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"Persisch ist wie Zucker..."

Deutsch-Iranisches Freundschaftsspiel in Bamberg: Ein Intensivkurs lehrte Studie

Von Konstantin Klein

Deutsch-Iranisches Freundschaftsspiel in Bamberg: Ein Intensivkurs lehrte Studierende, Nachkommen von Migranten sowie Fach- und Führungskräfte aus der Wirtschaft Persisch im Zeitraffer.

Deutsch-Iranisches Freundschaftsspiel in Bamberg: Ein Intensivkurs lehrte Studierende, Nachkommen von Migranten sowie Fach- und Führungskräfte aus der Wirtschaft Persisch im Zeitraffer.

Auswärtsspiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft locken gewöhnlich so manchen zu Live-Übertragungen auf Großleinwänden. Vor einer solchen fand sich am 12. Oktober auch eine Gruppe von etwa zwanzig Studierenden und Dozenten in einem Hörsaal der Bamberger Universität zusammen: An diesem Tag traf in Teheran die DFB-Auswahl zugunsten der Erdbebenopfer von Bam vor 110.000 Zuschauern auf die iranische Nationalmannschaft.

Die Zuschauer in den Räumen der Bamberger Orientalistik interessierten sich jedoch nicht nur für Fußball, sondern auch für die Sprache Irans. Sie alle nahmen am ersten Persisch-Intensivkurs teil, den der Lehrstuhl für Iranistik in Zusammenarbeit mit dem Landesspracheninstitut Bochum (LSI) veranstaltete, ein Bamberger Pilotprojekt. Denn auch wenn Persisch an einigen deutschen Hochschulen angeboten wird, so gab es bislang doch keine Intensivkurse. Eine Besonderheit des Bamberger Kurses war dabei, dass an ihm auch außeruniversitäres Publikum teilnehmen konnte.

Effektiver Spracherwerb

Beide Einrichtungen, die Bamberger Iranistik sowie das LSI, gehen davon aus, dass sowohl im universitären Umfeld als auch im nichtakademischen Bereich gegenwärtig großer Bedarf an einem Angebot nach einem solchem Kurs existiert. "Iran und Deutschland betrachten sich wechselseitig als wichtige Partner, mit zahlreichen bilateralen Beziehungen, Kontaktebenen und Berührungspunkten", so Prof. Dr. Lutz Rzehak, Initiator des Intensivkurses auf Bamberger Seite. "Fremdsprachenpolitischer Bedarf ist vorhanden im Bereich der schulischen Aus- und Weiterbildung, des kulturellen Austauschs und - mit zunehmender Tendenz - im Bereich der wirtschaftlichen Beziehungen."

Die iranische Wirtschaft war es auch, die das Projekt finanziell unterstützte. Bereits im Mai 2004 trafen sich Persischlektoren und Sprachbuchautoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum und dem Iran sowie Vertreter außeruniversitärer Einrichtungen zu einem Workshop "Persisch Intensiv" in Bamberg. Das damals aus der Taufe gehobene Konzept sollte mit sofort anwendbarem Wissen die Sprachausbildung effektiver machen. Das bis dahin vier Semester dauernde Studium des Persischen ließe sich so um ein Semester verkürzen, und die Form eines Intensivkurses böte sich auch für ein nichtuniversitäres Publikum an, so die Ergebnisse des Workshops. Im Zentrum sollte dabei die kommunikative Orientierung des Sprachunterrichts stehen.

"Spion" heißt "dschâsûs"

Fünf Monate später übte Wiebke Wagner noch am Abend des ersten Unterrichtstags mit einem Bleistift im Mund bei sich zuhause. Vor ihr lagen diverse Unterrichtsmaterialien auf dem Fußboden ausgebreitet. Die Altorientalistikstudentin aus Würzburg versuchte, das Zungen-"R" zu üben. Hilfsbereite Kursteilnehmer hatten ihr den Tipp gegeben, dass es mit dem Schreibgerät im Mund ganz einfach sei. Allerdings konnte keiner mehr mit Bestimmtheit sagen, wie der Stift eigentlich genau positioniert sein sollte. Während Wiebke noch mit der Aussprache kämpfte, pinselte ihre Kollegin Maria Keller aus Frankfurt die neu gelernten Vokabeln auf grüne Karteikärtchen. Herkunftsangaben, Berufe und einsilbige Wörter fanden sich auf ihrer ersten Wörterliste: "Kuss" heißt "bûs" - das kann man sich merken; "Persisch" heißt "fârsî" und "Spion" "dschâsûs".

"Ein paar Stunden sollte man schon in die Nacharbeit investieren", erklärt Bernhard Staffa, der in Bamberg Islamkunde und Arabistik studiert. Die Idee des Intensivkurses befürwortet er sehr, da sich schnell sichtbare Erfolge abzeichnen. Etwas ärgerlich sei es jedoch für ihn gewesen, als er nach drei Wochen Intensivkurs mit den beiden Sprachen Persisch und Arabisch bisweilen durcheinander kam.

