Abiturienten schnupperten beim offenen Studientag der Fakultät Katholische Theologie
In zwei Wochen beginnen in Bayern die Abiturprüfungen. Ist diese Hürde geschafft, streben viele ein Studium an. Um den Kollegiaten einen ersten Einblick in das akademische Leben zu geben, lud die Fakultät Katholische Theologie zusammen mit der Hauptabteilung Schule und Religionsunterricht im Erzbischöflichen Ordinariat Kollegiaten und Kollegiatinnen aus dem ganzen Erzbistum nach Bamberg ein.
Beim offenen Studientag der Fakultät Katholische Theologie am 14. April schnupperten etwa 180 Abiturienten Uni-Luft. Vorbereitet wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Horst Herion (Lehrstuhl für Religionspädagogik und Diadaktik des Religionsunterrichts), Konstantin Lindner und Dr. Andrea Kabus. Unter der weißen Stuckdecke im großen Hörsaal lauschten die Schüler und Schülerinnen drei Kurz-Vorlesungen Bamberger Theologie-Professoren. Dabei erfuhren die Abiturienten viel Neues. Zum Beispiel, warum die sogenannte "Naherwartung" der ersten Christen, also der Glaube an die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft Jesu Christi, noch heute wichtig ist - "weil der christliche Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod Konsequenzen im Hier und Jetzt zeigt", so Prof. Lothar Wehr, Inhaber des Lehrstuhls für Neutestamentliche Wissenschaften. Im Klartext: Christen, die an ein Leben nach dem Tod glauben, verhalten sich bereits in dieser Welt entsprechend. "Der Christ hat aus seinem Sein aus Christus heraus ein großes Potenzial, die Welt zu verändern", betonte Wehr.
Der Glaube an den liebenden Gott und die Würde jedes Menschen kann auch erheblichen politischen "Sprengstoff" enthalten. Darauf machte Marianne Heimbach-Steins, Professorin für Christliche Soziallehre, aufmerksam. Das Christentum vertrage sich beispielsweise nicht mit Diktaturen, die die Menschenrechte missachteten. Diese Maßstäbe müsse die Kirche aber auch auf sich selbst anwenden. Das falle ihr zuweilen schwer. Heimbach-Steins belegte ihre These anhand der Entwicklung der modernen Menschenrechte. "Es war schwer für die Kirche, die Menschen in die Freiheit der Moderne zu entlassen", kommentierte sie die anfängliche Abwehrhaltung der Päpste. Papst Pius IX. habe 1864 noch vom "Wahnsinn der Gewissensfreiheit" gesprochen. Heute ist das Vergangenheit. Längst kämpft auch die Kirche für die Wahrung der Menschenrechte, wie die zahlreichen Sozialenzykliken belegen. Dennoch: "Der Lernprozess ist noch nicht zu Ende", zog Heimbach-Steins ein kritisches Fazit.
Besonders gefesselt waren die Schüler jedoch vom Vortrag Volker Eids. Der Priester und Professor für Moraltheologie erklärte, dass christlich gelebte Moral mehr bedeute, als nur Vorschriften einzuhalten. Jeder Mensch müsse wählen, nach welchen Gesichtspunkten er sein Leben ausrichte. "Der Wert des Christentums ist der Wert einer vernünftigen und überzeugend angebotenen Lebensform", erklärte Eid. Jeder Mensch trage die Verantwortung für sein Leben, aber auch für das der anderen. Der Theologe erteilte einer autoritäts-abhängigen Moral eine Absage und plädierte stattdessen für eine "aus Überzeugung gewählte, gewissenhaft gelebte, selbstbewusste und solidarische Moral". Der christliche Glaube müsse als begründete Überzeugung dafür stehen, dass nicht Willkür und Rücksichtslosigkeit das Letzt-Gültige sind.
Solche klaren Worte gefielen den jungen Erwachsenen. Dennoch: Die meisten halten die Kirche für konservativ und deshalb dringend reformbedürftig. In der Diskussion bekamen die Theologie-Professoren zu hören, was Schüler heute beschäftigt: Was sie einem Mädchen raten würden, das ungewollt schwanger ist? Gibt es die Befreiungstheologie noch? Warum können Frauen nicht Priester werden? Warum gibt es den Zölibat noch? Fast alle Jugendlichen wünschten sich eine "modernere Kirche". Florian Nestmann aus Bamberg möchte, "dass die Kirche selbst sich modernisiert, dass sie also für die Jugend ansprechbar bleibt. Konkret denke ich an Investitionen für die Jugendarbeit, denn die Jugend ist die Zukunft". Außerdem wünschte sich der Abiturient "ansprechendere" Gottesdienste - vor allem für Jugendliche. Christina Raab vom Maria-Ward-Gymnasium in Nürnberg erklärte, sie hoffe, dass die Kirche sich "weg vom Konservativen, hin zur Moderne" entwickelt.
Am Ende zeigten sich auch die Lehrer zufrieden. Zum Beispiel Josef Motschmann, der mit seinem Leistungskurs Religion vom Clavius-Gymnasium und den "Englischen Fräulein" in Bamberg besuchte. "Ich denke, dass die Schüler hier gemerkt haben: Theologie hat etwas mit dem Leben zu tun, mit dem Alltag. Theologie ist etwas Lebendiges und nichts Langweiliges." Der Pädagoge möchte auch im nächsten Jahr wieder mit Schülern die Fakultät Katholische Theologie besuchen.
News Sommersemester 2005 vom 26.04.05