Ulrike Draesner eröffnete ihre Poetikprofessur mit einem Vortrag über Herkunft, Heimat und ein populäres Küchenwerkzeug
„Wir leben in einer pürierten Zeit“, mit dieser zermalmenden Feststellung setzte Ulrike Draesner am 13. Juni An der Universität 7 an, um den ersten Vortrag ihrer Bamberger Poetikprofessur zu eröffnen. Die geborene Münchnerin, die seit 1994 als freie Autorin und Übersetzerin in Berlin tätig ist, tritt damit in die großen Fußstapfen so namhafter Autoren wie Adolf Muschg, Tankred Dorst und Uwe Timm. „Seit genau zwanzig Jahren schafft die Einrichtung der Poetikprofessur einen Ort der Begegnung“, sagte Prof. Dr. Friedhelm Marx, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. In insgesamt vier Vorträgen stellt Ulrike Draesner unter dem Titel „Zauber im Zoo. Reden von Herkunft mit dem Ende des Alphabets“ ihre Poetik vor und präsentiert Ausschnitte aus ihrem breit gefächerten Werk.
Marx pries die promovierte Germanistin Draesner in seiner Einführung als eine der spannendsten Autoren der Gegenwart, die Kritik nannte ihren Romanerstling einen der intelligentesten Romane dieser Tage: Hohe Erwartungen waren also gesteckt, denen Ulrike Draesner jedoch zweifelsohne gerecht wurde. Unter dem Titel „Zeugen: Pürierte Helden – oder: warum wir noch immer/schon wieder von Herkunft erzählen“ berichtete sie im ersten Vortrag von genmanipulierten Hühnern, von Klonen und vom ewigen Heimkehrer, Odysseus. Schwierig war es lediglich, die Grenzen zwischen wissenschaftlichem und literarischem Vortrag herauszuhören: Draesners nie versiegender Redefluss ließ keine Trennstriche nach rezitierter Lyrik oder Prosa zu, und auch die bisweilen artifizielle Wortwahl machte ein Unterscheiden schwer. Ihre melodische Stimme und die so bewusst gewählten Worte bannten das Publikum wie bei einer Dichterlesung. Der Inhalt jedoch war schneidend wie die Messer eines Mixers.
Ulrike Draesner setzte ihren Pürierstab an und dekonstruierte eine ganze Welt zu Mus. Das entstehe, erklärte die Autorin, eben durch Mixer und Schwerkraft. Was aber letztere genau sei, darüber schweige sich die Wissenschaft aus. ‚Schwerkraft’ sei genauso unbekannt wie die menschlichen Gene, so Draesner. Man wisse nicht, wie der Mensch entstehe – und eben auch nicht, warum er auf der Erde herumlaufe: „Die einfachsten Dinge weiß man oft nicht.“ Ein Hinterfragen unseres Daseins musste spätestens dann auf dem Plan stehen, als Ulrike Draesner ganz im Zuge der Recherchepraxis des 21. Jahrhunderts mittels einer Internetsuchmaschine erstaunt feststellte, dass es, rechne man Zahnarztbohrer und Küchenmixer dazu, mehr Pürierer als Menschen gebe.
So stellte sich die Autorin, nachdem sie wie ein Conférencier in einer wortgewaltigen Einleitung das Publikum in ihr Poetikcabaret geführt hat, mit etwas leiseren Tönen die Frage nach der Bedeutung von Herkunft, Heimat und Bestehen.
Grob vereinfacht bot sich früher dem Menschen in seinem verzweifelten Streben nach Fortbestehen in der Welt die einfache Möglichkeit des Bäumchenpflanzens und Kinderzeugens. Wem dies hingegen nicht lag, konnte auf einen Platz im kollektiven Gedächtnis dieser Welt hoffen, wenn er sich künstlerisch verewigte, etwa durch Literatur. „Der Begriff ‚Zeugen’,“ postulierte die Autorin, „träumt vom Überleben; Literatur ebenfalls.“ Doch was, so fragte sich Ulrike Draesner, bedeutete solch eine Form von Weiterleben in einem Zeitalter der Klone? „Da kippt das genmanipulierte Huhn vor Lachen von der Stange.“ Zauber im Zoo. Anhand ihrer Shakespeare-Radikalübersetzungen erörterte sie, wie problematisch das Pronomen ‚ich’ werden könne – sobald es vor oder von einem Klon gesprochen werde.
Das andere große Thema ihres ersten Vortrags, die Heimkehr, habe eine zerstückelte Tradition: Ulrike Draesner berichtete von der Pürierung des Wortes, das seitdem im großen Mixer der Geschichte feststecke. Der griechische Mythos hatte dieses sprachliche Problem freilich nicht. So kann er unvoreingenommen vom berühmtesten Heimkehr, Odysseus, berichten. An seinem Beispiel zeigte Draesner eindrucksvoll, aber auch ungewohnt unkonventionell auf, wie doppelbödig das Spiel mit der Heimat in der Odyssee gespielt werde. Jedes Heimkehren habe, so Ulrike Draesner, zwei Seiten: die des Gefahrenen und die des Gebliebenen. Nicht die Rückkehr sei die Heimkehr, sondern ihr Zusammenspiel mit dem Aufgenommenwerden. „Heimat ist nicht Zeit, ist nicht Raum, sondern Kommunikation.“ In den Augen Ulrike Draesners mache dies allerdings nicht den Menschen aus: Reif werden bedeute, so die Autorin, seiner Herkunft zu entwachsen: „Herkunft kriegt man geschenkt, den Rest muss man sich erarbeiten.“ Ganz wie bei Odysseus sei der Weg das Ziel. Über ihre persönlich künstlerische Herkunft brauchte Ulrike Draesner deswegen nur ein Wort zu verlieren: Ihre Herkunft heiße ‚Lesen’.
Ulrike Draesner setzt ihre Reise durchs „Ende des Alphabets“ am 20. und 27. Juni (Thema ‚Züngeln’ und ‚Zehren’) sowie am 11. Juli 2006 (Thema ‚Zielen’) fort. Einen Tag später findet im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia ein Kolloquium über und mit Ulrike Draesner statt, zu dem Interessierte herzlich eingeladen sind.
Weitere Informationen finden sich auf der Homepage des Lehrstuhls für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft (Prof. Dr. Marx) [mehr]
News Sommersemester 2006 vom 20.06.06