Brückenschlag zwischen Psychologie und Medizin auf dem 4. Bamberger Neuropsychologir-Tag
"Raus an die Ränder der Nachbardisziplinen von Geistes- und Sozialwissenschaften zu gelangen" - diesem Ziel des Bamberger Neuropsychologie-Tages, der bereits zum vierten Mal in Bamberg stattfand, zollte Rektor Prof. Dr. Dr. habil. Ruppert einleitend seinen Respekt. Sein besonderes Lob galt der außergewöhnlichen Eigeninitiative der Veranstalter - die Abteilungen für Physiologische Psychologie, Prof. Stefan Lautenbacher, sowie Klinische Psychologie & Psychotherapie, Prof. Hans Reinecker, unter Schirmherrschaft der Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP) sowie Prof. Dietmar Lutz aus Bad Orb. Dank des Engagements von Professor Lutz konnten zahlreiche Firmensponsoren für die Veranstaltung gewonnen werden.
Prof. Dr. Stefan Knecht von der Universität Münster ging in seinem Teil der State of the Art-Lectures nicht nur auf die neurobiologischen Aspekte von Sprache ein, sondern machte auch deutlich, wie zentral die Sprachfähigkeiten für das Selbstverständnis des einzelnen Menschen sind. Neurologische Sprachstörungen können sich deshalb psychisch regelrecht katastrophal auswirken.
Mit dem speziellen Störungsbild der Aphasie, bei der das Sprachverständnis gestört ist, beschäftigt sich PD Dr. Ernst G. de Langen, u.a. als Leiter einer Sprachtherapieabteilung. Ein effektives Vorgehen in der Aphasietherapie setze eigentlich eine fundierte akademische Ausbildung der Therapeuten voraus, wie sie z.B. in den Niederlanden selbstverständlich sei.
PD Dr. Horst Baas stellte die "Ätiologie und Therapieprinzipien bei Morbus Parkinson" vor. Der Mangel an Dopamin, Neurotransmitter im Gehirn, spielt eine entscheidende Rolle für die Symptombildung: Charakteristisch sind die im Verlauf der Erkrankung zunehmenden motorische Einschränkungen, wie z.B. Schwierigkeiten beim Beginn einer Bewegung. Hinsichtlich der Entstehungsursachen ist laut Baas am ehesten von der Vererbung einer Disposition auszugehen, die dann zu einer Manifestation der Erkrankung führen kann, wenn bestimmte belastende Umweltfaktoren hinzukommen. In Verdacht stehen z.B. pestizidhaltige Pflanzenschutzmittel. Hoffnung setzt Baas auf ein neuartiges Therapieverfahren, bei dem Retinazellen verpflanzt werden, die das bei Morbus Parkinson notwendige Dopamin produzieren und im Gegensatz zu Stammzellen nicht zu unkontrolliertem Zellwachstum neigen.
Die bei Morbus Parkinson auftretenden kognitiven und emotionalen Veränderungen wurden von Dr. Jennifer Ueckermann und Prof. Dr. Bernd Leplow dargestellt. Der Fragestellung "Was ist überhaupt Depression bei Morbus Parkinson?" ging schließlich Prof. Dr. Klaus W. Lange (Uni Regensburg) nach; um auf die Besonderheiten der affektiven Veränderungen bei Morbus Parkinson hinzuweisen.
PD Dr. Michael Macht von der Universität Würzburg stellte die Möglichkeiten im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie vor, mit denen die von Parkinson Betroffenen bei der Symptombewältigung und Verarbeitung der Krankheit unterstützt werden können. Er kritisierte, dass die spezifischen Probleme des jeweiligen Patienten zu wenig beachtet würden und plädierte dafür, zunächst immer eine individuellen Problemanalyse durchzuführen und aus dieser die speziellen Therapiemaßnahmen, z.B. zur Stressbewältigung, abzuleiten.
Bei Vorliegen einer schizophrenen Störung sind neuropsychologisch betrachtet schwerpunktmäßig "Aufmerksamkeit, Gedächtnis und die exekutiven Funktionen" von Einschränkungen betroffen, so Prof. Stefan Lautenbacher in seinem Vortrag im Rahmen des zweiten Teils der State of the Art-Lectures. Untersuchungen haben gezeigt, dass am besten die Ermittlung der Fähigkeiten des Betroffenen im Bereich des Verbalgedächtnisses geeignet sind, eine Zukunftsprognose zu stellen, z.B. dahingehend, ob der Betroffene die Belastungen eines Studiums bewältigen könnte, ohne den erneuten Ausbruch der Störung zu riskieren. Stress stellt bei vorliegender Vulnerabilität für Schizophrenie einen Auslösefaktor dar.
Ein Instrument zur Behandlung der oben genannten neuropsychologischen Defizite, unter denen 60-70 Prozent der Betroffenen leiden, stelle das Programm "COGPACK" dar, erklärte Lautenbacher. Leider werde dieses allerdings in vielen psychiatrischen Einrichtungen viel zu unsystematisch und damit nur als eine Art "Hirnjogging" eingesetzt. Damit würden wertvolle Chancen zur Verbesserung z.B. der Aufmerksamkeit vertan, die das Verfahren eigentlich biete.
Prof. Lautenbacher kündigte zum Abschied der Veranstaltung an, dass man sich schon auf den nächsten Neuropsychologie-Tag im Jahr 2006 freuen darf: Der Schwerpunkt des Symposiums werde das Thema "Epilepsie" sein.
News Sommersemester 2005 vom 06.07.05