Lingua Franca im Osten der islamischen Welt

Denn die arabische Schrift ist beiden Sprachen gemein. Das Persische besitzt überdies vier zusätzliche Zeichen, da der Lautbestand ein anderer ist. Von rechts nach links werden die 33 Buchstaben geschrieben, deren Form davon abhängt, ob sie am Wortanfang, in der Wortmitte oder am Wortende stehen. Wie im Arabischen gibt es in der Schrift keine eigentlichen Vokale, die richtige Vokalisierung ergibt sich erst aus dem Sinnzusammenhang.

Auch wenn sich beide Sprachen im Lauf der Jahrhunderte gegenseitig beeinflusst haben, so weisen sie doch vollkommen unterschiedliche grammatikalische Strukturen auf. Im Gegensatz zum semitischen Arabisch ähnelt Persisch als indogermanische Sprache im Satzbau eher den romanischen oder germanischen Sprachen. Die Rolle des Arabischen als Sprache von Kultus und islamischer Bildung konnte Persisch nie einnehmen, allerdings hatte es nahezu im gesamten Osten der islamischen Welt eine Mittlerfunktion als lingua franca inne. Heute gliedert es sich vor allem in drei Hauptvarianten: in das im Iran gesprochene Fârsî, das in Tajikistan beheimatete Tâjîk sowie Darî, die Amtssprache Afghanistans. Zwei Kursteilnehmer, die sich beim Auswärtigen Amt bewerben wollen, erhoffen sich gerade durch die Sprachkenntnisse für Afghanistan bessere Chancen.

Zuckerbrot und Peitsche?

Der Bamberger Kurs war von Beginn an für einen gemischten Adressatenkreis konzipiert. Zur Zielgruppe gehören Studierende der Orientalistik, die einen raschen Einstieg ins Neupersische suchen, Angehörige der zweiten oder dritten Migrantengeneration, die wissenschaftlich fundiert die Sprache ihrer Eltern und Großeltern erlernen möchten, sowie Fach- und Führungskräfte aus Wirtschaft, Verbänden und staatlichen Einrichtungen. Mit 19 Anfängern war die Resonanz deutlich höher als bei den semesterbegleitenden Kursen der vergangenen Jahre. Dennoch stellte die Gruppe der Studenten die Mehrzahl der Kursteilnehmer.

Ob nun Französischdolmetscherin, Mathematik- oder aber Iranistikstudent - alle konnten am ersten Unterrichtstag ihren Materialien eine durchaus verheißungsvolle Aussage entnehmen: "Fârsî shekar ast" - "Persisch ist (wie) Zucker". Ob sich in Anbetracht des straff organisierten Unterrichts manch einem das Bonmot von "Zuckerbrot & Peitsche" aufgedrängt hat? - "Auch wenn der Intensivkurs manchmal wirklich hart und anstrengend war, so hat es gleichermaßen große Freude bereitet, täglich die eigenen Fortschritte sehen zu können", meinte eine Teilnehmerin am Ende des Kurses.

400 Wörter in drei Wochen

Zeit zur Erholung fanden die Teilnehmer vom 27. September bis zum 15. Oktober, als an der übrigen Universität eigentlich noch Semesterferien waren, freilich nur wenig - bei insgesamt 103 Stunden Unterricht, dazu etwa 25 Vokabeln täglich. Nach Ablauf der drei Wochen sollte ein Minimalvokabular von etwa 350 bis 400 persischen Wörtern gelernt sein. "Für tiefgründige Diskussionen ist das sicherlich noch nicht ausreichend, aber auch schon ein kleiner "Smalltalk" kann einem viele Türen öffnen", so Prof. Rzehak, der stolz berichtet, dass kein Teilnehmer aufgrund der Lernbelastung abgesprungen sei. Wöchentlich wurde evaluiert, Anregungen meist gleich in die Tat umgesetzt. Gespannt warten die insgesamt vier Dozenten nun auf den Bericht der Abschlussevaluation, die von Lic. phil. Madeleine Voegeli von der Universität Bern durchgeführt wurde. Die Schweizerin hospitierte einige Tage in Bamberg und führte individuelle Gespräche mit den Kursteilnehmern.

Wer nun Lust bekommen hat zu prüfen, ob Persisch wirklich so süß wie Zucker ist, der kann diesem Verlangen bei einem weiteren Intensivkurs nachkommen. Dieser wird allerdings in Bochum in den Räumen des Landesspracheninstituts stattfinden, weshalb dann der Anteil des außeruniversitären Publikums größer sein dürfte. Dabei soll auch ein verstärktes Begleitprogramm angeboten werden. So wird dem eigentlichen Spracherwerb ein interkulturelles Seminar zu Iran und Afghanistan vorangehen. Start ist der 21. März 2005, pünktlich zum persischen Neujahrsfest "naurûz".

 

News Wintersemester 2004/2005 vom 04.11.04