Interdisziplinäres Symposium über ?Musik und Kultur im jüdischen Leben der Gegenwart
Nach dem Holocaust wurde jüdische Musik häufig zum Ort des traumatisierten Subjekts und des Schmerzes. Heute feiert die traditionelle Klezmer-Musik weltweit eine Wiedergeburt. Ein interdisziplinäres Symposium widmete sich der Musik und Kultur im jüdischen Leben der Gegenwart.
"Wir haben beide unser Volk nicht auserlesen. Sind wir unser Volk" Was heißt denn Volk? Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?? Besser als mit diesen Zeilen aus Lessings "Nathan der Weise" ließe sich die Botschaft des Symposiums "Musik und Kultur im jüdischen Leben der Gegenwart" wohl nicht ausdrücken. Die Veranstaltung mit Vorträgen aus Theologie, Musikwissenschaft, Kunstpädagogik, Literaturwissenschaft und Philosophie fand am 21. und 28. November in der AULA statt. Max Peter Baumann, der in Bamberg die Professur für Ethnomusikologie und Volksmusik inne hat und das Symposium leitete, fasste diese Haltung der Toleranz in seinem Schlusswort so zusammen: "Am Ende sind wir alle Menschen".
" 'Auf der Ebene ihrer je eigenen Identität verbunden' (Johannes Paul II.) - theologische Überlegungen zum christlich-jüdischen Dialog", lautete der Vortrag von Prof. Dr. Heinz-Günther Schöttler. Judentum und Christentum seien miteinander verbunden, doch dieses Miteinander-verkettet-Sein habe eine tragische Gestalt angenommen. Schöttler appellierte an beide Religionen, sich einander zu öffnen und kennen zu lernen, um Vorurteile abzubauen. "Es geht darum, eine neue Sichtweise zu gewinnen, indem in den Unterschieden nicht das Trennende, sondern das Verbindende gesucht wird."
In diesem Sinne sind auch Prof. Dr. Roland Simon-Schaefers Ausführungen zum Thema "Deutsch-jüdische Symbiose" zu verstehen. Sein Anliegen formulierte er deutlich: "Wir sollten unsere europäische Kultur nicht regionalisieren und bestimmten Menschen zuordnen". Das Judentum sei vielschichtig, das "spezifisch Jüdische" entdecken zu wollen führe dagegen bloß zu klischeehaften Standardisierungen. Es sei, wie wenn man versuchen würde, die Deutschen auf das Gericht Sauerkraut zu reduzieren.
Drei der prägnantesten Persönlichkeiten des vorigen Jahrhunderts waren Juden deutscher Herkunft, erinnerte Simon-Schaefer. Freud verschaffte uns ein neues Verständnis vom menschlichen Innenleben, Marx revolutionierte unsere politischen Vorstellungen, und Einstein erweiterte mit seiner Relativitätstheorie das Wissen um unser Universum. Der enorme Beitrag der Juden zur neuzeitlichen abendländischen Kultur stehe daher in keinem Verhältnis zur kleinen Bevölkerungszahl dieser Gruppe. Einen möglichen Grund für dieses Phänomen sah Simon-Schaefer in der Tatsache, dass Juden immer schon Opfer und Verfolgte waren. "Man könnte meinen, deshalb hätten sie gewissermaßen eine besondere Intelligenz entwickelt." Zu einer Illusion geworden sei durch die Verbrechen der Nazis der frühere Glaube an die humanisierende Wirkung von Kunst. Adornos Aussage, nach Auschwitz sei kein Gedicht mehr möglich, sei zwar empirisch falsch, so Simon-Schaefer, doch spreche dieser bedenkenswerte Satz genau diese Vernichtung unserer Menschlichkeit an.
Die Gültigkeit einer solchen Feststellung zeigte Dr. Tim Becker am Beispiel der Musik. Musik sei zum Ort des traumatisierten Subjekts, zum Ort des Schmerzes und des Vernichtungslagers geworden. Neue jüdische Kompositionen seien nicht mehr Musik, die das Herz ergreife, sondern Musik, die handgreiflich werde, die durch körperliche Strukturen hindurch versuche einzuschreiten. Becker verwies auf atonale Werke, denen Exil, Vertreibung, Vernichtung, Entwurzelung, Sprachlosigkeit als musikalische Begriffe dienten. Nach Beckers Worten wird Dissimilation als zentraler Gegenstand dieser Musik zum ästhetischen Paradigma in der Kunst. "Die neue Verantwortlichkeit des Künstlers besteht darin, Kunst als Gesellschaftskritik zu betrachten."
Die weiteren Vorträge boten einen umfassenden Einblick in die unterschiedlichen Bereiche jüdischer Musik und Kultur. Teilweise bezogen sie sich aufeinander und ergänzten sich, sodass trotz der Vielschichtigkeit der Themen ein Zusammenhang hergestellt werden konnte. Die weiteren Referate behandelten unter anderem "Klezmer und Klezmorim im Zeitalter der Globalisierung", "Jüdisches Leben in Bamberg", "Jüdische Tradition im Spiegel der Neuen Musik", "Marc Chagall und die jüdische Lebenswelt", "Assimilation und A-Topie in der Ästhetik jüdischer Filmemacher". In einem Vortrag mit Musik wurden musikalische Inhalte des Schabbathgottesdienstes mit ausgewählten Beispielen dargeboten, vorgetragen von Mitgliedern des Synagogenchors der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg. In das theoretische Gerüst dieses jüdischen Ruhe- und Feiertages, der von Freitag- bis Samstagabend dauert, führte Dr. Antje Deusel, Kulturreferentin der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg, ein.
Die Begleitausstellung "Klezmer - hejmisch und hip" über Geschichte und Aktualität der Klezmermusik ist noch bis zum 5. Dezember in der AULA (ehem. Dominikanerbau) zu sehen (tägl. 14-20 Uhr).
News Wintersemester 2004/2005 vom 01.12.04