in Bamberg zum dreitägigen internationalen Symposium "Das Rechnungswesen am Scheideweg: Lehren, Lernen und Prüfen" begrüßen. Die Tagung wurde vom Bamberger Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik zu Ehren des international renommierten Bildungsforschers und Wirtschaftspädagogen Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Frank Achtenhagen veranstaltet, der vor einigen Tagen seinen 65. Geburtstag feierte.
Denkender Buchhalter versus praktischer Buchhalter
Den Festvortrag zu Ehren des Jubilars hielt Prof. Dr. Holger Reinisch von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Reinisch zeigte historische Leitlinien in der Diskussion um das Rechnungswesen auf und erläuterte anhand der Gegenüberstellung eines denkenden und praktischen Buchhalters die Entwicklung von Qualifizierungsprozessen im Rechnungswesenunterricht. Reinisch plädierte für ein ganzheitliches Verständnis des Faches, das den Lernenden sowohl den Erwerb von Handlungskompetenz als auch den Zugang zum Verständnis ökonomischer Prozesse und Zusammenhänge ermöglichen muss. Schließlich forderte der Festredner eine verstärkte Internationalisierung der Forschung und wies auf einen Mangel an empirischen Studien zum Rechnungswesenunterricht hin.
Der zweite Veranstaltungstag wurde vom Leiter des zentralen Controllings der oberfränkischen Brose Gruppe, Herrn Hilmar Friedrich, eröffnet. Friedrich skizzierte den Aufstieg des weltweit operierenden Automobilzulieferers und verdeutlichte, welche Anforderungen die Steuerung der Produktion an den knapp 30 Standorten an das Controlling stellt. Die im Rahmen der Berufsausbildung bzw. des Studiums an (Fach-)Hochschulen erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten seien so zu flexibilisieren und mit Hintergrundwissen anzureichern, dass die Entwicklung ökonomischer Prozesse für die Gestaltungs- und Entscheidungsfindung der betrieblichen Abläufe nachvollziehbar genutzt werden können. Hier ? so Friedrich ? setze er auf die Innovationskraft der Hochschulen und der betrieblichen Weiterbildung.
Methodenkonflikt im Rechnungswesenunterricht
Die weiteren Vorträge und Diskussionsbeiträge beleuchteten den Rechnungswesenunterricht kontrovers und aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Konfliktlinie in der Diskussion verlief hierbei zwischen den eher instruktionalistisch orientierten Vertretern, die die Rolle des Lehrers stärker betonen und den eher konstruktivistisch ausgerichteten Forschern, welche die Lernenden in den Mittelpunkt rücken und handlungsorientiertes bzw. selbstorganisiertes Lernen propagieren. Als Vertreter der erstgenannten Richtung kann Prof. Dr. Wilfried Schneider von der Wirtschaftsuniversität Wien gelten, der in gewohnt engagierter Manier für eine Verbesserung der derzeitigen Unterrichtspraxis unter Beibehaltung der in der schulischen Praxis nach wie vor vorherrschenden Bilanzmethode eintrat. Im Unterschied zu Schneider plädoyierten Dr. Peter Preiß, Georg-August-Universität Göttingen, und Prof. Dr. Tade Tramm von der Universität Hamburg für eine Abkehr von der Bilanzmethode und stellten die seit Jahren in Niedersachsen erfolgreich umgesetzte Konzeption der Didaktik des wirtschaftsinstrumentellen Rechnungswesens vor.
Bamberger Online-Lernplattform EverLearn
Einen Beitrag zur Überwindung der fehlenden empirischen Durchdringung des Rechnungswesenunterrichts leistet das Forschungsteam des Bamberger Wirtschaftspädagogen Prof. Dr. Detlef Sembill, das sich in Zusammenarbeit mit einer Bamberger Berufsschule seit Jahren intensiv mit der Erstellung und Überprüfung von Unterrichtskonzeptionen für den Rechnungswesenunterricht beschäftigt. So konnten Dr. Jürgen Seifried und Dipl.-Hdl. Christina Klüber in der schulischen Praxis überprüfte Methoden zur Steigerung der Problem- und Handlungsorientierung im Unterricht vorstellen.
Zugleich präsentierte das Bamberger Forschungsteam einen Weg, wie die in der Feldforschung gewonnenen Erkenntnisse in die Lehrerausbildung einfließen. Hierzu stellten Dr. Karsten Wolf und Dipl. Wirtsch.-Inf. Helge Städtler die von ihnen entwickelte Online-Lernplattform EverLearn (www.everlearn.info) vor. In dieser Internet-Lernumgebung absolvieren Studierende im laufenden Sommersemester ein Online-Seminar zum diskutierten Thema.
Prof. Dr. Lothar Reetz von Universität Hamburg griff am dritten Veranstaltungstag das wichtige Thema der Überprüfung von Lernfortschritten und Lernergebnissen auf. Reetz beklagte die Einseitigkeit der bisher vorherrschenden Prüfungspraxis, bei der so genannte Situationsaufgaben lediglich eine nachrangige Rolle spielen. Will man aber im Unterricht Handlungs- und Problemorientierung fördern, so darf man in Zwischen- und Abschlussprüfungen nicht mit Multiple-Choice-Aufgaben lediglich Faktenwissen abfragen. Konkrete Einblicke in das Unterrichtsgeschehen bot schließlich Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Rolf Dubs (Universität St. Gallen), der zur Vermittlung wirtschaftsethischer Sachverhalte zum Thema 'Bilanzskandale' Unterrichtsversuche durchführte und anhand von Videoanalysen das Erfolgspotenzial seiner Vorgehensweise verdeutlichen konnte.
Einig war sich die versammelte Wissenschaftlerzunft am Ende der Tagung darin, dass dem Unterrichtsfach 'Rechnungswesen' als Vermittlungsinstanz ökonomischer Handlungskompetenzen und ökonomischen Verständnisses sowohl in betrieblicher als auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht auch in Zukunft große Aufmerksamkeit gewidmet werden muss. Schließlich sollte jeder, der mit kaufmännischer Bildung in Berührung gekommen ist, aktuelle ökonomische Entwicklungen nicht hilflos und unwissend gegenüberstehen, sondern zur Mitwirkung und Mitgestaltung fähig sein.
Seit 1999 besteht der Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Die Studierenden des Faches beenden ihr Studium nach neun Semestern als Diplom-Handelslehrer. Der erfolgreiche Abschluss des Studiengangs bietet zum einen die Möglichkeit, an berufsbildenden Schulen zu unterrichten, zum anderen besteht die Möglichkeit, eine anspruchsvolle Tätigkeit in der betrieblichen Praxis zu übernehmen.
Interessenten können sich noch bis zum 15. Juli bei der Studentenkanzlei um einen Studienplatz bewerben (www.uni-bamberg.de, E-Mail: studentenkanzlei@zuv.uni-bamberg.de). Nähere Informationen gibt es auch unter der Internet-Adresse wipaed.sowi.uni-bamberg.de.
News Sommersemester 2004 vom 29.06.04
wipaed.sowi.uni-bamberg.de.