Museum für Kommunikation Nürnberg zeigt Briefe an die Mächtigen der Welt

Die Titelseite der französischen Tageszeitung „L´Aurore“ vom 13.1.1898 mit Émile Zolas Offenem Brief an den Präsidenten der französischen Republik. Unter der Überschrift „J´accuse“ beklagt er die antisemitisch motivierte Verurteilung und Verbannung des Generalstabsoffiziers Alfred Dreyfus wegen angeblicher Spionage und erreicht durch die so angestoßene Kampagne dessen Rehabilitierung (Bild: Museum für Kommunikation Nürnberg)

Der Bamberger Autor und Literaturwissenschaftler Rolf-Bernhard Essig ist Kurator der Austellung (Bild: Thomas Görne)

Aus der Vogelperspektive: die intime Ausstellung, die nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Hören und Anfassen einlädt (Bilder: Museum für Kommunikation Nürnberg)

1995 verriss der renommierte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki im SPIEGEL den Roman „Ein weites Feld“ von Günter Grass. Dazu wählte er die Form eines Offenen Briefes an den Autor. Großes Aufsehen erregte damals auch das Titelbild, das den Verriss bildlich zu fassen versucht
Im Mittelalter war er Instrument des Machtkampfes zwischen weltlichen Herrschern und dem Papst und die Reformation hätte ohne Offene Briefe in Form von Flugschriften wohl nicht stattgefunden. Seine heutige Form und Bedeutung verdankt der Offene Brief jedoch Émile Zolas Schreiben an den französischen Präsidenten, das bis heute die Meister des Wortes dazu inspiriert, ihr Schweigen zu brechen.
„‚J’accuse…!’ machte den Offenen Brief zur modernen publizistischen Gattung“, erklärt Dr. Rolf-Bernhard Essig, Kurator der Ausstellung „Der Offene Brief – Kämpferische Post von Luther bis Grass“. „Gleichzeitig entstand das Wort ‚Intellektueller’ interessanterweise zunächst als Schimpfwort. Beide Phänomene waren danach untrennbar miteinander verbunden.“ Noch bis zum 28. Oktober zeigt das Museum für Kommunikation in Nürnberg etwa dreißig Beispiele aus den vergangenen fünf Jahrhunderten. Schwerpunkt der Ausstellung sind Offene Briefe aus dem Deutschland des 20. Jahrhunderts, ohne jedoch auf aktuelle Beispiele wie Angela Merkels Brief an die „Lieben Bürgerinnen und Bürger“ zu verzichten.
Offene Briefe sind eine Art Zwitterwesen. Sie verwenden die äußere Form des Briefs, gerichtet sind sie jedoch vor allem an die Öffentlichkeit. Gesellschaftliche Ereignisse und Missstände werden in zugespitzter Form dargestellt. Der Adressat wird zu einer Reaktion aufgefordert. „Intellektuelle wollen damit vor allem bekunden, nicht geschwiegen zu haben“, bringt Essig die Motivation vieler Publizisten auf den Punkt. Dem Leser bleibt das voyeuristische Gefühl, an einem privaten Streitgespräch teilzuhaben.
Zolas Beispiel weist auch auf die Gefahren hin, die Offene Briefe bergen. Auf begrenztem Platz verkürzen, personalisieren und skandalisieren prominente Schreiber oft komplexe Sachverhalte. Für Zola und Frankreich waren die Folgen dramatisch: es gab im ganzen Land Duelle, Streitigkeiten in Familien und unter Freunden, Zola aber musste ins Exil fliehen.
Auch der deutsch-jüdischen Philosoph Theodor Lessing konnte die Öffentlichkeit durch seinen Appell an den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg nicht beschwichtigen. Nach seiner Flucht ins böhmische Marienbad wurde er 1933 von nationalsozialistischen Auftragsmördern erschossen. Neben der Beleuchtung solcher, teils tragischer Begleitumstände, soll die Nürnberger Ausstellung vor allem durch ihre Atmosphäre wirken. „Wir möchten den Besuchern eine gemütliche und feierliche Stimmung bieten, in der sie die Exponate mit den eigenen Händen greifen und in ihnen schmökern können“, sagt Dr. Stefan Kley, Leiter des Museums für Kommunikation.
Ein Kuriosum in der Ausstellung stellen die so genannten Tarnschriften dar. So wurde zum Beispiel Thomas Manns vielfach übersetzter Offener Brief anlässlich der Aberkennung seiner Ehrendoktorwürde an der Uni Bonn im Jahr 1937, eine eindrucksvolle Abrechnung mit den Nazis, als „Werbeprospekt für rauchlose Bratöfen“ im Dritten Reich verbreitet.
In der Nachkriegszeit griffen deutsche Schriftsteller in West und Ost zur Feder, um gegen Wiederbewaffnung oder den Mauerbau anzuschreiben. Ob Bertolt Brecht, Günter Grass oder Ulrike Meinhof, sie alle schätzen den Offenen Brief, weil er auf Bedeutung und Verantwortung der Person beharrt. Beispiele wie der 1978 im Radio gesendete Offene Brief von Carl Amery an Rudolf Bahro haben eine erschreckende Aktualität, geht es doch um die drohende Klimakatastrophe. Diese und andere Beispiele sind in kommentierter Form auch in der zur Ausstellung erschienenen Anthologie „Wer schweigt wird schuldig!“ nachzulesen.
Heute bietet das Internet eine grenzenlose Plattform für Offene Briefe und beflügelt die Kreativität ihrer Verfasser. Schwierig erscheint es jedoch, in den unendlichen Informationsweiten des Internets das zu erreichen, was dem Offenen Brief seine Schlagkraft verleiht: die Aufmerksamkeit der Massen.
Noch bis zum 28. Oktober ist die Ausstellung „Der Offene Brief – Kämpferische Post von Luther bis Grass“ im Nürnberger Museum für Kommunikation zu sehen. Im Internet finden Sie Informationen zur Ausstellung [
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Anthologie zur Ausstellung: „Wer schweigt wird schuldig! Offene Briefe von Martin Luther bis Ulrike Meinhof“ von Rolf-Bernhard Essig und Reinhard M. G. Nickisch, erschienen im Göttinger Wallstein-Verlag, 19,90 €.
News Sommersemester 2007 vom 26.07.07