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Mozarts Charmeurpotenzial

Musik in der Universität: Mozartabend der Pianistin Tomoko Ogasawara

Von Rupert Plischke

Mozarts „Charmeurpotenzial“ ist auch 250 Jahre nach seiner Geburt ungebrochen...

... erlegen sind ihm auch die Pianistin Tomoko Ogasawara und Helga Doerks-Bode (Bilder: „Bologna Mozart“; Quelle: Wikimedia; Julian J. Rossig)

Dem Zauber des Augenblicks durfte sich hingeben, wer am 14. Juni den Klavierabend von Tomoko Ogasawara besucht hatte – und alle, die angesichts eines reinen Mozartprogramms vielleicht skeptisch gewesen sein mochten, wurden schlagend widerlegt.

Gregor Wind vom Lehrstuhl für Musikpädagogik und -didaktik, Organisator der Reihe „Musik in der Universität“, sorgte zu Beginn des Mozartabends am 14. Juni mit seiner Musik für eine Reise in die Epoche der Kaffeekultur und Turkomanie, vor allem gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Daneben trug die Pädagogin Helga Doerks-Bode aus einem Text des Mozartbiographen Volkmar Braunbehrenst vor, der – garniert mit verschiedenen Briefauszügen über, an und von Mozart – geistreiche Einblicke in sein Leben und Musizieren, aber auch sein Charmeurpotenzial gegenüber seinen Gönnerinnen gab.

Eine weite Welt

Im Zentrum war aber unbestritten die Musik, die drei Sonaten KV 330-332, die Tomoko Ogasawara in höchster Meisterschaft interpretierte: souverän die Gesamtanlage disponierend und damit Gegensätze ausgleichend wie im Verhältnis von Kopfsatz und Dur-Menuett aus KV 331 beziehungsweise Spannung im Kleinen aufbauend. Dies gelang in buchstäblich jedem Takt, in jeder scheinbar noch so belanglosen Begleitphrase, die unter den Händen der Pianistin zu höchst raffinierten Spiegelungen, verspielten Kommentaren, zaghaften Einwürfen oder schlicht unaufdringlich effektvollen Registerwechseln gerannen. Drei Sätze je Sonate – und doch, welch eine weite Welt!
Wie sich hier das Thema der F-Dur-Sonate in geschmeidig aufblühendem Melos leicht und endlos fließend verströmte, um nach einigen dunklen Schattenpartien rasch und leichtherzig wieder an Fahrt zu gewinnen und auch dramatische Wendungen nicht zu scheuen! Faszinierend war zu verfolgen, wie geschlossen, spannungsvoll und doch völlig natürlich Ogasawara diese Musik atmete und nachgestaltete, die durch ihre Pausen und Zäsuren, Vorhalte oder harmonischen Reibungen so leicht zur überladenen Geste verführt. Die innere Kraft der Musikerin zeigte sich auch angesichts der  Anlage der langsamen Sätze. Bleibt im Andante cantabile von KV 330 die pochende Begleitfigur Verheißung oder bedrohliche Warnung neben dem gesanglichen Legato, so entfaltete sich im Adagio von KV 332 über der gemessenen Bewegung der Linken schon nach wenigen Takten eine rasche harmonische Wendung, die in schmerzensreiche Regionen lenkte; unwillkürlich drängte sich die große Innigkeit mancher Sopranarie einer zweifelnden Seele aus Mozarts Opern auf.

Überhaupt gelang es Ogasawara auf verblüffende Weise, ein ganzes Repertoire an zarten und innigen Empfindungen im Zuhörer wachzurufen, für deren Dimensionen uns leider weitgehend die Worte abhanden gekommen sind. Umso erstaunter und dankbarer erlebt man, wie diese Dimensionen des Humanen durch die und in der Musik weiterleben können. Doch zeigen Mozarts Sonaten auch die Kraft und Bestimmtheit des jugendlichen Genies; allein mit der Überfülle an Vorhalten und metrischen Scherzen im Finale der F-Dur-Sonate dürfte er wie nebenbei fast alle seine Konkurrenten böse deklassiert haben; jedenfalls schien Ogasawara auf eine Demonstration des musikalischen Überbordens abzuzielen – sie badete ihr Publikum geradezu in Klangnuancen und überraschenden Effekten.

Schließlich, als Zugabe, die d-Moll-Fantasie. Auch wer nicht an biographische Deutungen glaubt: bietet nicht gerade sie sich nach all den Ausführungen zu Mozart geradezu als Spiegel seiner Hoffnungen, seines Stolzes und seiner Enttäuschungen an? Ach, Mozart, wir werden nicht fertig –  und wollen es auch gar nicht…

News Sommersemester 2007 vom 20.06.07